Ein erschreckendes Bühnenspektakel

Moderation: Britta Bürger · 05.07.2013
Kein moderner Zugriff, keine "heutige Sicht": In seinem Stück über den biblischen Propheten Moses habe er versucht, möglichst nah an der Vorlage zu bleiben, sagt Feridun Zaimoglu. Herausgekommen sei eine gewaltige und gewalttätige Inszenierung.
Britta Bürger: Seit 30 Jahren befasst sich der Schriftsteller Feridun Zaimoglu mit dem Christentum und der Bibel. Immer wieder hat er das Alte und das Neue Testament gelesen, vor allem wohl wegen der Sprache. Jetzt ist er erneut tief eingetaucht in die Geschichte von Moses, die heute Abend im Oberammergauer Passionstheater uraufgeführt wird. Schönen guten Tag, Herr Zaimoglu!

Feridun Zaimoglu: Guten Tag, hallo!

Bürger: Was hat Sie an diesem Auftrag von Christian Stückl, dem Intendanten und Regisseur des Passionstheaters, gereizt?

Zaimoglu: Zum einen war das er selbst, der Regisseur Christian Stückl. Ein Anruf genügte, und es gab kein Zögern und kein Zaudern. Dann ist es für mich eine Freude, für das Oberammergauer Passionstheater zu spielen. Und zum Dritten ist es natürlich die Figur, es ist der große Gottesgesandte Moses, der ja in allen drei Religionen als der Prophet schlechthin des Alten Testaments, der archaischen Zeit gilt.

Bürger: Wie tief sind Sie denn in die Überlieferung eingestiegen, welche Quellen haben Sie herangezogen, um Moses möglichst nahezukommen?

Zaimoglu: Tatsächlich ist es so, dass das Alte Testament beziehungsweise die fünf Bücher Mose ja nur einen kurzen, knappen Abriss liefern. Aber es ging mir ja bei meiner sprachlichen Anverwandlung darum, diesen Menschen zu verstehen. Und er wird mystifiziert in der alten Bibel, aber natürlich ist es auch so, dass er eine historische Figur ist. Ich habe mit meinem Koautor Günter Senkel zusammen die jüdischen Legendensammlungen durchgeackert, muss ich schon sagen, und einige Hundert Legenden durchgelesen.

Es gibt diese Legendensammlungen in englischer Sprache. Günter hat diese Überlieferungen übersetzt, und da plötzlich sah ich ihn. Ich sah einen Mann, den künftigen Thronanwärter, also den künftigen Regenten. Ich sah Moses als den Thronanwärter niederer Herkunft, der auch von den Seinen, von den Israeliten nicht mehr als einer von ihnen angesehen wurde. Und ich sah ihn, wie er nach dem Mord an einem Aufseher fliehen musste, um nach Jahrzehnten wiederzukommen als ein von Gott Berührter. Und da gab es natürlich für mich kein Halten mehr nach einigen – ich würde sagen, zwei, drei Monaten härtester Recherche und Lektüre – habe ich mich hingesetzt, da war auch die Szenenabfolge abgeklopft, und im Fieberwahn alles heruntergeschrieben.

Bürger: Sie sagen, Moses ist für Sie eine historische Person. Sie haben also nicht versucht, eine Art Update zu erstellen, keine moderne Interpretation gesucht?

Zaimoglu: Das verbot sich mir. Es liegt nicht daran, dass ich für das Passionstheater diesen Auftrag erhielt, denn man ist hier moderner, als man im Rest der Republik denkt. Nein, es ging darum, jetzt nicht das kaputt zu schlagen, was ihn groß gemacht hat. Man kann ja sagen, nun gut, die fünf Bücher Mose wurden 700 Jahre nach dem Tode des Propheten niedergeschrieben. Man kann also sagen, es sind Legenden und Fabeln und Mythen, man kann aber auch das alles ernst nehmen. Und das habe ich getan, Gott eins zu eins übersetzt als denjenigen, der zu dem Gesandten spricht.

Ich habe Moses ernst genommen, ich habe die Ereignisse ernst genommen, und das findet natürlich seinen Niederschlag in der Sprache. Kein moderner Zugriff, keine heutige Sicht, nicht der Versuch, jetzt jemanden zu verstehen und ihn aber im Sinne einer leider – das passiert in den meisten Fällen – läppischen Küchentischpsychologie Grandiosität und Einzigartigkeit dann so zu stutzen, dass man es plötzlich mit einem etwas granteligen Herrn Nachbar Moses hat. Das ging nicht.

Bürger: Ja, es ist kein heutiger Text geworden, aber Sie haben sicher dennoch Erkenntnisse für sich als Zeitgenosse unserer Zeit aus Moses’ Geschichte gezogen?

