Eine deutsche Geschichte mit Zwischentönen
Noch ein Buch über deutsch-jüdische Geschichte vor, während und nach der NS-Zeit? Gibt es nicht schon zu viel? Das könnte man meinen. Irrtum, denn jede Geschichte ist irgendwie anders und irgendwie neu. Jede ist ergreifend, erschütternd und lässt einen auch Tage nach der Lektüre nicht los. Je mehr ich lese und über die NS-Zeit weiß, desto weniger verstehe ich, was geschah und wie es geschehen konnte; dass "Menschen wie du und ich" zu Mördern, Mitmachern oder nur (nur?) Mitläufern wurden, teilweise in ein und derselben Familie.
Ich gestehe: So ist es mir mit Sibylle Krause-Burgers Buch gegangen. Vor der Lektüre dachte auch ich: Schon wieder und noch mehr? Während und nach der Lektüre war ich gefesselt.
Sibylle Krause-Burger ist eine bedeutende Journalistin, gehört also einer oft geschwätzigen Zunft an, ohne dass sie je zu den Schwätzern gehörte. Informieren, das dürfte ihre Devise gewesen sein. Manche werden ihr Buch über Joschka Fischer oder Gerhard Schröder gelesen haben. Kurzum, eine Frau von intellektuellem, publizistischen und politischen Gewicht.
Die beschriebenen Qualitäten treffen auch auf Krause-Burgers neuestes Buch zu. Hier erzählt sie bewegt, bewegend und dennoch meistens sachlich - nur selten einem schnippisch überlegenen politisch-korrekten Jargon verfallend - die tragische Geschichte einer - ihrer - Familie, in der es Juden und Nichtjuden, Opfer, Täter und Mitläufer gab.
Die "Mischung", die "Mischehe" ihrer jüdischen Mutter und ihres nichtjüdischen Vaters macht den "Reiz" dieses Buches aus. Hier gibt es nicht nur schwarz (genauer: braun) oder weiß (genauer: das den Juden verordnete Gelb), hier gibt es viele Zwischentöne, denn die Welt der Wolles (das ist die Mutterfamilie) und der Burgers (der Vaterfamilie) ist eine Zwischenwelt mit Zwischentönen - ebenso wie eindeutigen.
Da ist die eigentlich kränkliche Mutter. Das Judentum bedeutete ihr und den meisten der Ihren nichts mehr. Und doch wurden sie als Juden verfolgt. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden ermordet. Im Mikrokosmos dieser Familie erleben und erlesen wir die Doppel-Tragödie des deutschen Judentums: Tragödie eins: Die Ermordung der deutschen Juden. Tragödie zwei: Die Ermordung wegen eines Judentums, das ihnen nichts mehr wirklich bedeutete.
Anders als viele andere deutsche und westeuropäische, auch amerikanische Juden hat Sibylle Krause-Burgers Mutter nach 1945 kein trotziges und nicht immer religiös oder historisch fundiertes Jetzt-erst-recht-Judentum entwickelt. Sie empfand - man versteht es gar nicht - ihr Judentum auch "nach Auschwitz" als Makel.
Was für eine Situation! Weil mit einem "Arier" verheiratet, wurde die Mutter nicht deportiert. Als es dennoch lebensgefährlich-brenzlig wurde, fand sie mit ihren zwei Kindern Unterschlupf. Bei wem und wo? In einem schwäbischen Dorf bei ihrem antisemitischen, aber nicht nazistischen und schon gar nicht zum Judenmord bereiten Schwiegervater und ihrer nach 1945 auch noch obernazistischen Schwägerin, die mit einem im Dritten Reich wilden SS-Mann verheiratet war, der in der Bundesrepublik zum Männlein mutierte und - anders als viele andere - keine Zweitkarriere schaffte.
Der Vater der Autorin: Was für eine Persönlichkeit. Sibylle Krause-Burger ist genug professionelle Journalistin, um nicht in töchterliches Schwärmen zu (ver)fallen. Sie beschreibt Lebenssituationen und -stationen ihres Vaters. So können die Leser sich ihr eigenes Bild von diesem Mann formen. Es ist dem Vater von Joachim Fest durchaus vergleichbar, wenngleich ganz anders. Eindrucksvoll, dass und wie dieser Mann seinen Mann stand und, trotz geradezu übermenschlicher Erschwernisse Mensch und eine Jüdin, seine Jüdin liebender Ehemann blieb. Ganz ohne Schnulzigkeit und Rührseligkeit ist das eine rührende, eindrucksvolle Liebes- und Lebensgeschichte.
