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Kompressor | Beitrag vom 22.03.2019

Ein Selbsttest mit MuseumsappIntensiv im Gespräch mit dem Heiligen Sebastian

Von Christine Habermalz

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Blick von oben auf Museumsbesucher (imago stock&people)
Blick von oben auf Museumsbesucher (imago stock&people)

Die Berliner Museen testen eine neue App. Sie soll Besucher durch die Häuser der Museumsinsel begleiten. Die App ist in der Lage zu unterscheiden, wer hier welche Fragen stellt, und passt seine Antwort dem Fragensteller an.

Am Anfang steht ein Date. Ich muss ein Objekt finden, das ich attraktiv finde, und das sich auch für mich interessiert. Bloß, dass ich noch gar nicht genau weiß, auf wen ich mich einlasse, denn auf den Fotos, die ich wie beim Tindern auf dem Smartphone entweder nach rechts – topp – oder nach links – Flopp – wischen kann, sind nur kleine Bildausschnitte zu sehen. Ich wische. Schließlich habe ich Erfolg.

"Ah! Jetzt kommt's zu einem Match. Okay, also der Kopf des Heiligen Sebastian, der interessiert sich auch für dich. Du kannst jetzt eine Konversation mit ihm anfangen. Oh, wie spannend. Okay!"

Ein Dialogfeld öffnet sich. Der heilige Sebastian begrüßt mich. Zu sehen ist nur der Teil eines steinernen Mundes. Die Mundwinkel sind schmerzvoll nach unten gezogen.

– "Er redet jetzt mit mir?"
- "Salve! Zuerst möchte ich erklären, warum ich etwas unglücklich bin. Denn so wie ich hier präsentiert werde, kennt mich niemand."
- "Als was kennt man Sie denn?"
- "Als Märtyrer und Heiliger. Zumindest bin ich sehr alt. Wie so viele Dinge hier im Museum."

Auf der Suche dem Heiligen Sebastian

Christian Stein vom "Gamelab", das die App für das Humboldtforum entwickelt, zeigt mir, wie ich mit dem Heiligen Sebastian intensiver ins Gespräch kommen kann. Schließlich ist es mein erster Chat mit einer Museumsfigur.

Ich erfahre, dass er normalerweise von Pfeilen durchbohrt dargestellt wird und dass das nubische Pfeile sind, die der römische Kaiser auf ihn abfeuern ließ, weil er dem Christentum nicht abschwören wollte; außerdem, dass er nur scheintot war und durch eine schöne Frau wieder erweckt wurde, um sich gleich noch einmal für seinen Glauben hinrichten zu lassen. Diesmal im Circus Maximus, durch Keulenhiebe. Am Ende lädt mich der Heilige Sebastian ein, ihn im Museum zu finden.

Mit dem Smartphone in der Hand laufe ich durch die Hallen und suche nach dem mir nun schon vertrauten herabhängenden Mundwinkel. Es dauert, bis ich ihn gefunden habe. Und ich bin überrascht. Es ist nur sein Kopf, der noch da ist, geschaffen vom italienischen Renaissance-Bildhauer Agostino de Fondulis. Der Körper mit den Pfeilen ist 1945 in Berlin zerstört worden.

Selfie mit dem Ausstellungsstück

Jetzt habe ich die Wahl, ob ich noch ein bisschen mit ihm plaudern will oder ein Foto von ihm machen möchte. Auch ein Selfie mit uns beiden ist drin. Fotografieren im Museum: Ausdrücklich erlaubt. Die Erkenntnis dahinter, erklärt mir Christian Stein: Viele Menschen könnten die Welt gar nicht mehr wahrnehmen, wenn sie sie nicht durch ein Smartphone betrachten: "Zum Beispiel das Fotografieren von Objekten im Museum. Sieht man ganz häufig in ganz vielen Museen. Die Leute tun das fast schon aus Verzweiflung. Weil sie sich mit den Objekten auseinandersetzen wollen, aber gar nicht mehr so richtig wissen, wie das geht. Und was wir tun, ist, das Foto wieder mit Bedeutung aufzuladen."

Ich kann den Heiligen Sebastian in einer persönlichen Fotogalerie abspeichern, die funktioniert wie ein Sammelalbum – und erneut losziehen. Die App, erfahre ich von Christian Stein, hat mich als kulturinteressierten Museumsbesucher identifiziert und wird mir jetzt nur noch entsprechend angepasste Dialoge anbieten.

Algorithmus kategorisiert den Besucher

Ich bin irritiert. Wie hat der Algorithmus das herausgefunden? Nur durch die Auswahl des Heiligen Sebastian? Durch alle Auswahlprozesse am Anfang, sowohl die Dislikes als auch die Likes, wurde sozusagen kategorisiert, welche Kategorie wahrscheinlich am zutreffendsten ist.

Ich versuche, das System zu überlisten und gebe den pubertierenden Sechzehnjährigen. Beim nächsten Chat interessiere ich mich nicht für Renaissance-Putti oder Skulpturen, sondern für etwas Technischeres, ein Chorgestühl. Es fragt mich, ob ich Rätsel mag, oder lieber nichts so schwieriges.

Lieber nicht so schwierig, gebe ich an. "Ich bin einer und gleichzeitig bin ich viele. Wie kann das sein?" fragt mich das Chorgestühl. Zur Auswahl steht: "Das finde ich noch heraus." Oder: "Du bist vollkommen gestört." Ich klicke auf letzteres: Vollkommen gestört.

- "Damit hast du das Objekt verschreckt und es möchte nicht weiter mit dir reden."
- "Das heißt auch: Die Objekte möchten nicht als gestört bezeichnet werden!"
- "Die Objekte haben auch Charakter. Wir möchten die Objekte nicht steril und objektiv darstellen, sondern sie mit Ecken und Kanten darstellen."

Dialog über Rückgabe

Zum Schluss chatte ich noch mit einer Benin-Bronze. Das Objekt klärt mich auf, dass es nicht aus Berlin stammt, sondern aus Benin, Westafrika. "Um mich hat es viel Streit gegeben", sagt die Figur. "Englische Soldaten haben mich im Krieg geraubt. Findest du man sollte mich zurückgeben?"

Ich gebe mich störrisch. "Nein", sage ich. "Du gehörst doch jetzt hierher." Die Benin-Bronze ist geduldig mit mir. Es wäre aber doch schön, sagt sie, wenn zumindest meine Geschichte im Museum erzählt werden würde. Ich stimme zu – und mache ein Selfie mit ihr.

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