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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.06.2017

Ein Rückblick auf "Axolotl Roadkill" "Der Plagiatsvorwurf gegen Helene Hegemann war übertrieben"

Rainer Moritz im Gespräch mit Frank Meyer

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Helene Hegemann  (picture alliance/dpa/Foto: Arno Burgi)
Nach den Plagiatsvorwürfen gegenüber Helene Hegemann fügte ihr Verlag - Ullstein - ihrem Buch "Axolotl Roadkill" ein "Quellenverzeichnis" an. Im Internetzeitalter sei "copy and paste" üblich, sagt Literaturkritiker Rainer Moritz. (picture alliance/dpa/Foto: Arno Burgi)

Der Aufschrei in den Feuilletons 2010 war groß: Helene Hegemann habe Teile ihres Buches "Axolotl Roadkill" abgeschrieben. Unser Literaturkritiker Rainer Moritz findet: Das war alles halb so wild. Was ist noch vom "Axolotl"-Hegemann-Kult geblieben?

Annlässlich der Verfilmung ihres Romans sagte Helene Hegemann selbst im Deutschlandfunk Kultur: "Es war ja kein abgeschriebenes Buch oder so. Es waren zwei Seiten von 200, die sich zusammensetzten aus modifizierten Sätzen aus anderen Quellen. (...) Ich glaube, das ist, wenn man es rückblickend betrachtet, kein ganz so großes Drama, wie man damals mal vermutet hatte." Rainer Moritz gibt ihr Recht:

"Es hat Übernahmen gegeben. Sie hat sicherlich dazu beigetragen, das Ganze hochzuschaukeln, indem sie Interviews ganz lapidarer Art gegeben hat, das sei gar nicht schlimm, es gebe in unserer Gegenwartskunst (...) nichts Authentisches mehr, alle würde sich aus allem bedienen. Sie hat versucht, das auf eine pseudotheoretische Ebene zu heben. Das hat die Sache nicht besser gemacht. Aber (…) wenn man zurückblickt auf Literaturkritiken, die seinerzeit sofort nach Erscheinen herauskamen, dann hat man den Plagiatsvorwurf mit Sicherheit übertrieben."

"Diese Szene, diese Drogenwelt, diese Technoclubs"

Das große Interesse an der damals 17-jährigen Debütantin führt Moritz vor allem auf den Jugendkult zurück: "Die deutsche Literaturkritik schaut erregt immer auf Phänomene, wenn etwas passiert, was eben nicht nach Martin Walser oder anderen klassischen  Autoren aussieht." Dazu das Buch selbst: "Dieses Schnoddrige, dieses Berlinerische, diese Szene, diese Drogenwelt, diese Technoclubs - das alles waren Komponenten, die dazu geführt haben, dass die Literaturkritik, das Feuilleton sehr neugierig waren nach dem Motto: mit dieser Autorin, mit dieser Geschichte können wir was anfangen."

Die Kernfrage sei, ob die Autorin etwas Neues gemacht habe - und darüber seien die Meinungen geteilt. Moritz selbst sieht in "Axolotl Roadkill" keine bedeutende Literatur: "Beim Wiederlesen hatte ich nicht das Gefühl, dass ich mein damaliges Urteil revidieren muss."

Lesart

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