Zaimoglu: Die Geschichte des Auszugs von Knechten aus Ägypten, die Wüstenwanderung und schließlich die Eroberung des verheißenen Landes ist eine Geschichte von Mord und Todschlag. Nicht nur Hunderte, sondern Tausende und Abertausende wurden erschlagen. Die Erschlagenen wurden zu Haufen aufgetürmt. Was kann das für mich bedeuten? Es kann für mich bedeuten, dass es erschreckend ist – ich bin erschüttert gewesen.

All das, all diese ganzen Bilder sickerten in mein Leben ein. Es ging mir schlecht, aber ich habe einen Auftrag zu schreiben, eine Auftragsarbeit zu schreiben, und ich verbandelte mich sprachlich an, und es ging mir nicht um das Verständnis, sondern es ging mir darum, in diese archaische Zeit, in diese alte Zeit, deren Unvergänglichkeit hier behauptet wird, als solche in Bildern festzuhalten. Das war sehr schwierig.

Bürger: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu im Deutschlandradio Kultur vor der Uraufführung seines Theaterstücks "Moses" heute Abend im Oberammergauer Passionstheater. Sie haben, Herr Zaimoglu, jetzt schon mehrfach Ihre sprachliche Anverwandlung angedeutet und beschrieben – haben Sie diese Sprache wie so eine Art Fremdsprache in sich aufgenommen, um dann in einem wirklich ähnlich hohen Ton zu schreiben?

Zaimoglu: Es ist ja so, dass ich mir die herrlichen Quellen der deutschen Sprache – und damit meine ich Volkes Gesänge und Volkes Gerüchte und Gedichte – mir nicht verbiete. Das heißt, ich tat es jetzt nicht nur, was die Sprache, was die Sprachpracht und die Sprachmacht anbetrifft im Falle von Moses, dem Stück, sondern auch bei meinen Romanen zapfe ich diese Quellen an. Es ist von Verdammung die Rede, es ist vom Fluch beladenen Worten die Rede. Es ist davon die Rede, dass der Stammler Moses – also er war etwas zungenlahm, er konnte nicht zum Volk sprechen – trotzdem, im Moment der Verzweiflung, da das Volk ihn anfechtet und damit Gott befehdet, dass Moses Gott bezeichnet als sprotzendes, spuckendes Tier, kleines Tier im Gaumen. Und auch er selbst brüllt kurz vor der Umnachtung – es wird diese Umnachtung nicht geben –, kurz vor einer drohenden Umnachtung brüllt er, er solle ihn schwinden machen, er könne die Worte nicht aussprechen. Und darum geht es natürlich.

Ich habe in vielen Wochen auch gekämpft und gerungen um die richtigen Worte. Je mehr ich ihn sah, je mehr ich mich ihm näherte, desto besser konnte ich das schreiben. Das archaische Wort war diesmal keine bloße Behauptung, kein Texttextil gewissermaßen, sondern das Wort wird Fleisch. Mit Worten befehdet man auch einander, und mit Worten peitscht man die Knechte an, bis es – und das ist auch die Geschichte von Moses, vom Auszug der Israeliten aus Ägypten –, bis es Moses gelingt, aus Knechten Krieger zu machen, um das gelobte Land zu erobern.

Bürger: Sie werden heute Abend bei der Uraufführung in Oberammergau dabei sein, Sie haben auch schon Proben gesehen – was sind Ihre Eindrücke von diesem Moses in Oberammergau?

Zaimoglu: Ich habe immer darauf verwiesen – und damit meinte ich natürlich den Text, die Worte unserer Fassung –, dass man nicht eine nette Kinderfassung von uns, nicht die üblichen Geschichten erwarten kann. Deswegen nicht, weil wir klüger geworden sind über die Lektüre der Überlieferungen, der jüdischen Überlieferungen. Was ich da auf der Bühne sah – ich habe jetzt drei Durchläufe gesehen –, ist gewaltig und gewalttätig.

Ich musste mir zwischendurch immer wieder … mich daran erinnern, dass ich da jetzt nicht professionelle Schauspielerinnen und Schauspieler vor mir habe, sondern Laiendarsteller. Das darf man nicht vergessen. Aber ich glaube, es wird an jener und an dieser und an jener Stelle ein ziemliches Raunen geben. Dieser Moses, wird man sagen, ist doch nur ein Fantasiegebilde des Schreibers Zaimoglu – der Schreiber Zaimoglu und Senkel – und des Regisseurs Stückl. Nein, wir haben nichts dazugedichtet. Umso gewaltiger und erschreckender und für manche vielleicht erhebender ist das Bühnenspektakel.

Bürger: "Moses", heute Abend wird das Stück von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel im Oberammergau Passionstheater uraufgeführt, inszeniert von Christian Stückl. Danke Ihnen sehr für das Gespräch, Herr Zaimoglu!

Zaimoglu: Ich habe zu danken!

Bürger: Wir werden heute Abend in Oberammergau dabei sein und gleich anschließend von unserem Theaterkritiker hören, wie er den Abend erlebt hat, nach den 23-Uhr-Nachrichten in unserem Kulturmagazin "Fazit".


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
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