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Thema / Archiv | Beitrag vom 03.08.2012

Ein Drachenkämpfer aus Schweden

Der Diplomat Raoul Wallenberg rettete vielen ungarischen Juden das Leben - vor 100 Jahren wurde er geboren

Christoph Gann im Gespräch mit Susanne Führer

Undatiertes Foto des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. (AP)
Undatiertes Foto des schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg. (AP)

Wallenberg-Biograf Christoph Dann hält den schwedischen Diplomaten für ein Vorbild für jüngere Menschen. Der 32-Jährige habe sich aus dem sicheren Schweden in das vom Krieg betroffene Ungarn begeben, um Menschen fremder Nationalität und Religion zu retten.

Susanne Führer: Stefanie von Oppen über Raoul Wallenberg, dessen Geburtstag sich morgen zum hundertsten Mal jährt. Christoph Gann hat sich ausführlich mit Wallenberg beschäftigt und über ihn geschrieben, unter anderem die Biografie "Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich". Guten Morgen, Herr Gann!

Christoph Gann: Guten Morgen!

Führer: Warum, Herr Gann, ist eigentlich das Schicksal Wallenbergs bis heute ungeklärt?

Gann: Ja, die Sowjetunion tat sich ja zunächst sehr schwer damit und hat sehr widersprüchliche Angaben gemacht und erst 1957 überhaupt zugegeben, dass Wallenberg nach Moskau verbracht worden war. Und beharrt seitdem, und auch heute Russland letztlich, darauf, dass Wallenberg 1947 gestorben sei, im Lubjanka-Gefängnis. Und immer, wenn eine Erklärung kam von der Sowjetunion oder Russland, wurde nur halbherzig geantwortet und leider halt meistens nicht die Wahrheit gesagt. Und erst 1989 nach Glasnost wurden dann Angehörige von Wallenbergs eingeladen nach Moskau und es wurden persönliche Gegenstände übergeben. Aber zum Beispiel der Verhaftungsbefehl vom Januar 1945, der ist erst im Januar 1993 der Öffentlichkeit bekannt gemacht worden. Und den hatte damals unterzeichnet der Vizeverteidigungsminister Bulganin, der ja später auch zu hohen Ehren noch kam und länger auch lebte, sodass da durchaus einflussreiche Sowjetmenschen auch in den Fall verwickelt waren.

Führer: Also Sie zweifeln an diesem Datum, 1947?

Gann: Ja, es wurde zunächst – 1957 hatte man noch gesagt, es ist zu vermuten, dass Wallenberg gestorben sei an einem Herzinfarkt. Man hätte da so ein Dokument gefunden, was sich wohl auf Wallenberg beziehen könnte und hat das Dokument aber erst zunächst gar nicht vorgelegt. Und später hieß es dann, es steht auf alle Fälle fest, dass dieser 17. Juli 1947 das Todesdatum ist, aber Beweise dafür kann Russland nicht vorlegen. Und jetzt, in den letzten Jahren erst, im November 2009, gab es vonseiten des russischen Geheimdienstes SFB die Mitteilung, dass ein Gefangener Nummer sieben, also der unter keinem Namen, sondern unter einer Nummer geführt wurde, im Lubjanka-Gefängnis noch am 22. und am 23. Juli verhört worden sei 1947, also nach dem offiziellen Todesdatum, und man vermutet mit starker Wahrscheinlichkeit, dass sich hinter dieser Nummer sieben Wallenberg verborgen hätte. So dass man jetzt erstmals letzten Endes November 2009 vorsichtig wieder davon abrückte von diesem Todesdatum 17. Juli 1947. Aber eine Bestätigung jetzt dazu, dass jetzt wirklich der Gefangene Nummer sieben Wallenberg war, das ist auch in den letzten Jahren nicht gekommen, aber Russland hat jetzt auch nicht irgendeinen anderen Namen ins Spiel gebracht, der sich hinter dieser Nummer verbergen konnte.

