Donaueschingen goes Techno

Von Jörn Florian Fuchs · 16.10.2005
Wo im Leben die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit verläuft, diese Frage beschäftigt seit Urzeiten Kunst und Wissenschaft. Das Nachdenken über diese Thematik durchzog viele der in Donaueschingen uraufgeführten Stücke. Zahlreiche Werke tauchten tief hinab ins Un- oder Vorbewusste und nahmen das Publikum mit auf's Grenzland zwischen Traum, Wahn und Wirklichkeit.
Das in mehrerlei Hinsicht verträumteste Projekt war dabei wohl FAMA, ein Musiktheater des Schweizer Komponisten Beat Furrer.
Der Titel FAMA bezieht sich auf ein Kapitel aus Ovids "Metamorphosen", dort gibt es das Haus der Fama, einen Ort, von dem aus man alles hören kann was auf dem Land, den Meeren oder im Himmel akustisch so passiert.

Um dieses allumfassende Hörerlebnis zu realisieren, ließ sich Furrer einen Raum bauen, der im Prinzip wie ein Instrument funktioniert, das Publikum sitzt drinnen, die Musiker sind außerhalb. Aufklappbare, lamellenähnliche Wandteile erlauben teils atemberaubende Effekte, immer wieder wandern einzelne Musiker und Sänger um diesen Klangkörper herum und bespielen ihn multiperspektivisch. Furrers Musik ist dabei wunderbar zartgliedrig und manchmal beinahe wohlig temperiert, mit ausgedehnten und gut ausgehörten Soloparts für Bassklarinette oder Kontrabassflöte.

Was das Klangforum Wien unter Leitung Furrers hinsichtlich Präzision und Dynamik leistet, ist bemerkenswert, während die andere, nämlich die szenische Seite des Projektes enttäuscht. Kein geringerer als Christoph Marthaler wird im Programmheft als Regisseur genannt. Eine szenische Handlung im engeren Sinne gibt es aber eigentlich nicht, nur eine Sprecherin, die manchmal auch keucht und Textstückchen von Ovid, Arthur Schnitzler und Lukrez zum Besten gibt. Dabei wandert sie – schwarz gekleidet – durch den Raum und schmiegt ihren Körper gelegentlich an eine der Wandlamellen. Diese Lamellen drehen sich mal einzeln, mal reihum, mal alle zusammen, mal mit der Musik oder mal gegen sie. An einer besonders düsteren Stelle schieben sich schwarze Hände zwischen diese Wände – einer der wenigen (und durchaus verzichtbaren) Einfälle Marthalers.

Überhaupt ist FAMA an gerade jenen Stellen am stärksten, wo auf "Szenisches" völlig verzichtet wird. In einer längeren Passage ist der Raum völlig dunkel und da ist der Eindruck am stärksten: Leicht variierte Klänge nahen heran, entfernen sich, scheinen miteinander zu verschmelzen und bewegen sich immer wieder am Rande des Verschwindens. Das Publikum erlebt eine Art Klangmeditation auf hohem Niveau.

Ganz andere Träume wurden in den zahlreichen Konzert-Uraufführungen geträumt. Ausgesprochen albern nahm sich dabei das Orchesterstück dunkle materie von Caspar Johannes Walter aus. Walter schrieb einen zwanzigminütigen Textkoloss für 32-stimmigen Chor, Klavier und Live-Elektronik. Auch hier spielten die Griechen eine große Rolle – von Anaximander über Heraklit und – schon wieder! – Lukrez bis hin zu Xenophanes reicht das vom Chor zu singende, zu sprechende oder zu sprechsingende Konglomerat, leider wird’s hier ab und an wohl eher unfreiwillig komisch, etwa wenn Platon über den Menschen als höchstes Lebewesen spricht und man kurz darauf eine sehr plakative Übersetzung von Aristoteles Gedanken über menschliche Verdauung geliefert bekommt. Danach wird es dann auch nicht besser, denn wir tauchen erneut ab in unheimelige Sphären.

Im Ganzen ist dunkle materie wenig anderes denn heiße Luft und eine textlich aufgeladene Pseudo-Metaphysik. Der Chorsatz erinnert zunächst an Stockhausen, dann an Nono und ganz zum Schluss wird’s auch noch ein bisschen gregorianisch…

Ganz anders die Träume des Österreichers Bernhard Lang, der ein neues Werk seines Zyklus’ Differenz und Wiederholung vorstellte. Doubles/Schatten ist ein 45-minütiger Parforceritt durch ein Land jenseits der Grenze von U- und E-Musik. Lang überträgt in gewisser Hinsicht das Prinzip des Rhizoms, wie es Gilles Deleuze und Felix Guattari vorgestellt haben, auf die Musik. Wiederholungen, Spiegelungen, kleine Veränderungen und Verästelungen bestimmen die Dramaturgie des Werks, einen großer dramatischer Bogen findet sich hier nicht mehr – und er ist auch gar nicht intendiert. Stattdessen gibt es sozusagen Einzelvents, bestehend aus Loops, wandernden Klangwellen und viel, viel Elektronik. Techno goes Donaueschingen!

Doubles/Schatten, geschrieben für einen bombastischen Orchesterapparat und virtuose Solisten sorgte beim Publikum für geteilte Reaktionen, vielleicht auch deswegen, weil es ziemlich gute, diskomäßige Unterhaltung ist.

Traditionell verlieh man in Donaueschingen auch heuer wieder den Karl-Sczuka-Preis für akustische Kunst. Preisträgerin ist die Schwedin Hanna Hartman für ihr Stück "Das Fällen der Bäume ist mit Risiken verbunden" – eine virtuose Klang- und Geräuschkomposition, die Bäume knallen da eher, als dass sie fallen.

Donaueschingen zeigte sich in diesem Jahr frisch und abwechslungsreich und es bleibt zu hoffen, dass auch die kommenden Spielzeiten wieder einer Vielheit von Konzepten und künstlerischen Vorstellungen Raum geben – mit dem Risiko des Scheiterns einzelner Projekte aber eben auch mit der Möglichkeit, Neues zu hören und andere Räume zu betreten.

Einen dieser ganz anderen Räume bot an diesem Wochenende übrigens Johannes S. Sistermanns, der sich fragte, was eigentlich Autos träumen. In einer Klanginstallation erfuhr man zum Beispiel, dass einer ihrer größten Alpträume das zunehmende Umweltbewusstsein potentieller Autokäufer ist. Gegen solchen Ökowahn protestierte dann auf einer belebten Einkaufsstraße Donaueschingens eine Luxuskarosse – via Lautsprecher, allerdings mit einem irgendwie ängstlichen Blick auf ein zu Schrott gepresstes Auto-Bündel direkt daneben. Bei so viel Wehklag und Vanitas eilte bald ein ganzes "Autoquartett" zur Verstärkung herbei. Na ja, es handelte sich um vier Sänger in einem hübschen Cabrio, die sangen recht schön und das an sich und der Welt (ver)zweifelnde Nobelauto schien irgendwie doch etwas beruhigter.
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