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Interview / Archiv | Beitrag vom 28.08.2019

Doris Dörrie über das Schreiben"In jedem tut sich ein unglaublicher Kosmos auf"

Moderation: Liane von Billerbeck

Das Foto zeigt die Regisseurin Doris Dörrie, die im Filmmuseum Frankfurt vor einem Plakat mit ihrem Konterfei posiert. (dpa / picture alliance / Bernd Kammerer)
Mit der richtigen Technik ans Ziel kommen: Für Doris Dörrie gilt, "wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich seltsam". (dpa / picture alliance / Bernd Kammerer)

Für Doris Dörrie hat das Schreiben eine erdende und beinahe therapeutische Kraft, überlebensnotwendig scheint es für sie zu sein. Darauf verweist der Titel des Buches, das die Regisseurin über das Schreiben verfasst hat: "Leben, schreiben, atmen".

Liane von Billerbeck: Vielleicht kennen die meisten unsere Gesprächspartnerin eher als Filmregisseurin, als Drehbuchautorin. Aber Doris Dörrie ist auch eine Schreiberin, eine Erzählerin, Autorin vieler Geschichten für Erwachsene und für Kinder, und sie ist, das erfahren Sie jetzt aus ihrem neuen Buch, eine leidenschaftliche Schreiberin, die auch andere animieren möchte zum Schreiben.

"Leben, schreiben, atmen" heißt das neue Buch, erscheint heute bei Diogenes Verlag. Anlass genug, uns mit Doris Dörrie zu verabreden. Aufs Schreiben können Sie offenbar genauso wenig verzichten wie aufs Atmen. Wie das?

Dörrie: Na ja, gut, am Ende wahrscheinlich dann doch eher noch. Atmen ist vielleicht das Letzte, was einem noch bleibt. Aber doch: Ich schreibe jeden Tag, wenn es nur irgendwie geht. Wenn ich nicht schreibe, fühle ich mich seltsam.

Zusammen essen, um Geschichten zu erzählen

von Billerbeck: "Wir sind alle Geschichtenerzähler", das schreiben Sie gleich im zweiten Absatz Ihres Buches, und weil ich dann ein paar Seiten weiter von dem Pflaster gelesen habe, das Sie im Kindergarten mal wegen zu viel Redens auf den Mund geklebt bekommen haben, oder in der dritten Klasse, da haben Sie den Vorlesewettbewerb gewonnen: Da vermute ich, Sie haben schon immer selbst erzählt, da gab es schon immer so eine Art innere Erzählerstimme. Die wollte einfach raus und laut reden?

Dörrie: Ja, ich weiß aber gar nicht, ob das nicht ein Familientraining ist. Ich glaube zum Beispiel, dass wir allein deshalb schon immer zusammen essen sollten, um Geschichten zu erzählen, uns gegenseitig zuzuhören und darüber auch die innere Stimme überhaupt kennenzulernen.

Das war große Tradition in meiner Familie, Geschichten zu erzählen. Mein Großvater, meine Mutter, mein Vater waren alles großartige Erzähler und Beobachter. Da habe ich mit bestimmt viel abgeschaut.

Aber für mich war dieses wirkliche Wunder, dann zu begreifen, dass man mit 26 Buchstaben ganze Welten entstehen lassen kann und dass man darüber auch über sich berichten kann, mit diesen 26 Buchstaben. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen seltsam an, aber darüber bin ich nie hinweggekommen, über dieses Wunder.

Sehr früh Geschichten imitiert und aufgeschrieben

von Billerbeck: Mit wie viel Jahren haben Sie selbst angefangen, mit der Hand Geschichten zu schreiben?

Dörrie: Schon sehr früh, weil ich so wahnsinnig viel gelesen habe. Wir hatten keinen Fernseher, deswegen war das das einzige Entertainment abends, man hat gelesen.

Ich habe sehr früh Geschichten imitiert und aufgeschrieben, also irgendwelche Pony-Geschichten oder Hanni-und-Nanni-artige Geschichten, und habe dann diese Geschichten meinen Schwestern vorgelesen, die die aber meistens doof fanden. Also habe ich einen Umschlag um meine Geschichten gewickelt, damit die darauf reinfallen sollten, dass es ein echtes Buch ist. Aber das hat sie dann auch nicht überzeugt.

von Billerbeck: Das heißt, Schreiben ist für Sie inzwischen schlicht eine Lebensnotwendigkeit. Auf wie viele Arten schreiben Sie denn?

Dörrie: Technisch schreibe ich sehr viel mit der Hand, weil ich dadurch komplett unabhängig bin, auch vom Strom. Dieses Buch ist aus all den Beobachtungen bei all den Workshops entstanden, die ich weltweit gegeben habe und gebe - wo ich immer wieder beglückt und bereichert bin durch die Geschichten der anderen.