Führer: Liegt es denn nur an der Sowjetunion und an dem heutigen Russland, dass eine Aufklärung nicht erfolgt ist, oder haben sich da auch andere vielleicht nicht genug drum gekümmert?

Gann: Ja, das ist sehr bedauerlich, insbesondere die ersten Jahre nach Wallenbergs Verschleppung, dass Schweden da keine wirklichen Ambitionen gezeigt hat, Wallenberg herauszubekommen. Und bis Mitte 1947 lebte er ja nachweislich und unbestritten, und, aber Schweden hatte …

Führer: Aber warum nicht?

Gann: Ja, das ist etwas unklar. Also Schweden hatte schon Ende 1945, auch gerade der schwedische Botschafter in Moskau, der hatte Ende 1945, ist er schon selber davon ausgegangen, dass Wallenberg nicht lebt. Und er hatte die seltene Ehre, im Juli 1946 eine Audienz bei Stalin direkt persönlich zu bekommen. Und Stalin hatte, wie wir heute wissen, eine ganze Stunde für dieses Gespräch eingeplant. Und das Gespräch war nach fünf Minuten beendet, weil der schwedische Botschafter gegenüber Stalin äußerte, durchaus zum Fall Wallenberg ansprechend, dass er selber davon ausginge, dass Wallenberg einem Unglück zum Opfer gefallen wäre und nicht mehr am Leben sei. Also die Russen wussten – es gab auch andere solche Äußerungen von Diplomaten – wussten selber wahrscheinlich gar nicht, was sie damit anfangen sollen. Weil damals lebte Wallenberg ja - wie wir heute wissen - nachweislich in Moskau, und Schweden sagte selber sozusagen, wir gehen davon aus, dass er tot ist. Also, das war schon etwas sehr erstaunlich auch.

Führer: Nun versteht man ja ein Interesse der Historiker, sein Schicksal aufzuklären. Viel mehr natürlich noch die Angehörigen, die natürlich wissen möchten, was mit Raoul Wallenberg passiert ist. Aber nach dem, was Sie schildern, Herr Gann, scheint es auch ein wirkliches Politikum zu sein, wann wie und wo Raoul Wallenberg gestorben ist.

Gann: Ja. Schweden hat ja die ersten Jahre auch nach der Verschleppung jetzt unlängst untersucht gehabt und hat auch bedauert, dass da große, schwere Versäumnisse gewesen sind von der schwedischen Seite auch bei der Bemühung um eine Aufklärung und sozusagen auch vielleicht mit Nachdruck bei der Sowjetunion darauf zu dringen. Wenn sich jetzt aber herausstellen sollte, dass Wallenberg nicht 1947 gestorben ist, sondern noch danach lebte, und Indizien dafür gibt es zum Beispiel für Anfang der 60er-Jahre noch, dann wäre das natürlich nicht nur für Russland unbequem, dass der Tod dann nicht in die Stalin-Zeit fallen würde, sondern auch Schweden müsste sich natürlich dann weiter Vorwürfe machen, dass man auch über die ersten Jahre hinaus was versäumt hat, obwohl Wallenberg vielleicht noch gelebt hat.

Führer: Der Wallenberg-Biograf Christoph Gann im Deutschlandradio Kultur. Herr Gann, wir sollten noch mal sagen, die ungeheure Leistung Raoul Wallenbergs war es ja, Zigtausenden ungarischen Juden das Leben gerettet zu haben, also vor der Ermordung durch die Nazis sie gerettet zu haben. Nun wird sein 100. Geburtstag groß gefeiert, dazu kommen wir gleich noch. Meinen Sie, dass jetzt diese Ungewissheit über Wallenbergs Tod vielleicht auch diese Jubiläumsfeier etwas überschattet?

