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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.05.2017

Eduard von Keyserling: "Fürstinnen"Sinn und Sinnlichkeit im Baltikum

Von Manuela Reichart

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Schloss Straupe bei Cesis im Norden von Lettland  (imago stock&people)
Schloss Straupe bei Cesis im Norden von Lettland (imago stock&people)

Hinreißende weibliche Heldinnen spielen in diesem Roman die literarische Hauptrolle. Mit großem Stilbewusstsein porträtiert Eduard von Keyserling in "Fürstinnen" den Untergang des baltischen Adels am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Die Fürstin hat heiratsfähige Töchter und andauernde Geldsorgen, und - sie ist immer noch schön:

"Die bräunliche Blässe des schmalen Gesichtes hatte etwas wie einen mat­ten Bronzeglanz, die Züge waren von wunderbar ruhiger Regelmäßigkeit, und aus den großen braunen Augen schaute das träge Pathos byzantinischer Madonnen."

Eduard von Keyserling – dieser immer noch unterschätzte Autor der deutschen Literatur­ge­schichte des 20. Jahrhunderts beschreibt ganz am Anfang dieses Romans das attraktive Äußere der Fürstinmutter und lässt dabei die innere Verfassung aufscheinen. Trägheit und Fügsamkeit, das hat das Leben dieser Frau ausgezeichnet, die nach dem Tod ihres lebens­lustigen Mannes sich begnügen, die sich anstrengen muss, um ihre drei Töchter stan­desgemäß zu erziehen und vor allem: zu verheiraten.

Vom Ende der kurländisch-livländischen Aristokratie

Der Autor, selber Spross einer baltischen adligen Familie, porträtiert einfühlsam und klug und mit großem literarischen Stilbewusstsein den Untergang und die Besonderheit einer Gesellschaftsschicht Anfang des 20. Jahrhunderts - das Absterben der kurländisch-livländischen Aristokratie.

Und er zeichnet eindrückliche Frauenfiguren: Zwei der Töch­ter fügen sich in ihr Prinzessinnen-Schicksal, das weder Selbstbestimmung noch Auf­leh­n­ung vorsieht, allein die jüngste ist neugierig auf ein anderes Leben, auf Sinn und Sinn­lichkeit. Aber sie wird ebenso scheitern wie ihre Freundin, die die modernste Frauen­fi­gur im weiblichen Keyserling-Universum voller hinreißender weiblicher Heldinnen ist. Und die Mutter wird sich enttäuscht in ihre Trägheit und Erwartungslosigkeit zurück­ziehen, nachdem der Mann, in dessen Gegenwart sie sich lebendig fühlt, sich mit einer 18-Jährigen verlobt.

Feuchtwanger: Seine "adelige Kunst" bewegt das Herz

In diesem seinem letzten Roman aus dem Jahr 1917 stellt dieser sensible und bilder­reiche Autor, der Atmosphären und Stimmungen auf ganz besondere Weise beschreibt, einmal mehr den schönen Untergang ins Zentrum. Das 19.Jahrhundert geht seinem Ende entgegen. Das Gefühl von Wehmut und Vergeblichkeit bleibt:

"Wir können aus unserem Leben doch nicht das machen, was wir wollen, es tut immer, was es selbst will".

Am Ende seines klugen und kenntnisreichen Nachworts zitiert Jens Malte Fischer Lion Feuchtwanger, der 1915 zum 60. Geburtstag über Keyserlings Literatur schrieb, seine "adelige Kunst" bewege das Herz. Daran hat sich auch ein gutes Jahrhundert später nichts geändert.

Eduard von Keyserling: Fürstinnen
Manesse Verlag, Zürich 2017
317 Seiten, 19,95 Euro 

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