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Lesart | Beitrag vom 17.10.2019

Dorris Dörrie über autobiografisches Schreiben"Die Schätze der Erinnerung heben"

Moderation: Frank Meyer

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Doris Dörrie steht mit Mikro am Messestand von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur.  (Deutschlandradio/ David Kohlruss)
"Jeder von uns ist einzigartig und jede Geschichte erzählenswert", sagt Doris Dörrie. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)

Erinnerungen aufzuschreiben, heißt für Doris Dörrie, sich seiner selbst zu vergewissern. In ihrem neuen Buch lässt sie die Leser an persönlichen Erinnerungen teilhaben – und erklärt, wie man durch Schreiben zufriedener werden kann.

Zehn Minuten jeden Tag  – ob im Bett oder am Schreibtisch. Das ist die erste und wichtigste Schreibregel von Doris Dörrie. Eine Routine, die das Potential habe, ein Leben zu verändern: "Ich möchte weitergeben, was ich in Workshops überall auf der Welt erlebe: Dass das Schreiben so glücklich macht oder zumindest zufrieden. Es verankert mich in meinem eigenen Leben."

Die erfolgreiche Filmemacherin und Autorin schreibt seit Jahren jeden Tag autobiografische Texte. Und findet so das Material, das sie für ihre erfundenen Figuren wieder benutzen könne. In ihrem neuen Buch "Leben, schreiben, atmen" gestattet Dörrie dem Leser nun auch einen Blick auf den künstlerischen Rohstoff – noch vor der Verarbeitung.

So direkt und offen wie möglich

"Ich musste mich auch überwinden, weil ich mich sonst eher verhülle in der Fiktion, die ich betreibe. Aber in diesem Buch konnte ich nicht die Einladung aussprechen und es selber nicht vormachen. Deshalb habe ich das autobiografische Schreiben dann doch so direkt und offen wie möglich selbst betrieben, um zu zeigen, wie groß der Schatz der Erinnerung ist, der in einem schlummert."

Doris Dörrie auf der Frankfurter Buchmesse. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)Doris Dörrie will in ihren Lesern selber die Geschichtenerzähler wecken. (Deutschlandradio/ David Kohlruss)

Dazu gehöre ebenfalls die Erfahrung, dass es durchaus traurig sein kann, Erinnerungen aufzuschreiben. Ebenso wie das befreiende Erlebnis, eine aufgeschriebene Erinnerung zu besitzen ­– und nicht andersherum. Das sei ein fundamentaler Unterschied, so Dörrie.

Am Ende sei das Schreiben keine Frage von positiven oder negativen Emotionen, sondern helfe dabei, sich selbst zu verstehen. "Jeder von uns ist einzigartig und jede Geschichte erzählenswert. Darum geht es mir."

Sich an Erinnerungen heranschreiben

Genauso unverwechselbar wie wir selbst sei auch unsere Handschrift. Deswegen empfiehlt Dörrie, Erinnerungen per Hand aufzuschreiben." Dieser Weg vom Kopf in die Hand ist etwas sehr anderes als eine Tastatur, die ja binär funktioniert. Der Gedanke, der zu einer Bewegung wird, das ist etwas Faszinierendes."

In ihrer Erinnerungsarbeit dringt Dörrie in immer tiefere Schichten vor, indem sie wieder und wieder über dieselben Begebenheiten schreibt. Je tiefer man grabe, desto mehr Details tauchten auf, die alle auf dieser "gigantischen Festplatte", unserem Gehirn, gespeichert seien, so die Filmemacherin.

"Wenn man so schreibt, merkt man, wie irrsinnig und großartig das ist, was man sich da alles gemerkt hat in seinem Leben. Das hat nichts mit Lebensalter zu tun. Fast andersherum. Wenn man sehr jung ist, merkt man sich die Dinge sehr präzise. Aber man kann sich an diese präzisen Erinnerungen auch wieder heranschreiben."

(rod)

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