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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 03.12.2018

Ecuadors Ex-Wirtschaftsminister Alberto Acosta"Eine andere Welt ist möglich"

Alberto Acosta im Gespräch mit Ellen Häring

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Aktivisten demonstrieren beim Rio-Gipfel 2012 für das von der Lebensweise der Indigenen inspirierte Konzept des "Buen Vivir", des "Guten Lebens". (imago / epd)
Aktivisten demonstrieren beim Rio-Gipfel 2012 für das von der Lebensweise der Indigenen inspirierte Konzept des "Buen Vivir", des "Guten Lebens". (imago / epd)

Als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung verankerte der Wirtschaftswissenschaftler Alberto Acosta das Recht auf "Gutes Leben" in der ecuadorianischen Verfassung. Danach spielen nicht Profit, sondern Gemeinschaft und Harmonie die entscheidende Rolle.

Solange der Profit einzelner vor dem Allgemeinwohl steht, ist keine Entwicklung möglich. Das meint der frühere ecuadorianische Politiker Alberto Costa. Vor zehn Jahren hat er als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung entscheidend dafür gewirkt, dass das Recht auf "buen vivir", auf ein "gutes Leben", in die Verfassung seines Landes aufgenommen wurde.

Bei diesem von der Lebensweise der Indigenen inspirierten Konzept seien drei Dinge fundamental, so Acosta im Deutschlandfunk Kultur. "Wir sind Individuen, die in Gemeinschaft leben. Du bist, weil ich bin und ich bin, weil du bist. Wir zwei gehören zusammen. Das ist das Erste." Hinzu komme die Einsicht, Teil der Natur zu sein und mit dieser eine Gemeinschaft zu bilden. "Und das Dritte ist die Spiritualität, das Vertrauen, die Solidarität, die Gegenseitigkeit, die Beziehungen untereinander, die wir als Menschen untereinander und mit anderen Lebewesen pflegen."

(Foto: Alberto Acosta)Der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors, Alberto Acosta. (Foto: Alberto Acosta)

In Ecuador hat dieses Recht auf ein "gutes Leben" seit 2008 Verfassungsrang - wenngleich ohne größere praktische Konsequenzen, wie Acosta bedauert:

"Die Verfassung von 2008 hätte die Tür öffnen können für einen enormen Veränderungsprozess, wenn das Buen Vivir tatsächlich umgesetzt worden wäre. Leider ist das nicht passiert. Die Regierung Correa hat der Verfassung ihre Kraft und ihren Inhalt genommen und hat das Buen Vivir als Machtinstrument benutzt, als Propagandamittel." 

Aber man dürfe nicht aufgeben und müsse weiterkämpfen:

"Eine andere Welt ist möglich, wenn wir akzeptieren, dass alle Lebewesen das Recht auf ein würdiges Leben haben", so Acosta. "Denken wir an eine Welt, die aus vielen Welten besteht. Eine Welt, in der wir alle Platz haben und in Würde leben können. Eine Welt, in der nicht eine Gruppe oder bestimmte Länder auf Kosten anderer und auf Kosten der Umwelt leben. Die große Herausforderung heute für uns ist es, eine anständige Welt  für unsere Enkel zu schaffen." (uko)


Das Interview im Wortlaut:

Ellen Häring: Zugeschaltet ist Alberto Acosta, Wirtschaftswissenschaftler und Präsident der Verfassungsgebenden Versammlung in Ecuador 2008. Das ist schon eine Weile her, aber deshalb so wichtig, weil Ecuador, ähnlich wie Bolivien, das Recht auf ein "Gutes Leben", das Buen Vivir, damals in die Verfassung aufgenommen hat. Das heißt, jeder Ecuadorianer kann dieses Recht theoretisch einklagen. Uns interessiert natürlich, wie das in der Praxis aussieht. Alberto Acosta, hat es denn schon Klagen dieser Art gegeben?

Alberto Acosta: Nein. Das hat es leider noch nicht gegeben. Es gab die Möglichkeit nicht, weil die ecuadorianische Gesellschaft und noch weniger die Regierung Correa, die wir bis vor zwei Jahren hatten, überhaupt verstanden haben, worum es bei dem buen vivir, dem Guten Leben, eigentlich geht. Man hat versucht, die Idee zu verbürokratisieren und so zu tun, als handle es sich nur um eine Art Absichtserklärung in der Verfassung.

