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Sein und Streit | Beitrag vom 15.04.2018

Ein Plädoyer für die Vieldeutigkeit der WeltAmbiguität auszuhalten lässt sich trainieren wie Sport

Thomas Bauer im Gespräch mit Christian Möller

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Die Fassade der Alice Salomon Hochschule in Berlin mit dem Gedicht von Eugen Gomringer. In der Zeile heißt es: "Alleen und Blumen und Frauen und ein Bewunderer". (dpa-Zentralbild)
Das Gedicht "Avenidas" an der Fassade der Alice Salomon Hochschule (dpa-Zentralbild)

Das Gomringer-Gedicht vielleicht sexistisch, "Profess-x" eine Zumutung, der Doppelpass wieder umkämpft. Widersprüchliches und Uneindeutiges werde heute weniger toleriert, meint Thomas Bauer. Der Islamwissenschaftler erklärt, warum er Vieldeutigkeit auszuhalten für eine kulturelle Leistung hält.

Das Gomringer-Gedicht unter Umständen offen für Sexismus, der Vorschlag "Profess-x" eine Zumutung, der Doppelpass wieder umkämpft - "Ich glaube, wir beobachten überall heute in unserer Gegenwart eine Abnahme von Ambiguitäts-Toleranz, also der Fähigkeit Widersprüchliches, Gegensätzliches, aber auch Uneindeutiges auszuhalten", stellt Thomas Bauer fest.

Das war nicht immer so, meint der Islamwissenschaftler und verweist auf die vormoderne islamische Welt zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert. "Damals gab es eine große Bandbreite an Verhaltensweisen und Meinungen, die man hingenommen hat, auch wenn es nicht die eigenen waren und die Religion hat man wesentlich lockerer gelebt als heute – man hat nicht behauptet zu wissen, was jeder Koran-Vers genau heißt, sondern gesagt, da gibt es unterschiedliche Interpretationen."

Was für die Religion galt, traf auch im Umgang mit Sexualität zu. "Hübsche junge Männer schön zu finden, schien damals völlig normal", so Bauer. "Die Homoerotik erlebte damals eine Blüte."

Anders in Europa: Die Reformation bedeutete einen großen Einschnitt im Umgang mit Mehrdeutigkeit, so Bauer. Mit Luthers Gebot der "sola scriptura" setzte sich die Vorstellung durch, die Bibel könne eindeutig ausgelegt werden. "Und genau so sprechen heute islamische Fundamentalisten von der Eindeutigkeit der Schrift. Schon nach einer Minute Lektüre des Korans sieht man, dass das nicht stimmen kann. Das heißt, es muss immer Vieldeutigkeit geben. Alles andere führt zu Fundamentalismus, weil sich die Vieldeutigkeit nie beseitigen lässt."

Ambiguitäts-Toleranz als große aber bedrohte Kulturleistung

Vieldeutigkeit auszuhalten oder sogar zu bejahen, hält Bauer für eine große kulturelle Leistung: "Menschen sind von Natur aus eher dazu geneigt, Ambivalenzen zu vermeiden. Wenn man eine komplexe Kultur hat, in der die Menschen vor allem den Umgang miteinander trainieren – also Höflichkeit, Rücksichtnahme, Hilfsbereitschaft – dann entwickelt sich eine höhere Ambiguitätstoleranz, weil man gelernt hat, Dinge zu wollen, die dem augenblicklichen Interesse vielleicht widersprechen. Wenn aber eine Kultur in Bedrängnis kommt, dann fällt das oft weg."

So wie zum Beispiel in islamischen Gesellschaften ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo alte Gewissheiten unter dem Druck militärischer, wirtschaftlicher und ideologischer Dominanz der westlichen Welt zusammen brachen. Gleichzeitig stand diese Zeit in Europa aber auch unter dem Zeichen großer Ideologiebildung – Faschismus, Kommunismus und Nationalismus sollten sich im 20. Jahrhundert durchsetzen und dienten der verunsicherten islamischen Welt als neue Angebote der Selbstinterpretation. Der heutige Islamismus kam zum Schluss.

"Wir haben in der islamischen Welt eine große Verunsicherung, die zu einem enormen Rückgang von Ambiguitätstoleranz geführt hat. Das heißt, man schafft sich einen Islam als Ideologie – einen 'Disney-Islam' –, also einen, den es nie gegeben hat, den man aber wörtlich befolgen will."

Identitäten in Zeiten des Kapitalismus – eine zwiespältige Verquickung

Der Verlust von Mehrdeutigkeit hat aber nicht nur mit kultureller Interpretation zu tun, sondern auch mit technologischer und wirtschaftlicher Entwicklung. Ein großer Schub in der Reduktion von Ambiguität war das 18. Jahrhundert aus Bauers Perspektive, wo man dem Vorbild der Naturwissenschaften folgend, alles errechenbar machen wollte. "Der Durchbruch des Kapitalismus hat es dann geschafft, wirklich alles in Zahlen zu bringen".

Dabei sei Vereindeutigung nicht prinzipiell negativ. Die Technik muss Dinge eindeutig lösen – in einem Cockpit wollen wir wissen, was passiert, wenn wir den roten Knopf drücken. "Es geht nicht darum Ambiguitäten zu beseitigen, sondern darum, sie zu zähmen".

Gleichzeitig haben sich auch die Identitätsangebote heute stark vervielfältigt, was Bauer für zwiespältig hält: "Heute haben soziale Identitäten eine so große Bedeutung für uns, wie nie zuvor in der Geschichte." Negative Effekte sieht er dabei in der Verquickung dieser Identitätsangebote mit wirtschaftlichen Interessen:

"Die Werbung ist das größte Umerziehungs-Projekt, das es jemals in der Geschichte der Menschheit gegeben hat. Solidarische Antriebe, die die Menschen auch haben, werden dadurch zurück gedrängt und der Ich-Bezug gestärkt." Der Kapitalismus lehre uns, in unseren Mitmenschen vor allem Konkurrenten zu sehen. Auch das aus Bauers Perspektive ein Hindernis für ein freies, offenes und tolerantes Miteinander.

"Wenn die Menschen das Angebot bekommen, Ambiguitäten zu vermeiden, dann werden es viele annehmen. Und je stärker diese Angebote sind, desto stärker wird auch der Widerwille Ambiguität noch zu ertragen."

Kunst, Musik, Literatur – Ambiguität lässt sich trainieren

Der radikal vereindeutigte Mensch wäre der Mensch als Maschine, so wie er von manchen Posthumanisten phantasiert wird, meint Bauer und findet dementsprechend Räume der Mehrdeutigkeit dort, wo dem Zweck-Mittel-Denken widersprochen wird: in der Kunst, Musik und Literatur.

"Das sind Bereiche, wo man Ambiguität trainieren könnte. Genau so wie man Leuten Sportunterricht gibt, damit sie gesund bleiben. Dann bewegen sie sich, obwohl sie das eigentlich auch nicht ohne weiteres tun würden. So müsste man auch Ambiguität trainieren."

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