Drehbuchautor zu #ActOut

    "In den Fernsehanstalten wird zu wenig gewagt"

    08:50 Minuten
    "Süddeutsche Zeitung Magazin" vom 5.Februar 2021: Die Gesichter von vielen Schauspielende, die sich als lesbisch, schwul, bisexuell, queer, nicht binär und trans outen, sind auf einer Seite des Magazins abgebildet. Die Überschrift lautet: "Ich komme aus einer Welt, die mir nicht von mir erzählt hat."
    Im "SZ-Magazin" outen sich queere Schauspielende: Drehbuchautoren schreiben die Rollen, können sie andere Figuren kreieren? © IMAGO / Rüdiger Wölk
    Sebastian Andrae im Gespräch mit Gesa Ufer · 09.02.2021
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    Der #ActOut-Aufruf queerer Menschen vor den Kameras hat dazu geführt, dass andere Gewerke aus der TV-Branche sich hinterfragen. Sebastian Andrae vom Verband Deutscher Drehbuchautoren sagt, der Einfluss seiner Branche werde überschätzt.
    185 queere Menschen, die auf der Bühne und vor der Kamera stehen, haben sich im "SZ-Magazin" geoutet und fordern mehr Sichtbarkeit von unterschiedlichen sexuellen Orientierungen in Film und Fernsehen. Sebastian Andrae, Geschäftsführender Vorstand vom Verband deutscher Drehbuchautoren (VDR) sagt, er freue sich, dass die Initiative so eine Schubkraft entwickelt habe. "Ich glaube, es ist eine dringend notwendige und hoffentlich auch wirkungsvolle Aktion."

    Die Rolle der Drehbuchautoren

    An welchen Stellen lässt sich aber etwas ändern? Die Casting-Direktorin Anja Dihrberg sagte im Deutschlandfunk Kultur, sie hoffe darauf, dass Drehbuchautorinnen und -autoren die Rollen diverser anlegten: "Indem sie Figuren anders beschreiben und benennen. Was einmal geschrieben ist, kann man nicht so leicht verändern wie eine Idee, die mal in den Raum gestellt wird." Sie plädiert dafür, den Blickwinkel etwas zu verschieben.
    Andrae betont, er würde den Beruf nicht aus der Verantwortung nehmen, allerdings gebe es nach der Abgabe des Drehbuchs durchaus noch viele Änderungen: "Es ist Teil unseres täglichen Berufs, das vorgelegte Texte stark verändert werden, dass darüber diskutiert wird."
    Vermutlich hole man auch die Mehrheit der Zuschauer in ihrer Lebenswirklichkeit noch da ab, wo es um Beziehungen zwischen Mann und Frau gehe, meint Andrae.

    "Fernsehanstalten wagen keine Experimente"

    Andrae glaubt, die TV-Sender könnten noch mehr machen, um die Fernsehrealität anders zu gestalten. "Es gibt gerade im öffentlich-rechtlichen Spektrum zu wenig Versuche, andere Lebenswirklichkeiten zu zeigen. Das zeigt sich nicht nur bei der sexuellen Orientierung, sondern durch die Bank."
    Er sieht dort eine herausgehobene Verantwortung: "Da sind alle aufgerufen, vor allem auch die Fernsehentscheider, das Leben in seiner Buntheit abzubilden."
    Teilweise werde auch zu wenig versucht. "Ich glaube, dass in den Fernsehanstalten – wie sie aufschlussreich heißen – gesagt wird: 'Wir wollen vorher ahnen, was den Zuschauern zuzumuten ist. Und nicht das Experiment wagen, sechs, sieben, acht Serien mal zu versuchen.'"

    Lernen am Erfolg der Streamer

    Jetzt verlange der Zuschauer allerdings immer mehr ein anspruchsvolleres Programm. "Wir haben durch die Streamer gelernt, wie Fernsehen auch sein kann", sagt Andrae. Auch das Kino und das Theater präsentiere andere Geschichten. "Ich glaube, dass sich die großen Sender dort den Ehrgeiz durchaus abgucken können und spannende Geschichten aus anderen Bereichen erzählen können als immer nur die gleiche Konstellation."
    Die Debatte um eine gendergerechte Sprache – der Branchenverband heißt Verband deutscher Drehbuchautoren – will Andrae von der Debatte um eine vielfältigere TV-Wirklichkeit trennen.
    (mfu)
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