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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.06.2013

Ein Comic in gezeichneter Handschrift

Émile Bravo: "Spirou und Fantasio Spezial. Porträt eines Helden als junger Tor", Carlsen, zwei Bände je 80 Seiten

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Spirou und Fantasio (picture alliance / dpa / Foto: Selva Leemage)
Spirou und Fantasio (picture alliance / dpa / Foto: Selva Leemage)

Zum 75. Geburtstag der belgischen Kult-Comic-Serie "Spirou und Fantasio" erzählt Zeichner Émile Bravo die Vorgeschichte Spirous zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die prächtige Jubiläumsausgabe ist ein Doppelband aus unkolorierter Rohfassung und fertigem Werk, in dem Bravo seine große Kunstfertigkeit beweist.

So hat man sie noch nie gesehen. Sicher, Spirou trägt die unverkennbare Pagenuniform. Und ja, sein ständiger Begleiter Pips, das Eichhörnchen, sitzt wie gewohnt auf seinem Arm. Auch Freund Fantasio ist mit von der Partie. Und dennoch sieht hier alles anders aus.

Die drei weltberühmten belgischen Comicfiguren bestehen allein aus Kontur. Ihnen fehlt jede Farbe, sie sind reine Linie, mit schnellem Strich gezeichnet, voller Dynamik, nur angedeutet ihre Mimik und Gestik. Die Szenerie, in der sie sich bewegen, bleibt schemenhaft; kein Kolorit, keine ausgemalte Fläche. Helden und Setting erscheinen vollkommen pur.

Tatsächlich handelt es sich bei diesen Bildern um keinen fertigen Comic, sondern um ein Rohmanuskript. Es zeigt die außerordentliche Kunstfertigkeit des Zeichners Émile Bravo. 2008 hatte dieser den viel beachteten Band "Spirou. Porträt eines Helden als junger Tor" vorgelegt. Zum 75. Geburtstag der neben "Tim und Struppi" bekanntesten belgischen Comicserie präsentiert der Verlag nun diesen Band gemeinsam mit dessen Rohfassung (beide als Hardcover) in einem prächtigen Jubiläumsschuber.

Die "gezeichnete Handschrift", wie der 1964 in Paris geborene Émile Bravo sein Manuskript nennt, ist eine Kostbarkeit. Sie wiegt den Betrachter in der wunderbaren Illusion, dem Zeichner quasi über die Schulter blicken zu können. Etwa wenn er Szenen und Typen mit berückender Leichtigkeit einfängt. Oder wenn seine mit Blau- und Bleistift wie aufs Papier geworfene Linie noch gleichsam tastend ist. Dann überlagern sich Figuren und verschwimmen die Konturen auf der Suche nach der richtigen Positionierung. Leser und Leserin sind scheinbar "live" dabei.

Ein besonderes Vergnügen bietet auch der Vergleich der beiden Bände. Da die Seitenaufteilung die gleiche ist, lässt sich zwar nicht die Entstehungsgeschichte des Comics studieren, wohl aber der Unterschied zwischen reiner Linie und ausgearbeiteter farbiger Prächtigkeit. Letztere erinnert an die Hergésche "Ligne claire" mit präzisen Konturen und einfarbiger, flächiger Kolorierung.

Dieser Stil passt hervorragend zu den 1930er-Jahren, in denen Bravo sein "Porträt eines Helden" ansiedelt. Tatsächlich lässt er seinen Spirou in einem realen Kontext agieren; kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Doch erscheint die Figur nicht wie gewohnt als zupackender Abenteurer, sondern als am Weltgeschehen desinteressierter Naivling. Sein Pagenjob im Brüsseler Hotel Moustique lässt ihn zwar Zeuge werden von Geheimverhandlungen zwischen deutschen Nazis und einer polnischen Delegation, doch interessiert er sich mehr für die Klatschgeschichten der prominenten Hotelgäste.

So erlebt man Spirou noch ohne die typischen Eigenschaften, für die die Comicfigur berühmt ist. Bravo erzählt nicht weniger als die Vorgeschichte des Helden, wie wir ihn kennen. Eine raffinierte, geniale Idee, umgesetzt auf höchstem zeichnerischen Niveau. Würdiger als mit diesem Band und seiner Rohversion hätte man den 75. Geburtstag der Figur nicht feiern können.

Besprochen von Eva Hepper

Émile Bravo: Spirou und Fantasio Spezial, Band 8, Porträt eines Helden als junger Tor
Aus dem Französischen von Martin Budde
Carlsen Verlag, Hamburg 2013
Zwei Bände je 80 Seiten, 49,90 Euro

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