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Rang I | Beitrag vom 18.11.2017

"Ein Volksfeind" im Wiener Burgtheater Die Demokratie am Pranger

Von Michael Laages

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Die Regisseurin Jette Steckel, aufgenommen 2008 während eines Pressegespräches in der Redaktion von "Theater Heute" (imago/DRAMA-Berlin.de)
Die Regisseurin Jette Steckel feiert mit dem Ibsen-Stück "Ein Volksfeind" am Wiener Burgtheater Premiere. (imago/DRAMA-Berlin.de)

Die Lüge siegt über die Wahrheit. Wer will, kann aktuelle Wahlergebnisse, in Österreich oder sonstwo, visionär gespiegelt sehen in dieser ollen Kamelle des Theaters, meint unser Kritiker Michael Laages kurz vor der Premiere von "Ein Volksfeind" im Wiener Burgtheater.

Wie wird denn wohl das Volk zu Worte kommen heute Abend und im Wiener Burgtheater, wenn Regisseurin Jette Steckel zeigt, wie "Ein Volksfeind" umgeht mit Chancen und Risiken, Stärken und Schwächen der "Demokratie", wie wir sie kennen? Henrik Ibsens Stück aus dem Jahr 1882, seit 1890 auch auf deutschen Bühnen zu Hause, ist ja so etwas wie die Anti-"Orestie". Steht am Ende der über Generationen dauernden Rache-Schlacht des Aischylos die Geburt der Demokratie, der Entscheidungsherrschaft also durch das Volk, so markiert Ibsen vor 135 Jahren schon jenen Punkt, wo diese Herrschaft zu scheitern beginnt und durch den sozusagen eingebauten Irrtum, die Sollbruchstelle von Entscheidungen durch das Volk, die permanente Sinnlosigkeit der Demokratie dramatisch kenntlich wird.

Wem dieser "Volksfeind" schon öfter begegnet ist auf der Bühne, wird speziell einen Moment in Erinnerung behalten – einer der beiden Brüder Stockmann, Badearzt in einem Kurort, will so öffentlich wie möglich, in einer Volksversammlung also, Belege vorbringen für die Warnung vor der tendenziell tödlichen Giftbelastung des örtlichen Wassers. Der andere Bruder Stockmann ist Bürgermeister und sieht (sicherlich zu Recht) die Zukunft des lokalen Geschäftsmodells in Gefahr – ohne sauberes Wasser geht der Kurort absehbar vor die Hunde. Die Studien und Gutachten des Arztes belegen deutlich die Gefahr, die lokale Presse hat den Fall schon aufgegriffen. Nun aber kippt die öffentliche Meinung, die Presse macht nicht mehr mit, der Arzt wird isoliert, scheitert an den Honoratioren, aber eben auch an der Mehrheit, der die eigene gesicherte Zukunft wichtiger ist als das Risiko, dass es bald Tote geben könnte, gestorben am Gift im Wasser.

Manipuliert durch Macht und Medien

Der Einzelne, der Arzt, hat offenkundig recht. Das Volk, "die liberale kompakte Mehrheit", wie es bei Ibsen heißt, zwar manipuliert durch Macht und Medien, aber eben auch selber und als Masse unverantwortlich, hat offenkundig unrecht – setzt sich aber durch. Die Lüge siegt über die Wahrheit. Wer will, kann aktuelle Wahlergebnisse, in Österreich oder sonstwo, visionär gespiegelt sehen in dieser ollen Kamelle des Theaters.

Und "das Volk" persönlich steht zwar nicht auf der Besetzungsliste, ist aber trotzdem einer der Hauptakteure. Als Andreas Kriegenburg vor gut 20 Jahren in Hannover vom 'Volksfeind' erzählte, begann der zweite Stückteil nach der Pause im Foyer – wir waren noch mit Speis und Trank beschäftigt, und schon wurde der Fall des gefährlichen Badearztes weiter verhandelt, mit uns, dem Wahlvolk, den Entscheidern, als Kulisse. Später mal ließ Regisseur Florian Fiedler (seit kurzem Intendant in Oberhausen, wo er die Inszenierung auch zeigen wird) seinen Volksaufklärer in die Reihen des Publikums stürmen und von dort aus agitieren.

Die Wahrheit in der Hand

Aber natürlich ginge das Stück auch weiter wie es im Buche steht, selbst wenn wir, die Menschen im Theater, den Volksaufklärer einstimmig unterstützten – zum "Volksverräter", wie Hermann Schmidt-Rahmer am Schauspielhaus in Bochum gleich das Stück als Ganzes im Titel verschärfte, muss er in jedem Fall werden, der Mann mit der Wahrheit in der Hand, die so sehr weh tut. Stellen wir uns doch spaßeshalber mal einen Wissenschaftler vor, der belegen könnte, dass Diesel-Abgase tödlich sein können – wie instruieren nun wir, das Volk, das ja angeblich herrscht, die Politiker, die uns und unsere Meinung repräsentieren sollen für vier Jahre?

Es gibt kaum einen Text sonst, mit dem das Theater so umstandslos "aktuell" sein kann. Auch wo er ziemlich überholt und veraltet wirken mag. Denn natürlich gelten die Verweise auf die Macht von Presse und politischen Interessengruppen im Original nur noch sehr bedingt. Politische Kampagnen wie die des Arztes würden heute sicher mit Hilfe von "Campact" oder "Change.org" im Internet geführt. Am Ergebnis aber ändert das nur wenig – wo "Ein Volksfeind" auftritt, steht die Demokratie persönlich am Pranger, und wir mit ihr.    

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