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Fazit | Beitrag vom 02.08.2021

Ein Jahr nach der ExplosionEs geht abwärts in Beirut

Matthias Lilienthal im Gespräch mit Sigrid Brinkmann

Ali Eyal: Don’t let the beautiful colors fool you, who would draw Goofy inside the rooms of grownups? (Ali Eyal / Mousonturm)
Einblicke in seine Sicht auf den Libanon gibt Ali Eyal in seinen Gemälden. (Ali Eyal / Mousonturm)

Vor einem Jahr ereignete sich die Explosion in Beirut. Der Libanon steckt schon länger in einer Krise. Nun zeigen libanesische Künstler bei einem Festival in Frankfurt ihre Sicht auf ihr Land und berichten von katastrophalen Zuständen.

Am 2. August 2020 explodierten in Beirut 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, 190 Menschen starben. Politiker behindern seitdem die Untersuchung, Demonstrationen werden mit Polizeigewalt aufgelöst.

Seit der steckengebliebenen Revolution von 2019 befindet sich der Libanon in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. Beim Festival "This Is Not Lebanon" im Frankfurter Mousonturm zeigen libanesische Künstler vom 26. August bis 12. September ihre Sicht auf ihr Land.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk Kultur. (imago / fStop Images / Malte Müller)

Der Dramaturg und Kurator des Festivals, Matthias Lilienthal, ehemals Intendant des HAU in Berlin und der Münchener Kammerspiele, hat selbst einmal in Beirut gearbeitet und mit den Künstlern gesprochen, die von den Verhältnissen im Libanon berichten.

"Der Libanon befindet sich auf einer offenen Schräge nach unten", sagt Lilienthal. In Beirut gebe es derzeit nur zwei Stunden Strom am Tag. Die Menschen hätten wegen der Hyperinflation Schwierigkeiten, an Lebensmittel und Medikamente zu kommen. Es gebe kein Benzin, dadurch sei der Verkehr behindert, aber auch Stromgeneratoren könnten nicht laufen, wodurch auch Klimaanlagen nicht gegen die Hitze helfen könnten.

Keine Hoffnung auf Verbesserung

Viele libanesische Künstler beobachteten mittlerweile die Verhältnisse von außen. "Man kann sagen, drei Viertel der Beiruter Szene ist in Berlin", sagt Lilienthal. "Sie gucken mit einer Mischung aus Ungläubigkeit und totaler Depression darauf. In Beirut macht auch das Wort Kapitulation die Runde. So eine Vokabel drückt eine unendliche Verzweiflung aus."

Auf der anderen Seite gebe es den berühmten libanesischen Improvisationsgeist. Die junge Künstlergeneration definiere sich nicht mehr im Widerspruch zu einem fast nicht mehr existierenden Staat, sondern sie gründeten kleine Einheiten, in denen sie versuchten, anders zu leben.

Allerdings sind die Aussichten ernüchternd: "Im Moment hat niemand Hoffnung, dass sich was zum Positiven ändert", sagt Lilienthal. Alle stünden fassungslos davor, dass es nicht möglich gewesen sei, eine neue Regierung zu bilden und politische Reformprozesse einzuleiten. 

"This Is Not Lebanon"
26. August bis 12. September 2021
Mousonturm Frankfurt

Die Wut wächst

Den Schock über die Katastrophe im Beiruter Hafen vor einem Jahr habe das Land noch nicht überwunden, sagt der deutsch-libanesische Schriftsteller Pierre Jarawan [AUDIO]. "Das ist ein tiefes Trauma, das sich da entfaltet hat." Allerdings wachse die Wut der Menschen.

"Die Wut richtet sich gegen die Regierenden. Da ist eine Riesen-Enttäuschung über die fehlende Aufarbeitung", sagt Jarawan. Diese Wut treffe zudem auf Faktoren wie eine Wirtschafts- und Versorgungskrise. "Die Leute leiden existenziell."

Von offizieller Seite fände kaum Wiederaufbau statt. Die Bevölkerung werde alleingelassen, sagt Jarawan. Viele junge Menschen sähen keine Zukunft mehr und würden das Land verlassen.

Kein Neuanfang in Sicht

Die Hoffnungen auf einen Neuanfang hätten sich nicht erfüllt. "Ich glaube aber auch, dass das naive Hoffnungen gewesen sind", so Jarawan. Die Demonstrationen, die noch vor der Hafenkatastrophe abgehalten wurden, hätten mehr Hoffnung gemacht, weil man eine multireligiöse Gesellschaft auf der Straße sah. Dies habe es im Libanon selten zuvor gegeben.

Blick auf den zerstörten Hafen von Beirut, im Vordergrund ein Schiffswrack (picture alliance / AA / Hussam Shbaro) (picture alliance / AA / Hussam Shbaro)Ein Jahr nach der Explosion in Beirut: Die Last des Status Quo
Schiff kieloben, Trümmerberge, zerstörte Häuser – ein Jahr nach der gewaltigen Explosion im Beiruter Hafen ist deren Zerstörung weiter sichtbar. Viele der rund 300.000 Menschen, die obdachlos wurden, können noch immer nicht zurück. Hinzu kommt eine schwere Wirtschaftskrise – und ein erstarrtes politisches System. Eine Reportage von Björn Blaschke.

"Nach der Explosion hatte ich eher das Gefühl, dass es die Position der Regierenden zementiert", sagt Jarawan. "Das Land ist so sehr am Boden, dass diejenigen, die oben sitzen, freie Hand haben."

Das Problem sei, dass immer wieder Mitglieder der gleichen Familien an der Macht sind, bemängelt Jarawan. Man bräuchte Technokraten, fordert er: "Dass der Wirtschaftsminister auch etwas von Wirtschaft versteht: Das wäre eine Grundvoraussetzung und die gibt es nicht."

Riesige Frustration

Am ersten Jahrestag der Katastrophe herrsche "eine Mischung aus Trauer, aus Traurigkeit, aber auch aus Wut und Zorn und einer riesigen Frustration darüber, dass ein Jahr später noch immer nichts aufgearbeitet wurde", sagt die in Beirut lebende deutsche Journalistin Julia Neumann [AUDIO]. Es gebe keinen politischen Willen, etwas im Land zu verändern, die Wirtschaftskrise anzugehen und den Menschen tatsächlich zu helfen. "Die Explosion und auch der Kollaps der Wirtschaft gehen Hand in Hand."

(leg/nho/cre)

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