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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.06.2013

Eine Schauergeschichte

Günter Eich: "Theodor Fontane - Unterm Birnbaum", Der Hörverlag 2013, 1 CD, ca. 69 Minuten

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Das Hörbuch dreht sich um einen Mordfall. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)
Das Hörbuch dreht sich um einen Mordfall. (Stock.XCHNG / Nate Nolting)

Theodor Fontanes Kriminalroman "Unterm Birnbaum" offenbart erst in Günter Eichs Hörspielfassung seine wahren, psychologischen Qualitäten. Darin geht es um ein hoch verschuldetes Ehepaar, das seinen Gläubiger ermordet - und es schafft, die Polizei auf die falsche Spur zu führen. Der Hörer gewinnt auch einen tiefen Einblick in die Seelenlage des vergangenen Jahrhunderts.

"Hradschek hat eine Erbschaft gemacht, Herr Szulski, mit meiner Erbschaft is doch nicht weit her, außerdem war‘s ja meine Frau, und nicht ich. Erbschaft, soso, daher, gratuliere. Erbschaft ist die beste Art zu Gelde zu kommen. Haha."

Da sitzen sie am Abend in fröhlicher Runde in Abel Hradscheks Gasthof, in der Nähe von Küstrin, nahe der polnischen Grenze. Unter ihnen auch der Weinlieferant Szulski. Der ist am nächsten Morgen verschwunden, und Justizrat Vowinkel stellt Fragen:

"Wir haben bei Hradschek schon immer einen getrunken, ohne dass einer ermordet worden ist. Wieso? Ist einer ermordet worden? Ich dachte, deswegen werden wir verhört."

Stimmt. Hradchek wird unter Mordverdacht verhaftet - und Gattin Ursel gibt sich ahnungslos:

"Ich denke, man hat das Pferd und die Kutsche in der Oder gefunden. Aber ganz am Rande. Aber Szulski hat man nicht gefunden. Der Fluss hat ihn mitgenommen. Obwohl der heftigste Wind die Wellen gegen Land drückte.

Warum ist die Leiche dann nirgends angespült worden? Vielleicht gibt es keine Leiche. Wie meinen Sie das?Vielleicht hat der Szulski den Unfall nur vorgetäuscht."

Fontane entrollte in seinem für die Zeit typischen behäbigen Gartenlaube-Erzählfluss eine Schauergeschichte, mit Nebel und Sturm, geisternden Lichtern, zufallenden Kellertüren und spukenden Toten. Günter Eich machte daraus ein von vielen Nebensächlichkeiten und Seitensträngen entkleidetes, atmosphärisch dichtes und mit lebensechten Charakteren bevölkertes akustisches Kleinod:

"Das Licht ging aus. Und alles war dunkel, Herr Justizrat. Dann ging drüben die Gartentür auf und Hradschek kam mit einem Licht in der Hand heraus. Neben ihm auf der Türschwelle lag etwas.

Eine Truhe? War nicht lang genug. Ein Korb, eine Kiste? Hradschek hatte das Licht abgestellt und dann kam er mit einem Spaten in den Garten, und unter dem Birnbaum fing er an zu graben."

Doch der Mord und die anschließende Beseitigung der Leiche sind hier gar nicht das Hauptthema. Fontane und in seinem Gefolge Günter Eich ging es darum, zu zeigen, was die Tat bei den Mördern selbst auslöst:

"Gestatten Sie, dass ich Platz nehme? Szulski! Wissen Sie, der Platz im Keller, den mir Ihr Herr Gemahl ausgesucht hat, ist nicht besonders günstig. Ich meine nicht, wegen der Feuchtigkeit, aber es ist verdammt einsam da unten.

Wie sind Sie eigentlich mit meinem Pferd zurechtgekommen? War schrecklich, Herr Szulski, es schrie wie ein Mensch. Ich hörte, dass man hier im Dorf ein Lied sang. Schade, jetzt singen sie es nicht mehr. Morgenrot, Morgenrot, Abel schlug den Kain tot."

Theodor Fontane konnte zwar von Sigmund Freud und dessen Theorie der Verdrängung noch nichts wissen. Ganz offensichtlich aber war er ein Kenner der menschlichen Seele.

Anders lässt sich die alptraumhafte, Wiederkehr des Opfers im Unterbewusstsein von Ursel Hradschek nicht erklären - und auch nicht der plötzliche Tod der Wirtsfrau:

"Beeilen Sie sich, Mutter Jeschke, sonst hat der Pastor schon die Grabrede angefangen. Der Hradschek, weint der eigentlich? Wenn die Frau gestorben ist, denn muss er wohl weinen, des gehört sich!"

Bei Abel Hradschek selbst bleibt der Mechanismus der Verdrängung ein wenig länger intakt:

"In Berlin, sagt er, musst Du fein, sagt er und gescheit, sagt er, immer sein, denn da haben‘s sagt er viel Verstand sagt er, ich bin dort sagt er schon bekannt. Ganz besonders sagt er - Verzeihung, dürft ich mal Ihr Opernglas haben. Ja klar dürfen Sie das. Der ist jut. Ja, großartig!"

Hradscheks neues Glück in Berlin währt nicht lange. Auch er nimmt, von Furien getrieben, ein entsetzliches Ende:

"Und jetzt geh‘ hinunter und grab ihn aus.
Siehst Du sein Gesicht schon? Nein, ich kann nicht mehr!
Aufwachen! Schnell aufwachen! Keine Bange Hradschek, wir kennen uns ja,
Kommen Sie, Hradschek. Ah!"

Wohl erst in Günter Eichs konzentrierter Hörspielfassung von 1961 offenbart Fontanes kleiner Kriminalroman "Unterm Birnbaum" seine wahren, psychologischen Qualitäten.

Wir Heutigen gewinnen so einen tiefen Einblick in die Seelenlage eines vergangenen, von Aberglauben und Gespensterfurcht geprägten Jahrhunderts - in einem wunderbar "altmodisch" anmutenden Hör-Kunst-Stück, mit Schauspielern, deren Sprech-Kultur von der Blütezeit des Hörspiels kündet. Und spannend ist es obendrein.

"Und der Herr, Male, sieht aus, als hätte ihm der Teufel den Hals umgedreht."

Besprochen von Sigrid Menzinger

Theodor Fontane: Unterm Birnbaum
Hörspielbearbeitung: Günther Eich; Regie: Fritz-Schröder-Jahn;
Mit Heinz Klevenow, Tilla Durieux, Siegfried Lowitz, Bruni Löbel u. a.
Der Hörverlag 2013, 1 CD , ca. 69 Minuten, 14,99 Euro

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