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Literatur / Archiv | Beitrag vom 14.02.2016

Duell in Baden-BadenDie innige Feindschaft zwischen Dostojewski und Turgenjew

Von Tom Peuckert

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Zwei Männer stehen sich Auge in Auge gegenüber. (imago/emil umdorf)
Dostojewski verfasste wüste Satiren auf Turgenjew, dieser nannte Dostojewski in Briefen einen Lügner. (imago/emil umdorf)

Im Sommer 1867 trafen sich zwei prominente russische Schriftsteller in Baden-Baden. Iwan Turgenjew lebte als reicher Emigrant in der Stadt, Fjodor Dostojewski hatte im Casino sein letztes Geld verspielt. Als Todfeinde gingen sie auseinander.

Sie sind in jeder Hinsicht Antagonisten, ästhetisch, politisch und ökonomisch: Iwan Turgenjew und Fjodor Dostojewski. An Westeuropa schieden sich ihre Geister, in Westeuropa wurden sie Feinde. 1862 Jahren begab sich der Verfasser der "Aufzeichnungen aus dem Totenhaus" auf seine erste große Europareise. Weitere sollten folgen, nicht immer freiwillig: 1867 floh Dostojewski hochverschuldet vor den Gläubigern seiner erfolglosen Zeitschrift ins Ausland und kehrte erst Jahre später nach Russland zurück.

Iwan Turgenjew wohnte ab 1855 mit nur wenigen Unterbrechungen in Paris und in verschiedenen deutschen Städten. Im Sommer 1867 begegneten sich die beiden prominenten russischen Schriftsteller in Baden-Baden. Iwan Turgenjew, durch seine Romane "Aufzeichnungen eines Jägers" und "Väter und Söhne" berühmt geworden, lebte als reicher Emigrant in der Stadt, Fjodor Dostojewski hatte im Casino sein letztes Geld verspielt und kam als Bittsteller. Die eigene Spielsucht hatte er im Vorjahr im fieberhaft in wenigen Tagen verfassten Roman "Der Spieler" geschildert, seine literarische Bedeutung mit "Schuld und Sühne" bestärkt.

Als Todfeinde gingen sie auseinander. Dostojewski verfasste später wüste Satiren auf Turgenjew, dieser nennt Dostojewski in Briefen einen Lügner. Die Episode ist verbürgt, auch der Konflikt, der das russische Geistesleben im 19. Jahrhundert dominierte: der Gegensatz zwischen westlich gesinnten Intellektuellen und Slawophilen, die sich als überzeugte Feinde des Westens verstehen. Diese Frontlinien lassen sich mühelos in die Gegenwart verlängern.

Eine Wiederholung vom 06.05.2012.

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