Umgetretene Leihroller

Zeichen aufgestauter sozialer Konflikte

04:15 Minuten
Elekto-Roller, E-Tretroller sowie Leihräder liegen von Unbekannten aufeinandergetürmt an einer Kreuzung in Berlin-Schöneberg auf dem Bürgersteig.
Vandalismus gegen Leihroller und Leihräder sei eine Art öko-mobiler Klassenkampf, meint Georg Diez. © picture alliance / Wolfram Steinberg
Ein Einwurf von Georg Diez · 09.06.2022
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An Straßenecken, auf Plätzen, in Parks - überall umgeworfene, umgetretene Leihroller. Der Journalist Georg Diez erkennt darin nicht nur Gewalt gegen Sachen, sondern einen symbolischen Akt der Verwüstung gegen einen Lifestyle der Leichtigkeit.
Eins, zwei, drei, vier – umgeworfene E-Scooter, alles Leihroller, vor meinem Haus. Wie gefallene Gazellen, gefallene Großstadtgazellen. Daneben noch zwei Leihfahrräder, umgetreten, umgeworfen, Blechknäuel.
In einer Stadt wie Berlin sind diese gestürzten Gefährte überall, an Straßenecken, auf Plätzen, in den Parks. Menetekel. Zeichen für eine verborgene Form von Wut – denn warum sonst würden sie umgetreten?
Nur so, nur aus Spaß? Dazu sind es zu viele. Aber Wut wogegen?

Lächerlich und erhaben zugleich

Seit die elektrischen Leihroller Mitte 2019 auftauchten, sausen Menschen damit durch die Stadt – es ist eine Mischung von Lächerlichkeit und Erhabenheit, die sie umgibt.
Sie sind verletzlich, wirken jedenfalls verletzlicher und wackliger als Fahrradfahrer, sie wirken hastig und gelassen zugleich. Ich benutze sie natürlich auch, wenn ich schnell von hier nach dort will.
Ich finde sie praktisch, und ich achte nur selten auf den Preis. Zwei Euro, drei Euro, vier Euro. Schwer zu sagen, ob das viel Geld ist für eine Fahrt oder wenig.
Eine Kurzstrecke mit der BVG kostet zwei Euro, eine normale Fahrt drei Euro. Ganz umsonst ist das eigene Fahrrad, ganz umsonst ist es, sich Zeit zu nehmen und zu laufen.

Ein Anschlag auf die Ordnung

Diese Zeit haben viele nicht, das denken sie wenigstens: Sie müssen schnell zum nächsten Treffen, ins Café, zum Kind, das im Kindergarten wartet. Die Leih-Scooter von Tier oder Bird – oder wie die Firmen noch alle heißen – schaffen Flexibilität.
Manchmal fühlt es sich wie Freiheit an.
Ich weiß nicht, ob das schon Grund genug ist, dass die Leihroller Aggressionen erzeugen. Einmal sah ich einen Mann, der in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs auf eine Reihe Leihrolle zuging und sie alle einzeln umwarf.
Es sah aus wie ein Kornfeld nach einem Sturm, Korngarben aus Metall, komplett ineinander verschlungen.
In gewisser Weise ist das ziviler Ungehorsam – jedenfalls ist es im öffentlichen Raum, also für alle sichtbar, und es ist Ungehorsam, ein Anschlag auf eine Ordnung, die einem nicht passt.

Widerstand gegen den Lifestyle der Leichtigkeit

Vielleicht ist es auch eine Art Zerstörungswut, aber eigentlich zerstört werden die Roller nur selten. Die Verwüstung ist symbolischer Natur.
Es ist Gewalt gegen Sachen, aber es ist auch Gewalt gegen ein System, das sich in dem Lifestyle der Leichtigkeit zeigt, in dem Gleiten durch die Masse, in der Verfügbarkeit und der Flexibilität.
Es ist ein Widerstand gegen diese Mobilität, die vielleicht nur symbolisch eine Mobilität im Straßenverkehr ist – tatsächlich ist es ja auch soziale Mobilität. Und das Rollerumwerfen wäre dann öko-mobiler Klassenkampf.
Nicht Neid auf das Rollern an sich, sondern Abneigung gegen das, wofür diese Roller stehen. Eine Abneigung gegen eine bestimmte Schicht, die diese Leihroller verwendet, die auch nur im erweiterten Innenstadtbereich verfügbar sind.
Es ist eine urbane Schicht. Es ist eine Schicht, die besser verdient. Denen zwei, drei, vier Euro pro Fahrt nicht allzu viel ausmacht. Die lieber schnell und individuell durch den Verkehr gleiten, als mit anderen auf den Bus zu warten.
Die Wut gegen die Roller trifft damit auch dieses Lebensmodell, stellvertretend. Es sind aufgestaute soziale Konflikte, die sich hier zeigen – weniger ein Abreagieren, als ein Maß an „Selbstwirksamkeit“, wie es die nennen, die auf den Rollern gleiten.

Verweis auf gesellschaftliche Fliehkräfte

Also ich. Denn ich bin Teil dieser Schicht, ich fahre auf diesen Rollern. Die Wut gilt mir. Deshalb fühlt es sich auch sehr persönlich an, wenn ich ein Knäuel umgeworfener Roller sehe. Eine Mischung aus Scham, Erkennen und symbolischer Bedrohung.
Die Tektonik unserer Gesellschaft verändert sich, die Bruchlinien, ökonomisch, sozial, werden deutlicher. Die Risse sind manchmal klein, die Beobachtungen verstreut.
Und diese umgeworfenen Roller sind Zeichen für minimalen gesellschaftlichen Kontrollverlust – aber sie verweisen auf größere gesellschaftliche Fliehkräfte.

Georg Diez (*1969) ist Journalist und Autor. Er arbeitete für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und war bis 2019 Kolumnist beim "Spiegel." Seit 2020 ist er Chefredakteur von "The New Institute" in Hamburg, einer Plattform, die sich mit Fragen der ökologischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Transformation befasst. Er ist außerdem Autor mehrerer Bücher.

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