Am Anfang der literarischen Moderne stehen zwei wie Pech und Schwefel: Der französische Poète maudit Charles Baudelaire und sein verfemter Bruder im Geiste Edgar Allan Poe. Noch bevor Baudelaire 1857 mit seiner Gedichtsammlung „Les Fleurs du Mal“ selbst unsterblich wurde, machte er sich mit den ersten Bänden seiner Poe-Übersetzungen um einen Klassiker verdient, ohne den die Weltliteratur heute eine andere wäre.
Edgar Allan Poe war da bereits seit einigen Jahren tot. Im Oktober 1849 verstarb er unter ungeklärten Umständen in Baltimore. Man fand ihn auf der Straße in fremder Kleidung, offensichtlich seit Tagen hochgradig alkoholisiert, auf dem Sterbebett murmelte er bloß noch Kauderwelsch.
Die Rezeption des in vielerlei Hinsicht bahnbrechenden Werks wurde durch üble Nachrede verstellt. Es rächte sich, dass der zeitlebens streitlustige Poe mit seinen Literaturkritiken mehr als einen einflussreichen Kollegen vor den Kopf gestoßen hatte. So wurde schon mit den ersten Todesanzeigen das Zerrbild eines unausstehlichen Alkoholikers gezeichnet, der zu Recht vereinsamt starb. Wenngleich sich bald Gegenstimmen zu Wort meldeten und viele der Unterstellungen über Poes Konsumverhalten wenigstens als übertrieben widerlegt werden können, lebt die Mär vom suchtzerfressenen, spleenigen Dandy fort.
Poes Einfluss auf viele Literaturgenre
Dabei wirkt der Ausnahmeautor Poe in vielen Genres nach. Immerhin spitzte niemand vor ihm die Short Story so unverfroren auf ihr offenes Ende zu. Sein deduktionsbesessener Hobbyermittler Dupin wurde zum Geburtshelfer der Detektivgeschichte, während die „Theorie der Komposition“ die Sprache als Material erkannte und den romantischen Geniekult zertrümmerte.
Was an der Gruselgänsehaut der Gothic Novel für uns schreckenserprobte Leser des 21. Jahrhunderts eher putzig wirkt, überwindet Poe mit schonungslosem Body Horror. Wie in seinem einzigen Roman „Arthur Gordon Pyms Abenteuer“, einem Seefahrerhöllenritt über den Roberto Bolaño mutmaßte, es sei das vielleicht einzige Buch, das man einem zum Tode Verurteilten noch anempfehlen könne – denn schlimmer geht immer.
Nehmen wir etwa die Szene, in der Pyms Jugendfreund Augustus von Meuterei und Schiffbruch ausgezehrt sein Leben lässt, heruntergehungert auf „höchstens noch vierzig oder fünfzig“ Pfund. Pym und der einzig weitere Überlebende Peters blicken auf Augustus entstellte Leiche und durch sie hindurch ins Nichts. „Sein Tod erfüllte uns mit den düstersten Vorahnungen und drückte so sehr auf unser Gemüt, dass wir den ganzen Tag bewegungslos neben dem Leichnam saßen und uns nur flüsternd verständigten. Erst nach Einbruch der Dunkelheit fassten wir Mut, standen auf und warfen den Leichnam über Bord.
Poes Werk auf Basis von Baudelaires Textauswahl
Den Impuls zur Neuübersetzung von Poes Werken auf Basis von Baudelaires Textauswahl ist einem Zufall zu verdanken. Ursprünglich war man von Verlagsseite mit einem anderen Projekt an den Übersetzer Andreas Nohl herangetreten, nämlich Charles Dickens zu übersetzen, was Nohl dankend ablehnte, denn das sei so mühsam wie Steine kauen.
Stattdessen schlug Nohl mit Verweis auf den 200. Geburtstag Baudelaires im Jahr 2017 eine Übertragung Edgar Allan Poes vor, auf Basis von Baudelaires Textauswahl und -anordnung. Worauf man bei dtv begeistert einwilligte, die fünf Bände gemeinsam zu machen. Und so versammeln die ersten beiden „Unheimliche Geschichten“, darunter Anthologielieblinge wie „Der Gold-Skarabäus“ oder „Der Untergang des Hauses Usher“. Es folgte der Roman „Arthur Gordon Pyms Abenteuer“ und in Band vier mit „Der Rabe“ das meistübersetzte Gedicht der Literaturgeschichte, ergänzt um die sinnsuchende Kosmogonie „Heureka“.
