Auf den Spuren des guten Lebens

Schüler in Bolivien © Judith Grümmer
Von Anke Schaefer · 16.07.2013
In Bolivien und Ecuador ist das Recht auf "Buen Vivir" - auf "Gutes Leben" - in der Verfassung festgeschrieben. Worauf beruht dieser Gedanke und inwiefern können Europäer sich davon inspirieren lassen? Dazu gab es eine Tagung in Potsdam.
Pachamama ist für die Völker der Anden die gute Mutter Erde, die Grundlage allen Lebens, die nährt und die für alle da ist, die aber auch geschützt, gepflegt und verehrt werden will. Sie steht sozusagen am Anfang des guten Lebens, des "Buen Vivir" der indigenen Völker Lateinamerikas. Und genau das haben die beiden Staaten Bolivien und Ecuador 2008 und 2009 in der Verfassung verankert. "Buen Vivir" beschreibt eine komplexe Haltung dem Leben gegenüber. Eine Definition in ein paar Worten ist schwer, meint Entwicklungstheoretikerin Ana Agostino:

"”Es hat etwas mit Gegenseitigkeit zu tun, mit der Idee, dass wir ein Teil der Natur sind und nicht etwa getrennt von ihr. Auch mit der Idee, dass wir füreinander da sind, dass es keine Entscheidung gibt, die nicht auch Auswirkungen auf andere hat – daher steht hier die Gemeinschaft im Zentrum des Lebens. Das sind Ideen, in denen es um ein Leben geht, das nicht auf der Ausbeutung der Ressourcen basiert. In dem es nicht um das Streben nach materiellen Gütern geht und Zufriedenheit nicht durch Konsum erlangt wird.""

Etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung in Ecuador betrachten sich selbst als indigen. Seit Beginn der 1990er-Jahre sind sie eine vernehmbare Stimme im gesellschaftlichen Diskurs des Landes. Dass die Idee des "Buen Vivir" jetzt in der Verfassung verankert ist, ist die Folge einer langwierigen Diskussion. Die aber nun in sogenannte "Entwicklungspläne" der Regierung mündet.

"Der letzte ist jetzt gerade veröffentlicht worden, für die Periode von 2013 – 2017 und das heißt: Plan für das Gute Leben, für das Buen Vivir."

Das sagt der Botschafter Ecuadors in Deutschland, Jorge Jurado. Sein Land ist also fest entschlossen, die neue Verfassung von 2008 umzusetzen. Da geht es zum Beispiel um den Schutz des Wassers:

"Damit kann man das Wasser nicht mehr privatisieren oder privat verwalten. Das Wasser gehört dem Staat und den Gemeinden und nur die dürfen das verwalten."

So weit, so sehr gut. Aber in manchen Bereichen sieht die Realität – doch noch – ganz anders aus. Ana Agostino:

"In der Verfassung von Ecuador steht also, dass die Natur Rechte hat – das ist neu. Nicht nur die Menschen haben Rechte, sondern auch die Natur. Gleichzeitig aber werden die Rohstoffe des Landes weiterhin ausgebeutet, sogar in Gebieten, die für die indigene Bevölkerung besondere Bedeutung haben und geschützt sind. Das sehe ich natürlich als Widerspruch."

Ecuador begründet diesen Widerspruch damit, dass die Umsetzung des "Buen Vivir" eben Zeit brauche. Wie lange aber, fragt zwar auch Franziska Dübgen vom IASS Potsdam kritisch. Doch gleichzeitig sieht sie schon jetzt viele positive Auswirkungen der Verfassungsänderungen:

"Es gibt eine verstärkte Investition in Bildung, es gibt eine Besteuerung der Ausbeutung von natürlichen Ressourcen, also es wird weiterhin viel auf Öl, Erdgas und Lithium gesetzt – aber es wird versucht, dass stärker der Staat und das Allgemeininteresse davon profitiert und das ist auf jeden Fall ein radikaler Wandel, der vor allem den ärmeren Bevölkerungsschichten zu Gute kommt."

Und so stößt "Buen Vivir" global und gerade auch in Deutschland auf Interesse. Gibt es Alternativen zum Kapitalismus? Ist Wohlstand auch ohne Wachstum denkbar? Das ist hierzulande in den vergangenen zwei Jahren in der Enquetekommission des Bundestages "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" diskutiert worden. Doch die hatte einen entscheidenden Mangel, meint Philipp Lepenies vom IASS in Potsdam: Die Bevölkerung wurde an der Diskussion nicht beteiligt.

"Das war nur ein Kreis von Parlamentsmitgliedern und Wissenschaftlern, aber es gab nicht wie zum Beispiel in Australien oder England den Prozess, wo gefragt wurde, was ist für uns eigentlich Lebensqualität, wie können wir uns einbringen, was sind unsere Sichtweisen, das wurde nicht behandelt."

Gehört hat man von dieser Enquetekommission dementsprechend wenig. Dabei, so die Wissenschaftler des IASS in Potsdam, drängt die Frage: Wann ist genug - genug? Und dass Bilder aus den Tiefen des kollektiven Erfahrungsschatzes helfen können, das Neue zu denken, haben wir erfahren, als wir das Waldsterben fürchteten, aber vor dem inneren Auge der Deutschen das Bild vom romantischen Mythos "Wald" stand – meint Manuel Riviera vom IASS:

"Die Analogie liegt daran, dass das Bild des Waldes in Deutschland auch zunächst nicht unmittelbar ein politisches, sondern ein weltanschauliches kulturelles Konzept war, was in einem bestimmten politischen Moment in den 70er-Jahren politische Kraft gewonnen hat. Dadurch dass sich viele Akteure angesprochen fühlten - das hat geholfen, dass man bereit war, Kosten zu akzeptieren für eine tiefgreifende Umstrukturierung der Umweltpolitik."
Es geht also, so die Wissenschaftler der Tagung in Potsdam, nicht unbedingt darum, die lateinamerikanischen Ideen des "Buen Vivir" einfach zu übernehmen, sondern immer wieder auch zu fragen: Wo liegen die Schätze, die aus unserer europäischen Gedankenwelt zu heben wären, um das Wachstumsdiktat in Frage zu stellen?