Die Verfassung von 2008 hätte die Tür öffnen können für einen enormen Veränderungsprozess, wenn das Buen Vivir tatsächlich umgesetzt worden wäre. Leider ist das nicht passiert. Die Regierung Correa hat der Verfassung ihre Kraft und ihren Inhalt genommen und hat das Buen Vivir als Machtinstrument benutzt, als Propagandamittel. Aber es ist klar, dass die Vision und die Praxis des Buen Vivir in vielen indigenen Gemeinden im Amazonas und dem ecuadorianischen Hochland nach wie vor existieren.

Der ehemalige Präsident Ecuadors, Rafael Correa (AFP/ Camila Buendia)Der ehemalige Präsident Ecuadors, Rafael Correa (AFP/ Camila Buendia)

Viele indigene Gemeinden leben das "Buen Vivir"

Ellen Häring: Das Gute Leben, El Buen Vivir, bezieht sich ausdrücklich nicht auf den rein ökonomischen Reichtum oder den Konsum. Was ist genau damit gemeint?

Alberto Acosta: Also, erstmal ist das Buen Vivir, das Gute Leben, kein Konzept, sondern eine Lebenserfahrung. Es ist eine Art Praxis ohne Theorie. Es ist eine Philosophie ohne studierte Philosophen. Das Buen Vivir wird in vielen indigenen Gemeinden einfach gelebt, nicht in allen. Und die Idee, die dahinter steckt, ist ein Leben in Harmonie zu führen. In Harmonie mit uns selbst und allen anderen Menschen, weil wir alle Teil einer großen sozialen Gemeinschaft sind.

Natürlich sind wir Individuen, das streitet niemand ab, aber wir sind Individuen innerhalb verschiedener Gemeinschaften und diese Gemeinschaften müssen nach außen dieselbe Harmonie mit der Umwelt finden. Ich würde sagen, das ist der Kern des Buen Vivir: ein Leben in menschlicher Gemeinschaft, die in Harmonie mit der Umwelt lebt.

Ellen Häring: Und diese Gemeinden, von denen Sie sprechen – sind das dann quasi die Urheber des Buen Vivir?

Alberto Acosta: Die indigenen Völkern haben eine uralte Geschichte. Wir haben keine Ahnung, wann das Buen Vivir begonnen hat. Das Buen Vivir ist nicht an einer Universität entworfen worden, und noch weniger ist es ein politischer Vorschlag von irgendeiner Partei. Nein. Das Buen Vivir, das Gute Leben gibt es schon sehr, sehr lange.

Wir sollten uns die Frage stellen: Wie kann das sein, dass wir erst in den letzten zehn Jahren diese Idee in manchen Ländern wieder aufgegriffen haben? Und die Antwort ist einfach: lange, lange Zeit wurden diese Völker fremdbestimmt, ausgebeutet, missbraucht und marginalisiert. Nun haben sie wieder Raum zurückerobert und treten als Subjekte auf, die sich selbst, aber auch ihre Weltanschauung einbringen, und daher stammt diese Idee des Buen Vivir.

Harmonie und Gemeinschaft im Mittelpunkt

Ellen Häring: Um ein solches Konzept umzusetzen, braucht es sehr viele Initiativen rund um die Welt. Sie selbst sind von der Politik enttäuscht. Wer kann einen solchen Wandel befördern?

Alberto Acosta: Ich muss hier eines klarstellen. Ich kann mich niemals aus der Politik zurückziehen. Niemand kann das. Auch nicht die Leute, die sagen, sie hassen die Politik. Auch die machen Politik auf ihre Art. Bertolt Brecht hat ja schon gesagt: der schlimmste Analphabet ist der politische Analphabet.

Ich glaube, wir brauchen vor allem Gemeinschaften an der Basis, die bewusst handeln und andere Lebensformen – politisch, soziale, ökonomisch – suchen und ausprobieren. Drei Dinge sind meines Erachtens fundamental: wir sind Individuen, die in Gemeinschaft leben. Du bist, weil ich bin und ich bin, weil du bist. Wir zwei gehören zusammen. Das ist das Erste. Das Zweite ist: wir bilden zusammen mit der Natur eine Gemeinschaft. Wir sind Teil der Natur. Daher entwickelte sich auch die Ansicht, dass die Umwelt Rechte hat. Das geht über das Bekannte hinaus und bedeutet, dass alle Lebewesen, nicht nur die Menschen, Rechte haben. Und das Dritte ist die Spiritualität, das Vertrauen, die Solidarität, die Gegenseitigkeit, die Beziehungen untereinander, die wir als Menschen untereinander und mit anderen Lebewesen pflegen.

