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Länderreport | Beitrag vom 23.07.2019

Düsseldorf reagiert auf den KlimawandelNeue Bäume für die Stadt

Von Vivien Leue

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Ulmenblätter im Sonnenschein. (picture alliance/dpa/F. Herrmann)
Die Ulme ist durch Züchtung wieder resistent gegen Krankheiten. In den 80er-Jahren starb sie vielerorts aus. (picture alliance/dpa/F. Herrmann)

Die trockenen und heißen Sommer greifen die Stadtbäume immer mehr an. Deshalb setzt Düsseldorf bei Neupflanzungen nun auf widerstandsfähige Arten wie Ahorn oder Ginkgo - und auch wieder auf die Ulme. Andere Arten werden wohl aus dem Stadtbild verschwinden.

"Da sieht man ganz schön diese Reihe der Parrotien, das sind Eisenholzbäume …"

Doris Törkel steht am Rande einer viel befahrenen Straße im Düsseldorfer Stadtteil Flingern und zeigt auf mehrere etwa vier Meter hohe Bäume auf dem Bürgersteig: Auf dem relativ dünnen Stamm sitzt eine schmale, grüne Krone.

Törkel leitet das Garten- und Forstamt der Stadt. Damit ist sie zuständig für fast 70.000 Straßenbäume, auch für diese Parrotien, hier auf der Birkenstraße.

"Diese Standorte, gerade im dichten Stadtquartier, bis an den Stamm zugepflastert, das ist nicht so ein Standort, wo eine normale Birke gut mit klarkommt."

Deshalb stehen hier jetzt diese Parrotien oder Eisenholzbäume. Sie stammen ursprünglich aus Vorderasien, erklärt Törkels Kollegin Silke Thyssen.

"Das ist was Besonderes, ist jetzt nicht der klassische Straßenbaum, den wir kennen, der aber inzwischen auch mit diesen Klimaverhältnissen hervorragend zurechtkommt."

Auswirkung der Klimaveränderung

Das ist für das Düsseldorfer Gartenamt das Entscheidende: Die Bäume, die in der Stadt neu gepflanzt werden, müssen mit den veränderten Klima-Bedingungen klar kommen, sie müssen widerstandsfähig sein, auch wenn es mal – wie jetzt gerade wieder – wochenlang nicht regnet.

"In den letzten zehn Monaten sind wir unter dem Niederschlagsnormal. Seit zehn Monaten. Und ich glaube, dass man da sicher sagen kann, dass der Klimawandel bei uns angekommen ist", sagt Landschaftsarchitektin Doris Törkel. Hinzu kommen die zum Teil hohen Temperaturen im Sommer, erklärt Silke Thyssen:

"Die Temperaturen sind ja in der Innenstadt wesentlich höher als in der freien Landschaft. Das heißt: Viel mehr Hitze, viel mehr Verdunstung. Es wird viel mehr Wasser benötigt, auf der anderen Seite sind die Flächen unter den Bäumen immer so sehr versiegelt, dass da kaum Wasser an die Bäume herankommt."

Blätterzweige des Japanischen Pagodenbaums oder des Japanischen Schnurbaums.  (picture alliance/dpa/Frank Sommariva)Der Japanischer Pagodenbaum oder der Japanische Schnurbaum gilt in Düsseldorf als Baum mit Zukunft. (picture alliance/dpa/Frank Sommariva)
Düsseldorf hat deshalb vor fünf Jahren eine Liste mit den Baumarten erstellt, die wohl auch in Zukunft an den Extremstandorten in der Stadt überlebensfähig sind.
 
Törkel: "Wir haben in der Zukunftsbaumliste 190 Baumarten identifiziert, in entsprechenden Kategorien: Besonders gut geeignet oder ist mittel oder muss ausgetestet werden. Die ist nicht in Stein gemeißelt, sondern muss permanent fortentwickelt werden und so lebt diese Liste."

Dem Ginkgo gehört die Zukunft

Aktuell setzt die Stadt – laut der Liste – auf verschiedene Ahorn-Arten, die Purpurerle, aber auch auf die Gleditschie oder den europäischen Zürgelbaum.
 
