Edmund Edel: "Berlin W."

Bürgerlicher Alltag im Kaiserreich

05:20 Minuten
Das Cover von Edmund Edels Buch "Berlin W." zeigt einen Herrn mit Zylinder und eine Dame mit Hut. (Illustration im Stil der 1920er-Jahre)
© Quintus Verlag

Edmund Edel

Berlin W. Ein paar Kapitel von der OberflächeQuintus , Berlin 2022

192 Seiten

20,00 Euro

Von Helmut Böttiger · 16.12.2022
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Die Szeneviertel hießen zwar nicht Mitte und Prenzlauer Berg, ansonsten aber gibt es etliche Gemeinsamkeiten zwischen den Berlin-Hypes im 19. und 20. Jahrhundert. Süffig satirisch porträtiert Edmund Edel den bürgerlichen Alltag im Kaiserreich.
Man sollte die Gegenwart nicht absolut setzen. Ein Blick in die Vergangenheit lohnt sich immer, das relativiert die Einzigartigkeit des Jetztgefühls. Es kann zum Beispiel sehr verblüffend sein, die Gründerzeit nach 1998, als Berlin zur deutschen Hauptstadt ausgerufen wurde, mit der Gründerzeit nach Ausrufung des Kaiserreichs 1871 zu vergleichen.

Neue Bürgerlichkeit in Berlin W.

Ein idealer Gewährsmann dafür ist Edmund Edel, der 1906, mitten im Wirtschaftsboom unter Kaiser Wilhelm, ein kleines Buch veröffentlicht hat, das sich heute noch so frisch liest, als ob es aktuelle Zustände beschreiben würde.
Die Parvenüs der neuen Hauptstadt, die um das Jahr 2000 binnen kurzer Zeit Berlin-Mitte und den Prenzlauer Berg vampiristisch aussogen und eine neue Preußen-Schickeria etablierten, gab es bereits hundert Jahre vorher. Damals war der Austragungsort allerdings der Berliner Westen, mit dem Kurfürstendamm als Zentrum. „Berlin W.“ hießen die neuen Stadtviertel, die binnen kürzester Zeit aus dem Boden schossen und die vor Kurzem noch ländliche Dörfer wie Wilmersdorf zu den attraktivsten Wohnadressen machten: mit den Prestigebauten einer neuen Bürgerlichkeit, die repräsentative Wohnungen mit 300 Quadratmetern und vier Meter hohen Räumen generierten.

Karikieren und dazugehören

Dort wohnten nun all die Kommerzienräte, Justizräte und Medizinräte samt der jeweiligen „Frau Direktorin“, die Edmund Edel in seinen satirischen Feuilletons porträtiert, und wie er das tut, war damals etwas völlig Neues. Politik spielt bei ihm kaum eine Rolle, die jeweiligen Wohnungseinrichtungen, Kleiderordnungen und Konsumgewohnheiten dagegen umso mehr. Edel karikiert zwar und stellt bloß, aber insgeheim schwingt da auch etwas fast zärtlich Dazugehöriges mit.

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Edel, der sich vorher bereits als künstlerischer Plakatgestalter und grafischer Dienstleister einen Namen gemacht hat, nennt – wie ein Pop-Autor – Marken und Preise. Man kauft bei Tietz oder Wertheim, lackiert die Diele weiß „im Biedermeier-Stil mit Darmstädter Korbmöbeln“ und hat auf den diversen Etageren Kopenhagener Porzellan platziert. Heiratsanbahnungen werden genauso verhandelt wie die „Lästerallee“ sonntags im Zoologischen Garten.

Süffige Szenen

Im Sommer trifft man sich im Ostseebad Heringsdorf, macht aber auch Fernreisen nach Kairo oder Konstantinopel, wo das Reisebüro Stangen extra ein alttürkisches Restaurant mietet. Und bald geht es darum, „irgendein Land“ ausfindig zu machen, wohin man „noch fahren kann, ohne den billigen ‚Extrazüglern‘ zu begegnen“.
Edel liefert eine präzise Phänomenologie des bürgerlichen Alltags, und es gibt dabei süffige Passagen wie über den „Jour“, den Miezi Webert, die „Königin von Berlin W.“ und Ehefrau eines Fabrikanten, jeden Donnerstagnachmittag gibt, unter anderem mit der „reizenden Frau Otto Schulze“, der „geschiedenen Frau des berühmten Künstlers“ oder auch dem „Salonphilosophen“ Meyer sowie dem „alten, liebenswürdigen Witzbold Herrn Dr. Müggelbach“.
Und wie Edmund Edel einen Experten bei einer Ausstellungseröffnung eines Kunstsalons mit hochgestochenen Phrasen sich selbst entlarven lässt – à la bonne heure! Der Autor, Sohn eines Sanitätsrats aus Pommern, steht für jene spritzige, geistvolle, großstädtische und deutschjüdische Kultur, die man dem heutigen Berlin so wünschen würde.
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