Und das ist der Ausgangpunkt um über die vielfachen Möglichkeit nachzudenken, das Buen Vivir, das Gute Leben umzusetzen in jeder Gemeinschaft, in jedem Winkel. Sprechen wir lieber im Plural von den Guten Leben, damit nicht das Buen Vivir nicht global und rigide daherkommt und womöglich noch dogmatische und orthodoxe Positionen begünstigt.

Eine anständige Welt für unsere Enkel schaffen

Ellen Häring: Sie waren früher selbst in der Politik und haben 2005 die Yasuní-Initiative unterstützt. Ich versuche das mal kurz zusammenzufassen. Yasuní ist ein Nationalpark im Amazonas, unter dem ein bedeutendes Öl-Vorkommen liegt. Der Vorschlag war, dieses Ölvorkommen dort zu belassen unter dem Schutz der internationalen Gemeinschaft. Die sollte Ecuador dafür eine Art Entschädigung zahlen, die wiederum direkt in Umweltschutz und in Bildung geflossen wäre. Die Initiative wurde hoch gelobt, ist aber aus vielen Gründen gescheitert. Steht die Welt noch nicht nah genug am Abgrund? 

Alberto Acosta: Das ist eine komplexe Schlussfolgerung, aber sie hat schon etwas mit der Realität zu tun: wir sehen und hören täglich sehr besorgniserregende Nachrichten, die mit dem Klimawandel zu tun haben. Und es gibt Menschen mit sehr viel Macht, wie der Präsident der Vereinigten Staaten, die den Klimawandel einfach leugnen. Nicht nur das, sie verschlimmern durch ihre Politik die Situation sogar noch weiter. Das ist für mich aktuell sehr bedrohlich.

Protest in Ecuador gegen Ölbohrungen im Ölfeld Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT) inmitten des Yasuni Nationalparks  (picture alliance / dpa / Jose Jacome)Protest in Ecuador gegen Ölbohrungen im Ölfeld Ishpingo-Tambococha-Tiputini (ITT) inmitten des Yasuni Nationalparks (picture alliance / dpa / Jose Jacome)

Die Initiative Yasuní ist aus der Zivilgesellschaft heraus entstanden und wurde 2007, als ich Wirtschaftsminister war, von der Regierung aufgegriffen. Diese Initiative ist gescheitert, aber sie ist nach wie vor eine Quelle der Inspiration und der visionären Ideen in vielen Ländern der Welt. Es werden ähnlich Projekte angestoßen, man spricht sogar davon die Welt zu "yasunieren". Der Terminus Yasuní bedeutet heilig. Das ist die große Aufgabe: den Respekt und die Harmonie gegenüber unserer Mutter Erde wieder herzustellen. Es ist unsere Mutter. Das ist die einzige Möglichkeit, wie die Menschheit auf diesem Planten überleben kann.

Ellen Häring: Sie haben sich intensiv beschäftigt mit Fragen der Entwicklung und sagen ganz klar: Solange der Profit einzelner vor dem Allgemeinwohl aller steht, wird es keine Entwicklung geben. Wie lange glauben Sie wird das derzeitige System noch Bestand haben?

Alberto Acosta: Es gibt ja Wissenschaftler, die sagen, es ist schon zu spät für Veränderungen. Aber auch in dieser so schwierigen Situation, die viele von uns einfach fassungslos macht, ist es wichtig, dass wir nicht aufgeben und weiter kämpfen. Eine andere Welt ist möglich, wenn wir akzeptieren, dass alle Lebewesen das Recht auf ein würdiges Leben haben. Wir sollten nicht nur auf ein Universum Bezug nehmen, das uns nur eine Form des Lebens anbietet. Wir sollten auch hier im Plural denken. Denken wir an eine Welt, die aus vielen Welten besteht. Eine Welt, in der wir alle Platz haben und in Würde leben können. Eine Welt, in der nicht eine Gruppe oder bestimmte Länder auf Kosten anderer und auf Kosten der Umwelt leben.
Die große Herausforderung heute für uns ist es, eine anständige Welt  für unsere Enkel zu schaffen.

Alberto Acosta: Buen Vivir. Vom Recht auf ein gutes Leben. 220 Seiten, Oekom-Verlag. 16,95€

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