Durch eine bestimmte Anleitung schaffe ich es dann doch, wirklich jedem zu zeigen, dass er schreiben kann. Wenn einmal dieser Funke übergesprungen ist oder dieses Mini-Know-how vermittelt ist, dann tut sich in jedem ein unglaublicher Kosmos auf.

Das ist eine Art des Glücks, was ich da erlebe bei den anderen. Das hat wirklich mit diesem Schreiben zu tun, mit dieser Stimme, die man finden kann, auch wenn man immer gedacht hat, man kann nicht singen. Aber man hat diese Stimme, jeder hat diese Stimme.

Lass dich treiben, denke nicht nach

von Billerbeck: Sie haben die Workshops angesprochen, Sie geben diese Einladung zu schreiben weiter. Die allererste Hilfestellung, die Sie geben, sind die drei wichtigsten Regeln, die stellen Sie voran: "Lass dich treiben, denk nicht nach, kontrolliere nicht, was du schreibst." Das machen Sie selbst wirklich nie, kontrollieren?

Dörrie: In irgendeiner Phase mache ich es natürlich schon. Ein Drehbuch muss ich irgendwann mal kontrollieren und auch einen Roman muss ich irgendwann kontrollieren. Aber hier geht es darum, diese eigene Schatzkiste zu öffnen, reinzuschauen und zu gucken, was habe ich denn alles da drin?

Diese Feststellung, dass jeder von uns so unendlich viele, nicht nur Geschichten, in sich birgt, sondern Details, Erinnerungen, Töne, Sätze, Gerüche, Geräusche, all das, was wir in einem Leben, und auch, wenn wir noch ganz jung sind, schon gespeichert haben, das als inneren Reichtum zu begreifen und auch zu begreifen, dass in dem Moment, wo man versucht, das in Sprache zu fassen, man sich auch sehr reich fühlen kann. Das ist das, was ich gerne weitergeben wollte oder will. Deshalb mache ich es vor in dem Buch.

Es geht nicht um den nächsten Literaturpreis

von Billerbeck: Jeder, der schreibt, kennt dieses Gefühl, dass es irgendwann so einen Sog gibt. Der kann ganz toll sein, der kann auch gefährlich sein. Das ist dann dieses Gefühl, der Text übernimmt die Führung. Kennen Sie das auch?

Dörrie: Ja, das tut es immer in dieser Art zu schreiben. In dem Moment, wo ich versuche, wirklich nicht darüber nachzudenken, ob ich toll und genial bin und besonders begabt bin und all diese Dinge, die einen eher immer dran hindern, zu schreiben, dann ist das der Effekt.

Es geht tatsächlich darum, genau diesen Effekt zu systematisieren, dass ich das wirklich jeden Tag kann. Es geht jetzt hier nicht darum, den nächsten Literaturpreis abzuholen. Das kann passieren, kann durchaus passieren. Ich habe jetzt auch immer wieder Beispiele von Leuten, die dann anfangen, ganze Romane zu schreiben auf diese Art und Weise.

Aber hier geht es erst mal darum, überhaupt zu ergründen: Was habe ich in meinem Leben angesammelt und was macht mich auch aus, was macht mich besonders und einzigartig? Diese Feststellung finde ich immer wieder erstaunlich, dass wir doch so einzigartig sind und dass jeder von uns so seinen spezifischen Blick auf diese Welt hat.

Das Gefühl ist aber normalerweise immer, dass man denkt, ach, was kann ich schon erzählen und ich habe nichts zu erzählen, und ich kann das auch alles gar nicht und ich bin nicht genial, schlau, begabt. Dieses Nicht-Genug-Sein ist eigentlich eher unsere Grundstimmung.

Einfach machen, drauflos schreiben!

von Billerbeck: Das sagen auch ganz viele: Die kann viel erzählen, ich habe da überhaupt keine Begabung, mache ich nicht. Was raten Sie solchen Leuten?

Dörrie: Es einfach zu machen. Also diese Begabung – das ist etwas, ach, da kann man lange drüber reden. Was ist Talent und was ist auch einfach erst mal das Machen, einfach erst mal machen, drauflos schreiben und der inneren Stimme lauschen. Das kann man durch diese Übung sehr leicht lernen und sehr leicht auch nachmachen. Ich habe mich schon mit Absicht sehr weit aus dem Fenster gelehnt und habe so autobiografisch geschrieben, wie ich es sonst nie tue. Aber ich wollte das auch richtig vormachen.

von Billerbeck: Hat Sie das Schreiben, das Geschichtenerzählen eigentlich nie im Stich gelassen?

Dörrie: Nein.

von Billerbeck: Niemals?

Dörrie: Das hat mich zum Glück nicht im Stich gelassen, wobei auch ich diese Regeln beherzige, die ich da postuliere. Auf diese Art und Weise lässt es einen auch nicht im Stich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Doris Dörrie: Leben, Schreiben, Atmen - Eine Einladung zum Schreiben
Diogenes Verlag, Zürich 2019
288 Seiten, 18 Euro

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