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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.02.2012

Eine frühe Form der Völkerkunde

Cornelia Gerlach: "Pionierin der Arktis", Kindler Verlag, München 2012, 352 Seiten

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Josephine Peary erliegt dem Zauber des Eises. (picture-alliance/ dpa)
Josephine Peary erliegt dem Zauber des Eises. (picture-alliance/ dpa)

Als Robert E. Peary vor mehr als hundert Jahren in die Arktis aufbricht und versucht, als erster Forscher den Nordpol zu erreichen, beschließt seine Frau Josephine, ihn zu begleiten. Cornelia Gerlach erzählt die ergreifende Lebensgeschichte der ersten weißen Frau bei den Polareskimos.

Sie war mehr als "nur" die Ehefrau eines der größten Entdecker des frühen 20. Jahrhunderts, von Robert Peary, der angeblich am 6. April 1909 als erster Mensch am Nordpol stand: Josephine Peary selbst war eine Pionierin der Arktis, wie jetzt die Berliner Journalistin Cornelia Gerlach in ihrem gleichnamigen Buch eindrucksvoll belegt.

Josephine Peary war eine vielschichtige Persönlichkeit, die sich aus dem engen Korsett ihrer Epoche löste, in der Frauen meist nur als schmückendes Anhängsel eines Mannes wahrgenommen wurden. Die 1863 als Josephine Diebitsch in einer Kleinstadt in Maryland geborene war nicht die typische Entdeckerfrau, die zu Hause händeringend und häkelnd auf die Heimkehr ihres abenteuerlustigen Mannes wartete.

Sie war die erste weiße Frau in der Arktis - sie begleitete ihren Mann auf mehreren Reisen, gebar ihr erstes Kind auf Grönland, leitete Rettungsaktionen, um ihren Mann aus dem ewigen Eis zu holen, hielt Vorträge und war der erste Mensch, der das Alltagsleben der Inuit dokumentierte.

1891 bricht die damals 28-Jährige erstmals mit ihrem Mann nach Grönland auf. Cornelia Gerlach erzählt lebendig, wie ihre Heldin Beluga Wale anschwärmt und Walrösser fürchtet, wie sie mit ihrer unpraktischen Kleidung - einem taillierten langen Mantel - durch den Schnee stolpert und auf Inuit trifft. Mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination betrachtet sie diese, ekelt sich vor Schmutz und Ungeziefer und ihrer Nacktheit, wenn die Inuit im geheizten Iglu nach und nach ihre Kleidungsstücke ablegen.

Zugleich beobachtet sie aber ihren Alltag genau und macht sich Notizen: wie sie sich grüßen, die Frauen tauschen, wie sie reisen sobald im arktischen Winter die Fjorde und Buchten zugefroren sind und Verwandte besuchen, und wie sie ihre Kleidung herstellen. Es ist eine frühe Form der Völkerkunde, die sich nicht wie bis dahin üblich in der Vermessung von Körperteilen erschöpft, sondern erstmals die Lebensformen der Inuit beschreibt.

Im September 1893 bekommt sie ihr erstes Baby auf Grönland, 1897 und 1900/1901 reist sie erneut in den Norden. Nicht nur ihres Mannes wegen, auch Josephine Peary erliegt - wie Gerlach glaubhaft schildert - dem Zauber des Eises.

All das ist gut recherchiert und dokumentiert, denn Josephine Peary hat zahlreiche Berichte hinterlassen. Zudem ist Cornelia Gerlach tief in die Familiengeschichte eingestiegen und hat auch Unveröffentlichtes über ihre Heldin ausgegraben. Vorsichtig versucht die Autorin Josephine Pearys Gedanken wiederzugeben, erzählt von deren Jugend und ihrem Traum auch als Frau selbstbestimmt leben zu wollen - wie Josephine Peary es 1880 in ihrer Abschlussrede am College formulierte. Immer wieder bettet sie die Familiengeschichte - Pearys Eltern kamen nach der 1848er Revolution aus Deutschland nach Amerika - geschickt in die Polarerzählung ein.

Entstanden ist so das spannende Porträt einer ungewöhnlichen Frau. Einer Frau, die sich immer wieder traute, aus den Zwängen ihrer Zeit auszubrechen.

Besprochen von Günther Wessel

Cornelia Gerlach: Pionierin der Arktis, Josephine Pearys Reisen ins ewige Eis
Kindler Verlag, München 2012
352 Seiten, 19,95 Euro

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