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Lesart | Beitrag vom 04.02.2019

Édouard Louis und die Wut der Franzosen"Politik ist für den Armen immer persönlich"

Von Étienne Roeder

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Der französische Schriftsteller Édouard Louis (JOEL SAGET / AFP)
"Für mich war es sehr wichtig, Teil dieser Bewegung zu sein", sagt der französische Schriftsteller Édouard Louis. (JOEL SAGET / AFP)

Mit seiner politisch-kämpferischen Haltung ist der 26-jährige Autor Édouard Louis zum Shooting-Star der französischen Literatur avanciert. Sein neues Buch "Wer hat meinen Vater umgebracht?" wird als das politische Manifest der Gelbwesten gehandelt.

Die Plätze in der Geistesblüten Buchhandlung in Berlin sind restlos ausverkauft. Kaum fünf Minuten bevor die Veranstaltung losgeht, treffen Thomas Ostermeier, der Intendant der Berliner Schaubühne, und der französische Autor Édouard Louis die letzten Absprachen zum Ablauf des Abends: Gibt es noch ein Buch im französischen Original, um daraus zu lesen, fragt Édouard Louis und findet sogleich eine eigene, unkomplizierte Lösung: Während Thomas Ostermeier aus der deutschen Fassung des neuen Buches vorträgt, liest der französische Autor von seinem Smartphone.

Uneitel, fast schüchtern wirkt der Autor, doch seine Literatur hat durch ihre anklagende Schärfe eine Wirkmächtigkeit, die ihresgleichen sucht.

Die Kindheit war ein Martyrium

Während er in seinen ersten Büchern die Gewalt seines Vaters gegen ihn als schwulen Jugendlichen beschreibt, thematisiert er nun vor allem die Gewalt, die sein Vater selbst erfährt. Dieser sei durchzogen von gewalttätigen Strukturen, die ihn prägen und auch Louis' Kindheit zu einem Martyrium machten. Der Grund, warum er dieses Buch nun schreibt, ist, dass er mit seinem Vater gar keine gemeinsame Sprache mehr gefunden hat:

"Es wurde unmöglich, miteinander zu sprechen. Wir haben uns einfach immer mehr voneinander entfernt. Ich lebte in Paris, offen homosexuell, studierte Philosophie, las Peter Handtke und mein Vater war Straßenfeger. Jedes Mal, wenn wir uns trafen, da sah er in mir den Bourgeois, die herrschende Klasse, den Feind."

Dem Frust und Leiden Luft machen

Der Moment, als er seinen Vater nach einem Arbeitsunfall schwer beeinträchtigt im Krankenhaus trifft, wurde für Louis zum Schockerlebnis: "Er hatte gar keine schwere Krankheit wie Krebs oder Leukämie. Sein Gesundheitszustand war einfach dem Umstand geschuldet, dass er einer sozialen Klasse angehörte, die in der Gesellschaft zerstört wird."

Louis schreibt: "Jaques Chirac machte Deinen Darm kaputt, Nicolas Sarkozy hat dir das Rückgrat gebrochen, Hollande hat Dir die Luft genommen." Als die Gilets Jaunes, die Gelbwesten, in die französische Öffentlichkeit treten, erkennt Édouard Louis die geschundenen Körper aus seiner Kindheit. Es sind Menschen, wie sein Vater.

In Paris protestieren Anhänger der sogenannten "Gelbwesten".   (AFP/Lucas BARIOULET)In Paris protestieren Anhänger der sogenannten "Gelbwesten". (AFP/Lucas BARIOULET)

"Da gab es Leute, die sagten, sie könnten ihre Kinder nicht ernähren. Es war sehr wichtig für mich, Teil dieser Bewegung zu sein. Denn die Leute machten ihrem Frust und Leiden Luft, in einer Sprache, die eben noch nicht definiert war und sich mit den Protesten erst herausbilden muss."

Sein Buch findet eine Sprache. Anklagend, aber auch zart und empathisch.

Für eine Literatur der Einmischung

Und auch, wenn er betont, sein Buch sei kein Pamphlet des Protests, so drückt es doch am Beispiel seines Vaters aus, wie persönlich sich Politik auswirkt, wenn man arm ist:

"Politik ist für den Armen immer persönlich. Für meinen Vater waren die Entscheidungen von Macron oder Sarkozy so persönlich wie sein erster Kuss oder sein erstes Mal. Wenn Du in Frankreich reich bist und links eingestellt, kann Dir eine rechte Regierung nicht wirklich etwas anhaben. Aber wenn Du ein Migrant bist, der nicht ins Land darf und somit im Meer umkommt, dann sind politische Entscheidungen für Dich verbunden mit ganz essentiellen Fragen: Werde ich überleben, werde ich etwas zu essen haben. Werde ich sterben?"

Wie könnten die Leute es wagen, Macron nach dessen Flüchtlingspolitik immer noch zu unterstützen, fragt Louis. Zornig und engagiert drückt er aus, wie sehr er es hasst, wenn die Leute sich nicht aufregen.

Man muss sich doch aufregen, die Zeiten sind aufregend und Édouard Louis liefert die passende unangenehme Literatur, um sich einzumischen.

Literaturhinweis:

Édouard Louis: "Wer hat meinen Vater umgebracht"
Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel
S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2019
80 Seiten, 16 Euro

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