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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.01.2020

Edward Hopper in der Fondation BeyelerDie unbeherrschbare Weite Amerikas

Von Rudolf Schmitz

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Das Bild zeigt Wim Wenders vor dem Bild "Cape Cod Morning" aus dem Jahr 1950 von Edward Hopper in der Ausstellung der Fondation Beyeler in Basel. (www.imago-images.de)
Wim Wenders vor dem Hopper-Bild "Cape Cod Morning" aus dem Jahr 1950. (www.imago-images.de)

Wer an Edward Hopper denkt, hat bestimmte Werke vor Augen, beispielsweise das Bild "Nighthawks". Jetzt zeigt die Fondation Beyeler, neben einigen ikonischen Gemälden, seine unbekannteren Landschaftsbilder - und wie er das Kino beeinflusst hat.

"Unser Bild von Hopper ist von sehr wenigen Werken bestimmt, die gar nicht zu bekommen sind, also 'Nighthawks' - das ist einfach nicht auszuleihen. So etwas wie die Mona Lisa fürs Art Institute in Chicago. Dann stellt sich eben heraus, dass Hopper wahnsinnig bekannt ist und zur gleichen Zeit auch unbekannt."

Nein, die zwei Männer mit Hut, die Frau im roten Kleid, den eifrigen Barkeeper in der nächtlichen, gläsern transparenten Bar sehen wir hier also nicht. Dafür aber die Frau, die sehnsüchtig aus dem Erker eines Hauses in Cape Cod starrt oder die berühmte Tankstelle mit den drei roten Zapfsäulen an einer Landstraße im Nirgendwo.

Aber Kurator Ulf Küster möchte uns lieber etwas anderes zeigen: Edward Hoppers Blick auf die amerikanische Landschaft. Und der ist fast immer bestimmt von technischen, zivilisatorischen Eingriffen und entsprechenden Relikten wie Eisenbahnschienen und Bahnwärterhäuschen. So jedenfalls in "Railroad Sunset" von 1929:

"Da zieht er die Horizontalen der Eisenbahnschienen bis an den Rand und macht damit klar, was man da sieht, ist der Teil eines enorm großen Ganzen. Von Amerika als einer fast unbeherrschbaren Weite."

Sommerlandschaften in Neuengland

Zeit seines Lebens hatte Edward Hopper ein Atelier in New York, am Washington Square. Die Sommermonate allerdings verbrachten er und seine Frau auf Cape Cod, einer Halbinsel in Massachusetts. Auch die Küste von Maine inspirierte Edward Hopper zu seinen Landschaftsgemälden.

In den 1920er Jahren sind seine farbintensiven Bilder der Felsenküste mit grünen Weiden und Federwolken noch geradezu impressionistisch. Viele der in dieser Ausstellung gezeigten Landschaften allerdings haben etwas latent Bedrohliches.

"Was die Landschaften aber auch zeigen sollen: dieses Wandeln auf dem Grad zwischen Naturdarstellung, zwischen dem Versuch, Natur darzustellen und Landschaft. Landschaft ist ja das ideale Bild von Natur, während Natur sich eigentlich immer ändert. Ich habe das Gefühl, dass Hopper das irgendwie klar machen will. Dass da etwas ist, dass sich geradezu unheimlich der Kontrolle des Menschen entzieht. Ich sehe auch darin eine gewisse Aktualität der Ausstellung."

Wenn in Hoppers Bildern Frauenfiguren auftauchen, blicken sie oft aus dem Bild heraus, auf irgendetwas, das wir Betrachter nicht sehen. Was aber Gegenstand einer großen Sehnsucht zu sein scheint. Auch in den Landschaftsbildern gibt es dieses Unsichtbare, diese andere, zusätzliche Bedeutung, die wir spüren, aber nicht dingfest machen können. Kein Wunder, dass der Kinogänger Edward Hopper für bestimmte Regisseure so anregend wurde.

Inspiriert vom Kino

"Er ist immer ins Kino gegangen. Um sich auch von dem Druck, malen zu müssen, abzulenken. Er hatte ja schreckliche Malhemmungen, dann ist er ins Kino gegangen oder ins Theater. In seiner Frühzeit als Illustrator ist er bestimmt sehr stark vom Film beeinflusst gewesen, während er später eher den Film beeinflusst hat als vom Film beeinflusst zu sein. Diese Häuser, die dann bei Hitchcock auftauchen, sind alle 20 Jahre vor Hitchcock gemalt worden."

In einem eigens eingerichteten Screening-Raum dann die 3-D-Hommage an Edward Hopper, von Wim Wenders. Er hat ikonische Personenbilder des Malers in Bewegung versetzt, ins Vorher und Nachher. Unglaublich, wie Wenders im heutigen Amerika Szenerien gefunden hat, die uns ins Damals versetzen. Doch das ist nicht kitschig oder peinlich, wie man vielleicht vermuten könnte. 

"Wim Wenders macht sich Gedanken über diese Hopper-Situation, die ja wie Film-Frames aufgebaut sind: angeschnittene Räume, die sich im nächsten Moment verändern können. Oder Situationen, die sich im nächsten Moment verändern können. Und hat sich Gedanken gemacht, wie sich das weiter entwicklen könnte. Und hat das, wie ich finde, ganz großartig geschafft, eigentlich keine definitiven Antworten zu geben, sondern das offen zu lassen." 

 Edward Hopper als Landschaftsmaler – das ist originell und wurde selten präsentiert. Edward Hopper und sein Einfluss auf Filmemacher wie Alfred Hitchcock und Wim Wenders – das allerdings zeigt den ungewöhnlich langen Atem dieser immer etwas unheimlichen Bilder.

Die Ausstellung "Edward Hopper" in der Fondation Beyeler ist bis zum 17. Mai 2020 zu sehen.

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