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Neue Musik | Beitrag vom 12.10.2021

Donaueschinger Musiktage100 Jahre am Puls der Zeit

Von Friederike Kenneweg

Dicke, aufgefächerte Leuchtstreifen scheinen einen Flur zu durchkreuzen. (SWR / Ralf Brunner)
Immer das Neueste im Programm: Johannes S. Sistermanns optische Klangplasik "Ma Un Ma" im Anton-Mall-Stadion im Jahr 2016. (SWR / Ralf Brunner)

Seit 1921 gibt es in Donaueschingen ein Musikfestival, das sich ausschließlich zeitgenössischer Musik widmet. Es ist das älteste Festival seiner Art und das renommierteste weltweit. Ein Rückblick zeigt: Hier machten junge Komponisten Furore und Skandale.

Im Verlauf von 100 Jahren haben die Donaueschinger Musiktage so manche Sternstunde der Neuen Musik erlebt und Geschichte geschrieben. Gleichzeitig haben sie viele Wandlungen erfahren und sind heute vielfältiger und offener geworden als je zuvor.

Das traditionell jedes Jahr am dritten Oktoberwochenende in der baden-württembergischen Kreisstadt stattfindende Festival gab immer wieder einen Überblick über die Musikproduktion der Gegenwart und steht auch heute für alle neuen, experimentellen Formen auf dem Gebiet aktueller Musik und Klangkunst.

Gesellschaft der Musikfreunde

Hervorgegangen aus einer Initiative der bereits 1913 von engagierten Bürgern gegründeten "Gesellschaft der Musikfreunde Donaueschingen", stieg das in Donaueschingen residierende schwäbische Fürstenhaus Fürstenberg mit ein, womit sich das Adelshaus trotz politischer Entmachtung in der Weimarer Republik kulturelle Deutungshoheit sicherte.

Bei den "Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst" standen expressionistisch anmutende Kompositionen von Paul Hindemith und mit Arnold Schönberg, Alban Berg und Anton Webern die Avantgarde schlechthin auf dem Programm.

Skandal im Boxring

Einen ersten Skandal gab es 1927 mit dem "Songspiel Mahagonny" von Bertolt Brecht und Kurt Weill. Obwohl das Stück absolut den Zeitgeist getroffen hatte, fühlte sich das bürgerliche Publikum schon allein aufgrund eines Boxrings als Bühnenbild brüskiert.

1934 begann ein Jahrzehnt der kulturpolitischen Gleichschaltung mit Programmen, die nationalsozialistischen Anschauungen entsprachen. Bis 1945 galten die musikalischen Pioniere der Anfangszeit dann als "entartet". Erst mit der Nachkriegsavantgarde begann der kulturelle Wiederaufstieg der Donaueschinger Musiktage. 1950 stieg der Südwestfunk mit ein. Er übernahm die künstlerische Leitung und stellte sein Orchester zur Verfügung.

Ein großes Orchester sitzt auf einer Bühne, dahinter eine Leinwand, auf der eine Großaufnahme eines Dirigenten zu sehen ist. (SWR / Ralf Brunner)Donaueschinger Musiktage 2019 groß besetzt: mit dem SWR-Symphonieorchester unter der Leitung von Emilio Pomarico in der Baarsporthalle. (SWR / Ralf Brunner)

Aus dem Festival mit Schwerpunkt Kammermusik wurde damit eines mit Fokus auf das Sinfonieorchester.

Wieder große Namen

Mit Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono prägte zunächst die serielle Avantgarde das Festival. Einen Schock gab es 1954, als John Cage sein erstes Konzert in Europa gab. Obwohl die Musik in Gelächter unterging, hatte der Amerikaner durch die Anwendung des Zufallsprinzips und mit seiner radikal antisubjektivistischen Haltung den westeuropäischen Musikbegriff komplett in Frage gestellt.

Es folgte die nachserielle Avantgarde: ästhetisch und teils politisch ambitioniert. Dazu kamen Jazz, zum Beispiel das Globe Unity Orchestra im Jahr 1967. Auch das Medium Hörspiel kam neu hinzu. Dass mit Tona Scherchen-Hsiao erst im Jahr 1968 eine Komponistin bei den Konzerten vertreten war, zeigte wie unmittelbar sich der Zeitgeist bei den Donaueschinger Musiktage widerspiegelte.

Weg vom steifen Konzertformat

In den 1990er-Jahren öffnete sich das Festival für neue Formen der Vermittlung. Verbindungen zur Bildenden Kunst wurden aufgebaut. Auch die experimentelle Musik zog ein, die sich jenseits der Klassik bewegt.

Neun Synthesizer-Spieler sitzen mit ihren Instrumenten in einem großen U, damit sie sich beim gemeinsamen Spiel sehen können. (SWR / Ralf Brunner)2018 führte Enno Poppe (ganz links) sein Werk "Rundfunk" für neun Synthesizer auf. (SWR / Ralf Brunner)

Für diesen radikalen Neubeginn steht die Uraufführung der "Video Opera" von Nam June Paik, zu der unter anderem die experimentelle Band "Einstürzende Neubauten" musikalisch beitrug. Auch die Klangkunst wurde seit dieser Zeit zu einem festen Bestandteil des Festivalprogramms.

Am Abgrund

1996 entgingen die Musiktage einer ernsten finanziellen Krise, die der Gründungsintendant des SWR angestoßen hatte. Nur ein breiter internationaler Protest konnte den Erhalt des bedeutenden Festivals sichern. Und so kann in diesem Jahr der große Rückblick mit Ausstellung und besonderen Jubiläumskonzerten wie Rahmenprogramm gefeiert werden.

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