Den Abschluss der Ausgabe bilden die nun erschienenen „Grotesken und ernsten Geschichten“, ein buntes Sammelsurium verstreuter Texte, das der „Versatilität“ Poes als „Erzähler, Dichter, Satiriker, Essayist, Kritiker und Feuilletonist“ Tribut zollt, wie Andreas Nohl in seinem Nachwort schreibt. Talente, von denen viele im kurzweiligen Traktat „Philosophie der Möblierung“ aufscheinen. Poe hält hier weder mit seinem Südstaaten-Snobismus noch der Demokratieverachtung hinterm Berg, wenn er die Vorhänge, Polstermöbel und das Stubenarrangement seiner wohlhabenden Landsleute durch den Kakao zieht: „Unsere republikanischen Institutionen haben bedauerlicherweise zur Folge, dass hierzulande ein Mann mit einer dicken Brieftasche gewöhnlich eine sehr kleine Seele hat, die er darin aufbewahrt. Geschmacksverderbnis gehört zur Dollarproduktion oder ist ihr Gegenstück.“
Ein Schelm, wer da an die goldenen Ornamente des frisch renovierten Oval Office von Stilpapst Trump denkt. Die Schneidigkeit der Passage deutet an, wie nötig eine umfassende Neuübersetzung gewesen ist, die auch abseitigere Texte Edgar Allan Poes in den Blick nimmt. Andreas Nohl wusste bereits vor Jahrzehnten darum: „Ich stellte also die Mängel der vorhandenen Übersetzungen – die ja sehr berühmt war von Wollschläger und Schmidt – fest und konnte zugleich sehen, dass auch die DDR-Ausgabe auf einem ähnlichen Fehler, auf einer ähnlichen Fehlannahme beruhte. Nämlich dass Poe eine Art antiquarischer Schriftsteller ist. Beide Übersetzungen haben gar nicht berücksichtigt, dass Poe, auch in der amerikanischen Literatur, vorne an der Moderne steht, ähnlich wie Gogol in Russland.“
Eine notwendige Neuübersetzung – frisch und zeitgemäß
Mit seiner neuen Übersetzung sägt Andreas Nohl am Thron von Arno Schmidt und Hans Wollschläger, die ab 1966 weite Teile einer von Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller herausgegebenen Werkausgabe Poes übersetzt haben. Eine bis heute vielfach, bei verschiedenen Verlagshäusern nachgedruckte Edition. Schmidt und Wollschläger gelang es Dank des eigenen Bekanntheitsgrads und all dem Bohei, das vor allem Schmidt um seinen Poe machte, ihre Übertragung als ‚maßgeblich‘ zu etablieren.
Andreas Nohls Edition aber ragt heraus. Sie ist mit über 1600 Seiten die einzige solchen Umfangs, die ein Übersetzer im Alleingang stemmte. Selbst wenn man die Begleittexte Baudelaires abzieht, die Nohls Ehefrau Liat Himmelheber aus dem Französischen übersetzte, eine unbezweifelbare Großtat; was sich im präzisen Stellenkommentar und den klaren Nachworten bestätigt.
Gleich zu Beginn der dtv-Ausgabe im Jahr 2017 wurde das Vorhaben mit dem Anerkennungspreis zum Zuger-Übersetzer-Stipendium gewürdigt. Nohls Kollege Ulrich Blumenbach, lobte die Übersetzung in seiner Laudatio „neuer, frischer und zeitgemäßer“. Nohl habe gleich zwei Auswege für das bekannte Dilemma gefunden, einen Klassiker in der Neuübertragung nicht künstlich angestaubt klingen zu lassen: „Zum einen garniert er seine Übersetzung mit bildungssprachlichen, aber zeitlosen Einsprengseln wie ‚horribile dictu‘ für horrible to relate. Zum anderen hat er keine Berührungsängste vor fachsprachlichen Fremdwörtern, wenn beispielsweise aus multiplied ‚potenziert‘ wird oder aus proficiency ‚Kompetenz‘.“
Aus Sicht des Mörders – und des Opfers
Poe ist ein multiperspektivischer Autor, der in „Lebendig begraben“ – dem einzigen Stück, das Andreas Nohl Baudelaires Kompilation hinzufügte – aus der panischen Sicht eines Opfers berichtet, während er in „Das Fass Amontillado“ dem Täter das Wort erteilt, der aus reiner Antipathie einen verhassten Konkurrenten in einem Weinkeller einmauert, dort verenden lässt und damit unbestraft durchkommt. „Poe hat mit diesem enormen Feingespür für Entwicklungen herausgespürt, dass der Mord der große Skandal, die große Infragestellung jeder Gesellschaft ist, die zumindest sich legitimiert gegenüber ihren Mitbürgern. Und deswegen ist die Aufklärung eine so ungeheure Notwendigkeit. Denn mit einem unaufgeklärten Verbrechen zu leben, ist für eine vernunftbasierte Gesellschaft unerträglich“, sagt Nohl.
Daran hat sich bis heute nichts geändert, hier begründet sich Poes anhaltende Aktualität und sein Klassikerstatus. Er lässt sich wiederentdecken, jedes Mal ein bisschen neu und unter den Vorzeichen der Jetztzeit.
Die einzelnen Bände der Werkausgabe
Edgar Allan Poe: „Unheimliche Geschichten“, Herausgegeben von Charles Baudelaire. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl, dtv, München 2017, 424 Seiten, 28 Euro
Edgar Allan Poe: „Neue unheimliche Geschichten“, Herausgegeben von Charles Baudelaire. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl, dtv, München 2020, 392 Seiten, 30 Euro
Edgar Allan Poe: „Arthur Gordon Pyms Abenteuer", Herausgegeben von Charles Baudelaire. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl, dtv, München 2022, 256 Seiten, 32 Euro
Edgar Allan Poe: „Heureka & der Rabe", Herausgegeben von Charles Baudelaire. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl, dtv, München 2024, 256 Seiten, 32 Euro
Edgar Allan Poe: „Groteske und ernste Geschichten", Herausgegeben von Charles Baudelaire. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Andreas Nohl, dtv, München 2025, 320 Seiten, 34 Euro