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Frühkritik | Beitrag vom 19.02.2021

Doug Johnstone: "Der Bruch"Hoffnung am Himmel von Edinburgh

Von Thomas Wörtche

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Cover des Krimis "Der Bruch" von Doug Johnstone auf orange-weißem Hintergrund (Polar / Deutschlandradio)
Die sozialen Realitäten in Edinburgh sind erbarmungslos, daran lässt Johnstones scharfer und detailgenau kritischer Blick keinen Zweifel. (Polar / Deutschlandradio)

Doug Johnstones Edinburgh in "Der Bruch" ist hässlich, schmutzig und verkommen, oder wo es das nicht ist, obszön reich und abgeschottet. Sein Kriminalroman verwickelt beide Milieus in eine scheinbar ausweglose Tragödie – und stemmt sich doch dagegen.

Tyler Wallace ist 17 Jahre alt. Er wohnt mit seiner kleinen Schwester Bean und seiner drogensüchtigen Mutter in einem der abgeranzten Hochhäusern im schlimmsten Viertel von Edinburgh. Auf dem gleichen Stock hausen in inzestuöser Beziehung sein Halbbruder Barry und dessen Schwester Nelly nebst zwei bösartigen Kampfhunden.

Barry ist ein soziopathischer Krimineller, der seine Geschwister mit Gewalt zwingt, mit ihm auf Einbruchstouren zu gehen. Tyler – er ist die Hauptfigur von Doug Johnstones Roman "Der Bruch" – will das nicht, muss sich aber wohl oder übel fügen, denn er muss sich um seine kleine Schwester und seine Mutter kümmern, vor denen der Zorn Barrys notfalls nicht halt machen würde.

Anständigkeit als Schwachstelle

Bei einem dieser Hauseinbrüche sticht Barry die überraschend zurückkommende Besitzerin nieder und lässt sie blutend liegen. Der entsetzte und verstörte Tyler ruft später heimlich den Notarzt, weiß aber noch nicht, dass das Opfer die Ehefrau des lokalen Gangsterbosses ist, der bittere Rache schwört.

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Tyler gerät unter Druck: Halbbruder Barry fordert bedingungslose Solidarität, die Gangster und die Polizei haben ihn, der als einigermaßen anständiger Mensch gilt, als Schwachstelle ausgemacht, und zudem hat er sich noch in eine junge Frau aus der besseren Gesellschaft verliebt, die dem Gangster jetzt als Geisel dient. Tylers Dilemma scheint hoffnungslos.

"Der Bruch" liest sich zunächst wie ein überzeugend naturalistischer Roman aus einem Schottland, das weder schön noch romantisch ist. Sein Edinburgh ist hässlich, schmutzig und verkommen, oder wo es das nicht ist, obszön reich und abgeschottet. Die sozialen Realitäten sind erbarmungslos, daran lässt Johnstones scharfer und detailgenau kritischer Blick keinen Zweifel.

Überwindung sozialer Gegebenheiten

Hoffnung ist eigentlich nur eine literarische Option, und selbst die hat hier ihren blutigen Preis. Aber genau diese prekäre Hoffnung, die am Ende wie der Ernst Bloch'sche "Vorschein" aufschimmert, verhindert, dass aus "Der Bruch‟ einfach nur ein schlichter Roman Noir wird. Johnstones Buch stemmt sich, sogar möglicherweise wider besseres soziologisches Wissen, gegen einen düsteren sozialen Determinismus. Nicht nur Tyler, der "Unterschichtler", ist von Last und Mühsal gebeutelt, auch seine reiche Freundin leidet unter der neoliberalen Gleichgültigkeit ihrer Klasse.

Dennoch werden sie ein Paar. Und genau durch diese Figurenkonstellation erreicht Doug Johnstone, dass "Der Bruch" bei aller harschen Sozialkritik ein schon fast klassischer Roman des Poetischen Realismus ist. Keine reine Widerspiegelung auswegloser sozialer Gegebenheiten, sondern deren Überwindung und Modellierung mit literarischen Mitteln. Also: das Kerngeschäft guter Kriminalliteratur.

Doug Johnstone: "Der Bruch‟
Aus dem Englischen übersetzt von Jürgen Bürger
Polar Verlag, Stuttgart 2020
308 Seiten, 20 Euro

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