Ich will das Buch nicht nacherzählen, rezensieren im engeren Sinne kann man es nicht, wohl aber nachdrücklich empfehlen.
Sibylle Krause-Burger: Herr Wolle lässt noch einmal grüßen
Geschichte meiner deutsch-jüdischen Familie
Deutsche Verlagsanstalt, München 2007
Sibylle Krause-Burger ist eine bedeutende Journalistin, gehört also einer oft geschwätzigen Zunft an, ohne dass sie je zu den Schwätzern gehörte. Informieren, das dürfte ihre Devise gewesen sein. Manche werden ihr Buch über Joschka Fischer oder Gerhard Schröder gelesen haben. Kurzum, eine Frau von intellektuellem, publizistischen und politischen Gewicht.
Die beschriebenen Qualitäten treffen auch auf Krause-Burgers neuestes Buch zu. Hier erzählt sie bewegt, bewegend und dennoch meistens sachlich - nur selten einem schnippisch überlegenen politisch-korrekten Jargon verfallend - die tragische Geschichte einer - ihrer - Familie, in der es Juden und Nichtjuden, Opfer, Täter und Mitläufer gab.
Die "Mischung", die "Mischehe" ihrer jüdischen Mutter und ihres nichtjüdischen Vaters macht den "Reiz" dieses Buches aus. Hier gibt es nicht nur schwarz (genauer: braun) oder weiß (genauer: das den Juden verordnete Gelb), hier gibt es viele Zwischentöne, denn die Welt der Wolles (das ist die Mutterfamilie) und der Burgers (der Vaterfamilie) ist eine Zwischenwelt mit Zwischentönen - ebenso wie eindeutigen.
Da ist die eigentlich kränkliche Mutter. Das Judentum bedeutete ihr und den meisten der Ihren nichts mehr. Und doch wurden sie als Juden verfolgt. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden ermordet. Im Mikrokosmos dieser Familie erleben und erlesen wir die Doppel-Tragödie des deutschen Judentums: Tragödie eins: Die Ermordung der deutschen Juden. Tragödie zwei: Die Ermordung wegen eines Judentums, das ihnen nichts mehr wirklich bedeutete.
Anders als viele andere deutsche und westeuropäische, auch amerikanische Juden hat Sibylle Krause-Burgers Mutter nach 1945 kein trotziges und nicht immer religiös oder historisch fundiertes Jetzt-erst-recht-Judentum entwickelt. Sie empfand - man versteht es gar nicht - ihr Judentum auch "nach Auschwitz" als Makel.
Was für eine Situation! Weil mit einem "Arier" verheiratet, wurde die Mutter nicht deportiert. Als es dennoch lebensgefährlich-brenzlig wurde, fand sie mit ihren zwei Kindern Unterschlupf. Bei wem und wo? In einem schwäbischen Dorf bei ihrem antisemitischen, aber nicht nazistischen und schon gar nicht zum Judenmord bereiten Schwiegervater und ihrer nach 1945 auch noch obernazistischen Schwägerin, die mit einem im Dritten Reich wilden SS-Mann verheiratet war, der in der Bundesrepublik zum Männlein mutierte und - anders als viele andere - keine Zweitkarriere schaffte.
Der Vater der Autorin: Was für eine Persönlichkeit. Sibylle Krause-Burger ist genug professionelle Journalistin, um nicht in töchterliches Schwärmen zu (ver)fallen. Sie beschreibt Lebenssituationen und -stationen ihres Vaters. So können die Leser sich ihr eigenes Bild von diesem Mann formen. Es ist dem Vater von Joachim Fest durchaus vergleichbar, wenngleich ganz anders. Eindrucksvoll, dass und wie dieser Mann seinen Mann stand und, trotz geradezu übermenschlicher Erschwernisse Mensch und eine Jüdin, seine Jüdin liebender Ehemann blieb. Ganz ohne Schnulzigkeit und Rührseligkeit ist das eine rührende, eindrucksvolle Liebes- und Lebensgeschichte.
Ich will das Buch nicht nacherzählen, rezensieren im engeren Sinne kann man es nicht, wohl aber nachdrücklich empfehlen.
Sibylle Krause-Burger: Herr Wolle lässt noch einmal grüßen
Geschichte meiner deutsch-jüdischen Familie
Deutsche Verlagsanstalt, München 2007