Gann: Insgesamt wird die Würdigung von Wallenbergs Taten in Budapest dadurch beeinträchtigt, dass sein Schicksal ungewiss ist. Man kommt natürlich nicht umhin, gerade, denke ich, am hundertsten Geburtstag von Wallenberg umso nachdringlicher auch sich mit dem Schicksal zu befassen und auch Wert darauf zu legen, dass der Fall nicht abgeschlossen ist, sondern dass heute immer noch Aufklärung nottut und auch Putin und Russland eben gefordert sind, endlich die Akten ganz offenzulegen und Farbe zu bekennen, was jetzt wirklich mit Wallenberg passiert ist.

Führer: Raoul Wallenberg ist ja schon vielfach geehrt worden in Schweden, in Ungarn, in Israel, in den USA. Ihm sind viele Denkmäler gewidmet, Straßen wurden nach ihm benannt, es gibt Bücher, Filme, sogar Opern über ihn. Schweden hat nun das Jahr 2012, also das Jahr seines hundertsten Geburtstags, sogar zum Wallenberg-Jahr erklärt. Ich habe ja insgesamt manchmal den Eindruck, je länger der Nationalsozialismus zurückliegt, desto lieber erinnern wir uns an ihn, weil er so wenig mit uns zu tun hat. Also man kann Wallenberg verehren und daraus nicht weiter große Konsequenzen für das Hier und Heute ziehen.

Gann: Die Würdigung fing ja schon sehr früh an. 1946 gab es in Budapest schon ein Galakonzert zu Ehren von Wallenberg, und da hatte man das so verklärt, dass eigentlich ja dieses ungewisse Schicksal von Wallenberg ganz gut zu dieser Heldensage, zum Heldenepos passt. Also Wallenberg kam aus dem fernen Schweden. Er hat da gewirkt wie ein Nachfolger der Apostel, hieß es, wie ein Drachenkämpfer. Er kam und verschwand wieder, und auch, wenn das Ende ungerecht ist, ist es doch herrlich, das schließt sozusagen die Geschichte ab zu einem wahren und außergewöhnlichen Heldenepos. Und das ist natürlich die Gefahr, wenn man jetzt gar nicht, auch bei Würdigungen, eigentlich gar nicht Wallenberg in den Mittelpunkt stellt, sondern gegebenenfalls vielleicht sich selber auch dann mit würdigt und den Menschen Wallenberg dahinter vergisst.

Führer: Ich meinte jetzt auch gar nicht mal so sehr jetzt auf seinen unklaren Tod bezogen, sondern eben auf sein Handeln, seinen Mut, seine Courage. Dieser Auftrag, das wäre ja vielleicht weiterzugeben.

Gann: Ja, und ich denke, Wallenberg ist ein ganz gutes Beispiel auch für die Jüngeren zu sehen. Also Wallenberg war selber ja gerade erst 32 Jahre alt dann geworden während seiner Rettungstätigkeit. Und dass jemand extra aus dem fernen und sicheren Schweden damals in das umkämpfte Ungarn gegangen ist, um Menschen zu retten, die einer anderen Nation, einer anderen Religion angehört haben. Und dass er dann wirklich ein halbes Jahr sein Leben aufs Spiel gesetzt hat für diese Menschen, das sollte doch Ansporn sein, auch selber darüber nachzudenken, was man vielleicht machen könnte. Und das ist aber auch vielleicht natürlich ein bisschen das Signal, wenn schon einer extra vom Ausland kommt, um was zu tun, umso mehr sind dann die Leute gefordert, vor Ort selber die – bei Ungerechtigkeiten und so weiter und Not und so vor Ort sind und dann vielleicht doch auch nichts machen. Also, da zeigt das Beispiel Wallenbergs ja gerade, dass es sinnvoll ist und bei ihm ja auch durchaus auch erfolgreich gewesen ist.

Führer: Sagt Christoph Gann. Er ist nicht nur Richter am Landgericht Meiningen, er hat auch eine Wallenberg-Biografie verfasst: "Raoul Wallenberg. So viele Menschen retten wie möglich" heißt sie, sie ist bei C.H. Beck erschienen. Und ich danke Ihnen herzlich für das Gespräch, Herr Gang!

Gann: Ja, gerne!

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