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Buchkritik | Beitrag vom 03.11.2020

Don DeLillo: "Die Stille"Wenn in New York das Licht ausgeht

Von Dorothea Westphal

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Schwarzweißaufnahme von Don DeLillo, der in einer dramatisierenden Perspektive vor einem Buch sitzt. (imago/Leemage)
Strom und sämtliche Datennetze fallen aus: Über "Die Stille" danach hat Don DeLillo einen verstörenden Roman geschrieben. (imago/Leemage)

Don DeLillos Dystopie ist im nahen Jahr 2022 angesiedelt: Fünf Menschen sind in New York zum Super Bowl Sunday verabredet. Dann fällt der Strom aus, alle Datennetze brechen zusammen. Die Stille füllt sich zunehmend mit Entsetzen.

Es ist ein gespenstisches Szenario: Ein Flugzeug fällt buchstäblich vom Himmel, der Bildschirm, vor dem sich fünf Menschen in einem New Yorker Apartment versammeln wollen, um die Übertragung des Finales der Football-League zu sehen, wird plötzlich schwarz, Handys funktionieren nicht mehr, Fahrstühle, Heizungen, Kühlschränke fallen aus.

Zum Super Bowl Sunday 2022 haben die emeritierte Physikprofessorin Diane und ihr Mann Max einen ehemaligen Studenten, sowie ein befreundetes Ehepaar eingeladen. Doch Tessa und Jim verspäten sich, denn sie haben auf dem Rückflug von Paris nach New York eine Bruchlandung erleben müssen – offenbar aufgrund der sich anbahnenden Katastrophe. Jims Platzwunde wird in einem Krankenhaus versorgt, und als sie schließlich bei Diane und Max ankommen, funktioniert dort nichts mehr.

Ob die Chinesen oder Aliens hinter dem Stromausfall und dem Zusammenbruch der Datennetze stecken, darüber können die fünf nur spekulieren.

Kammerspiel angesichts einer globalen Katastrophe

Angesichts einer möglichen globalen Katastrophe entwirft DeLillo ein Kammerspiel, das beklemmende Parallelen zu Lockdown-Szenarien aufweist. Eine Corona-Erzählung hatte der Autor, dessen Roman bereits fertig war, als der Lockdown in New York begann, allerdings nicht im Sinn.

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In seinem aktuellen Buch "Die Stille" widmet er sich der Frage, was geschieht, wenn digital vernetzte Menschen, die, wie es im Roman heißt, "in ihrem Telefon leben", davon abgeschnitten und auf sich zurückgeworfen sind? Wie füllen sie die Stille, die dann entsteht?

Der Moment, bevor alles kippt

Die fünf sprechen, aber sie unterhalten sich nicht. Max kommentiert das Spiel, das er gar nicht sehen kann, und Martin und Diane schwadronieren über Einsteins Relativitätstheorie, ein Teleskop in Chile oder über Kryptowährungen. Angesichts der Verwirrung zeigt sich, wie alle jeweils in ihrer Welt leben – "jede Person so selbstverständlich abgekapselt".

Noch bleibt die mögliche Panik aus, bleiben die fünf erstaunlich gelassen. DeLillo interessiert sich für den Moment, kurz bevor alles kippt. Was täte man selbst in einer solchen Lage, fragt man sich unwillkürlich, die so undenkbar gar nicht ist. Nicht umsonst spielt der Roman nicht in einer fernen Zukunft, sondern im Jahr 2022. Corona wird kurz erwähnt und ist bereits Erinnerung.

Der Stille Raum geben

Es ist die Momentaufnahme einer Situation, in der die mögliche Apokalypse lediglich angedeutet wird. Zwar geht Max im zweiten Teil auf die Straße, wo sich die Menschen sammeln. Von dem Erlebten mag er aber nicht sprechen. "Ist das eine Art virtuelle Realität?", fragt Tessa an einer Stelle. Es könnte der Dritte Weltkrieg sein, ein Cyberkrieg. Einsteins prophetisches Zitat, das dem Roman vorangestellt ist, wonach der Vierte Weltkrieg mit Stöcken und Steinen ausgetragen werden wird, deutet darauf hin.

Unsere Abhängigkeit von Technologien, das Von-außen-gesteuert-Werden hat DeLillo auch in anderen Romanen thematisiert. Hier ist die Verstörung, die dieses überraschend schmale Buch hinterlässt, Programm.
Kein Wort ist in dieser makellosen Prosa zu viel, alles Überflüssige hat der Autor getilgt – und gibt damit der Stille Raum, die sich in einer solchen Situation zusehends mit Entsetzen füllt.

Don DeLillo: "Die Stille"
Aus dem amerikanischen Englisch von Frank Heibert
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020
106 Seiten, 20 Euro

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