Demonstration der Zugehörigkeit

Zaimoglu macht in seinem neuen Roman einen Kioskbesitzer zum Helden. © AP-Archiv
18.08.2011
Feridun Zaimoglu ist vor 16 Jahren mit "Kanak Sprak" in unser literarisches Leben getreten, jetzt hat er mit "Ruß" einen Roman vorgelegt, in dem kein einziger Türke vorkommt. Stattdessen ist der Romanheld ein Kioskbesitzer aus dem Ruhrgebiet.
In diesem Roman kommt kein Türke vor. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, wenn der Autor nicht Feridun Zaimoglu hieße, dessen Bücher von Anfang an, seit "Kanak Sprak" (1995), mit den Themen Einwanderung, Integration und der gegenseitigen Durchdringung von westlicher und orientalischer Kultur zu tun hatten. Offenbar hat der in Kiel lebende Zaimoglu davon inzwischen genug und möchte endlich nichts anderes sein als alle anderen, die hierzulande schreiben: ein deutscher Schriftsteller.

Ein Autor ist schließlich kein Sozialarbeiter, der dauerhaft auf bestimmte Problemthemen festzulegen wäre. Wenn sein neuer Roman "Ruß" einen Kioskbetreiber aus Duisburg zum Helden hat, der zuerst nach Warschau in den mythenschweren Osten, dann ausgerechnet nach Salzburg, ins Mekka der Hochkultur, aufbricht, um den Mörder seiner Frau zu ermorden, dann ist das aber auch eine Antwort auf die ewige Integrationsdebatte. "Ruß" zeugt von der erfolgreichen Integration Zaimoglus in die deutsche Literaturlandschaft. Das proletarische Ruhrgebiet mit seiner absterbenden Bergarbeitertradition zum Handlungsort zu machen ist ja geradezu eine Demonstration der Zugehörigkeit. Wer sich dorthin begibt, knüpft an Traditionen an, in denen nicht zuletzt Figuren wie Schimanski und Schriftsteller wie Ralf Rothmann den Ton angeben.

Dass Zaimoglu sich für die Ausgegrenzten, die Gefallenen am Rand der Gesellschaft interessiert - dabei ist es geblieben. Allerdings hat sich die Stoßrichtung geändert. Setzte er früher die harte Realität programmatisch gegen den Multikulti-Frohsinn, entgeht er nun nicht immer der Gefahr, die Gegenwelt romantisch zu verklären - so trostlos es in Meiderich auch sein mag, so verlassen seine Figuren auch sind.

Renz war einmal Mediziner. Über den Tod seiner Frau, die in der gemeinsamen Wohnung ermordet wurde, kam er nicht hinweg. Ihre Urne bewahrt er sorgsam auf. Jeden Morgen steckt er einen Finger in die Asche, leckt daran, schmeckt und schluckt. Er malt Bilder aus Ruß, hilft dem Schwiegervater in seinem Kiosk und unterhält sich mit seinen Kumpels, die ihre Tage mit Zigaretten und Kümmerling fristen. Dann erfährt er, dass der Mörder seiner Frau aus dem Gefängnis entlassen wird und gerät in den Sog von Ereignissen, die er nicht wirklich überblickt.

Es ist ein Kunstgriff Zaimoglus, all das, was sich ereignet, dem Verständnis der Handelnden zu entziehen. Fast könnte man glauben, auch der Autor überblicke das Geschehen nicht, so sehr lässt er sich auf Nebensächliches, auf Umwege, auf zufällige Passanten und müßige Augenblicke ein. Die Leser müssen ihm ins Undurchschaubare folgen wollen.
Renz lässt sich willenlos von einer obskuren Bande einspannen, die ihn dazu bringen möchte, nicht nur den psychotischen Neffen des Chefs zu betreuen, sondern nun auch seinerseits zum Mörder zu werden. Er selbst glaubt, dazu ein Recht zu haben, schließlich wird seine tote Frau nicht wieder lebendig und den Gedanken der gelungen Resozialisierung empfindet er als Schlag ins Gesicht. Allerdings beherrscht er das Handwerk des Tötens nicht. Auch wenn er sich rau und wortkarg gibt, ist er ein eher sensibler Charakter.

Zaimoglu zeichnet eine archaische Männerwelt, in der es nie weit ist vom Gespräch zur Schlägerei und in der eher ein elementares Naturrecht gilt, als das Vertrauen auf den Rechtsstaat. Was daraus entsteht ist Road-Novel, Milieustudie und Thriller, vor allem aber - und das sind die schönsten, intensivsten Passagen - ein Liebesroman.
Renz lernt die Kellnerin Marja kennen, die so einsam, verlassen und verloren ist wie er selbst. Was sie verbindet, ist ihr gemeinsames Misstrauen gegen das, was sie irgendwann als Liebe zu bezeichnen nicht umhin können. Ihre vorsichtige Annäherung überrascht sie selbst am meisten. Der verknappte Duktus, die Reduktion der Mittel, die spröden, jederzeit ins Schweigen abkippenden Dialoge Zaimoglus entfalten hier ihre größte Wirkung.

Überhaupt lebt dieser Roman mit seinem kruden Geschehen ganz von der Sprache. Gerade in dem, was er weglässt - Gefühle, Schönheit, Wärme - lässt er große Sehnsucht und Lebensschmerz erkennen. Das macht "Ruß" zu einem eindrucksvollen Leseerlebnis.

Bearbeitet von Jörg Magenau

Feridun Zaimoglu: Ruß
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011
268 Seiten, 18,99 Euro

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