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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.05.2018

Donna Haraway: "Unruhig bleiben"Der Mensch war gestern

Von Andrea Roedig

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Buchcover Donna J. Haraway: Unruhig bleiben (Campus Verlag / imago)
Auf das Anthropozän folgt das "Chthuluzän", sagt Donna J. Haraway. (Campus Verlag / imago)

Leben in der Zukunft: Um auf der Erde überleben zu können, brauchen wir andere Formen der Verwandtschaft, sagt die utopische Feministin Donna Haraway. Wie man sich das vorstellen muss, führt sie in "Unruhig bleiben" auf schwindelerregende Weise vor.

Das viel beschworene Anthropozän war gestern. Zumindest für Donna Haraway, die findet, dass der Begriff des Anthropozän, der in kritischer Absicht das Zeitalter beschreibt, in dem der Einfluss des Menschen sich handfest in der Erdgeschichte niederschlägt, nicht weit genug geht. "Wir müssen denken", schreibt sie, also überlegen, wie es nach dem Anthropozän oder auch dem "Kapitalozän" weiter gehen kann, und wie ein Leben auf der beschädigten Erde möglich sein wird. Hierfür erfindet sie das "Chthuluzän" als ein Zeitalter fortdauernden Lernens.

Dass solche Thesen von der Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway kommen, ist wenig verwunderlich, denn spätestens seit ihrem feministischen "Cyborg Manifesto" ist die Autorin bekannt dafür, Kategorien gründlich durcheinander zu bringen. SF nennt sie ihr Verfahren, was sowohl für Science Fiction steht, als auch für science fact, für spekulativen Feminismus oder für sting figures: Fadenspiele, die verschiedenste Elemente als Punkte locker miteinander verbinden. Wie ein Fadenspiel solle auch das Denken sein, es solle Fiktionen mit Fakten verbinden, neue Geschichten erfinden mit offenen Enden, an die sich weiter anknüpfen lässt.

Nur als "Symbionten" haben wir eine Zukunft

Der Anlass ist ernst: Wir sind dabei, den Planeten durch Raubbau, Überproduktion und Überbevölkerung nachhaltig zu zerstören. In dieser Situation sei weder Technikoptimismus noch zynische Endzeitstimmung die angemessene Haltung, meint Haraway – stattdessen müssten wir "unruhig bleiben" und aus der alten, männlichen Erzählung, in dem der einzelne Held raumgreifend die Feinde besiegt, aussteigen. Wir werden nicht als Individuen überleben, sondern nur im "Mit-Werden" mit anderen Arten, in der "Sympoiesis" und als Symbionten, schreibt Haraway. "Make kin, not babies" ("Macht euch verwandt, nicht Babys") ist daher der oft wiederholte Slogan ihrer ökologischen Ethik, die auch darauf abzielt, dass die bislang Verdrängten, etwa indigene Bevölkerungen oder aussterbende Tierarten, einen Teil der Erde zurückgewinnen.

Besonders eindrücklich im Buch sind Haraways utopische Geschichten, die die Zukunft auf der Erde über fünf Generationen anhand der Protagonistin Camille imaginieren: In der Zeit ab 2025 haben Kinder drei Eltern und sogenannte "Syms" sind menschliche Träger von Erbmaterial bedrohter Tierarten. Camille 1 erhält einige Gene des Monarchfalters und wird eine orange-schwarz gemusterte Haut haben, Camille 2 bekommt Schmetterlingsfühler.

Radikales Denken der Verwandlung

"Unruhig bleiben" ist ein wildes Buch, und auch ein anstrengendes. Die Mixtur aus Science Fiction und Programmschrift mit ihren nicht immer schönen Wortungetümen ist nicht leicht zu verdauen und enthält, da es sich um eine Aufsatzsammlung handelt, auch etliche Wiederholungen. Doch es lohnt, sich durch "Unruhig bleiben" beunruhigen zu lassen. Haraway praktiziert ein radikales Denken der Verwandlung, das keine Angst hat, die Idee des "Menschen" über Bord zu werfen. "Human" komme nicht von "homo" sondern von "Humus", sagt Haraway. Wir sind nichts weiter als Kompost.

Donna J. Haraway: Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän
Aus dem Englischen von Karin Harrasser.
Frankfurt am Main, Campus Verlag, 2018
350 Seiten, 32 Euro

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