"Der Ginkgo gehört zu den Zukunftsbaumarten. Der japanische Schnurbaum, Sophora, kommt sehr gut mit den Trockenperioden aus, hat eine schöne Blüte. Ist halt nur ein sehr breitkroniger Baum, wo man ganz genau schauen muss: Haben wir solche Straßen, wo wir dann auch den Platz haben, dass sich der Baum entsprechend seinem Habitus entwickeln kann."

In unterschiedlichen Farben sind einige Gingkoblätter aufgefächert. (imago/ Jan Merkle)Gingkoblätter in unterschiedlichen Farben. (imago/ Jan Merkle)
Es sind zahlreiche Faktoren, die Doris Törkel und ihre Mitarbeiter prüfen müssen, bevor sie sich an einem bestimmten Standort in der Stadt für einen Baum entscheiden: Kommt er mit dem Streusalz im Winter klar, was passiert, wenn Autos beim Einparken die Rinde beschädigen, ist er sowohl frosthart als auch hitzeverträglich?

Und natürlich soll der Baum dann auch noch schön sein, sagt Doris Törkel - und geht in eine etwas ruhigere Seitenstraße. Breitkronige Linden und Buchen werfen hier einen angenehmen Schatten auf die Altbaufassaden.

"Stadtbäume prägen das Stadtbild, ganz wichtig also auch von der Architektur her. Man erlebt die Jahreszeiten, und wo wir jetzt gerade stehen hier in einer Straße mit den Alleen, gehört das zum Lebensumfeld dazu."

Gleichförmige Alleen sind von gestern

Aber die Zeiten der gleichförmigen Alleen – auf denen hunderte Meter weit dieselben Arten stehen, sind vorbei, denn:

"Die Baumkrankheiten nehmen rasant zu, auch das eine Folge des Klimawandels, und dann kann es eben passieren, dass sie als Gartenamt auf eine Baumart setzen und sie vermehrt pflanzen und dann kommt im nächsten Jahr eine Krankheit, die dann wieder diese Art in Frage stellt."

So stehen in Düsseldorf zum Beispiel besonders viele Linden – sie werden zurzeit deshalb nicht mehr gepflanzt. Probleme gibt es aktuell auch mit der Rosskastanie. Sie steht quasi auf der roten Liste.

"Das ist so eine Verlierer-Baumart. Auch viele Mehlbeeren und Birken und Bergahorn haben gelitten."

Dramatische Zunahme an Baumkrankheiten

Viele dieser Bäume werden vermehrt krank – und können häufig nicht mehr gerettet werden, erklärt Silke Thyssen.

Von der Miniermotte geschädigte Kastanienblätter sind am 13.07.2019 in einem Garten in Weisskollm zu sehen. (picture alliance/dpa/Franziska Gabbert)Von der Miniermotte geschädigte Kastanienblätter. (picture alliance/dpa/Franziska Gabbert)
"Durch mehr Hitze sind die Bäume auch anfälliger. Also im Grunde genommen wie beim Menschen, wenn das Immunsystem schon angezählt ist und dann kommt noch ein Schnupfen, dann erwischt es einen natürlich viel mehr und wir merken eine dramatische Zunahme an Baumkrankheiten, an Schädlingsbefall, an Pilzen, das ist deutlich, deutlich mehr und das hat was mit dem Klimawandel zu tun, ganz klar."

Aber es gibt Hoffnung, auch für die – vielen Deutschen so ans Herz gewachsene – Kastanie. Züchter forschen mittlerweile an resistenten Arten. Bei der Ulme, die in den 80er-Jahren wegen Krankheiten reihenweise starb, hat das funktioniert:

"Bei der Ulme ist das Schöne, wir haben sie jetzt auch wieder vermehrt gepflanzt und sie ist als einer der Gewinner aus diesem Hitzesommer hervorgegangen. Sie sehen dieses Jahr wirklich hervorragend aus."

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