Ein Jahr Hanau

    #saytheirnames – Wie gelingt gemeinsame Erinnerung?

    40:07 Minuten
    Von Christine Watty und Julius Stucke · 18.02.2021
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    Welche Rolle spielt das Gedenken an Hanau in unserer Gesellschaft heute? Vor einem Jahr fielen dort neun Menschen einem rassistischen Terroranschlag zum Opfer. Wir sprechen mit dem Soziologen Aladin El-Mafaalani und dem Regisseur Nuran David Calis.
    Zum Jahrestag des Attentats von Hanau am 19. Februar 2020 richten viele Medien und Initiativen die Aufmerksamkeit auf die Opfer und die Hinterbliebenen. Ihre Geschichten und ihr Schmerz stehen im Zentrum, es erscheinen Gespräche und Porträts über die damals Getöteten: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kenan Kurtović, Vili-Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov.
    Diese Annäherung und breite Anteilnahme war vor einem Jahr nicht so einfach vorstellbar: Über eine mögliche Absage des Karnevals, nachdem neun Menschen auf solch brutale und rassistisch motivierte Art und Weise aus dem Leben gerissen wurden, ist damals lediglich diskutiert worden.

    Welches Wir macht die Gesellschaft aus?

    Hat das etwas mit der Schwierigkeit zu tun, als "eine" Gesellschaft mit diesem Anschlag umzugehen? Viele Hinterbliebene würden das vermutlich bejahen – bis heute weisen sie auf die strukturellen Missstände in Deutschland hin, die sie bei der Aufarbeitung der Tat seit 2020 erleben. Wie geht also überhaupt das Erinnern in einer Gesellschaft, die immer noch von "die" und "wir" spricht? Kann dieser Prozess überhaupt etwas Gemeinsames sein?
    Oft fällt als Stichwort dann "Empathie", weil ihre Anwesenheit der Spaltung in einer Gesellschaft zuvorkomme, so eine These. Aber ist das nicht nur eine einfache und kurzfristige Lösung? Wäre Positionierung nicht wichtiger? Was zeigt der Umgang mit Hanau ein Jahr später also über den Zustand "unserer" Gesellschaft?

    NSU, Hanau, Black Lives Matter

    Wir sprechen mit dem Soziologen Aladin El-Mafaalani, der auch auf die Abfolge der Ereignisse nach Hanau hinweist: Nach dem Tod von George Floyd in den USA gab es auch in Deutschland Demonstrationen. Hanau und auch einige Jahre zuvor die Enttarnung des NSU brachten allerdings die Menschen nicht so zahlreich auf die Straße. Ist das ein Zeichen von: Langsam passiert doch etwas – auf dem Weg zu einem Wir-Verständnis?
    Weil wir ein Kulturpodcast sind, interessiert uns nicht zuletzt auch die Perspektive der Kultur und so fragen wir den Theaterregisseur Nuran David Calis: Welche Möglichkeiten gibt es hier überhaupt einzuwirken, zu erinnern, aber auch gesellschaftliche Perspektiven zu verändern? Und was machte Hanau mit der Kultur - und vor allem mit ihm?
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