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Vollbild | Beitrag vom 10.04.2021

Dokumentation "Viraler Humor""Kollektivem Trauma begegnet man mit Witzen"

Rudolph Herzog im Gespräch mit Patrick Wellinski

Ein junger Mann im Supermarkt versucht so viele Pasta Packungen wie möglich in seinen Armen zu trasportieren. (ZDF / arte / Vincent Kucholl / Vincent Veillon)
Der Corona-Humor ist Ausdruck dessen, was den Betroffenen auf den Nägeln brennt, was sie frustriert, stört und aufrichtet. Der Drang der Menschen zum Hamstern war deshalb Zielscheibe vieler Witze im Netz. (ZDF / arte / Vincent Kucholl / Vincent Veillon)

In der Pandemie verbreitet sich mit dem Virus auch ein spezieller Humor: Warum und wie wir über Corona witzeln, hat Rudolph Herzog in der Dokumentation "Viraler Humor" untersucht und festgestellt: Ähnliche Witze gab es auch über die Spanische Grippe.

"Ich erinnere mich an die ersten Witze, die ich gemacht habe im Januar in meiner Sendung über Corona in China. Ich erinnere mich an eine Nummer, wo wir uns lustig gemacht haben über Drohnen, die auf Menschen in Wuhan zuflogen, um denen zu sagen, dass sie bitte zu Hause bleiben sollen. Ich weiß, dass ich mich danach darüber lustig gemacht habe, das ist halt China, so sind sie da. Jetzt haben sie ständig Pandemien und jetzt so einen Irrsinn, das ist mal wieder nur das kommunistische System, was für ein Witz. Ich bin alles andere als stolz auf diese Nummer, aber es war eben der Stand Ende Januar."

Patrick Wellinski: Ein Ausschnitt aus dem Dokumentarfilm "Viraler Humor – was Corona-Witze über uns erzählen". Vor der Sendung konnte ich mit dem Regisseur des Werks sprechen, Rudolph Herzog. Wieso haben Sie sich eigentlich für einen Film über das Humoraufkommen während der Pandemie entschieden?

Herzog: Ich habe einen Film und ein Buch über Humor im Dritten Reich gemacht. Das hat wirklich überhaupt nichts damit zu tun. Das war ein absurd international erfolgreiches Projekt. Als die Coronapandemie im März letzten Jahres anfing und ich Riesenmengen an TikTok-Memes auf mein Handy bekam, dachte ich, hey, das kennst du doch irgendwoher. Es scheint so eine Sache zu sein, wie wir Menschen mit traumatischen Erfahrungen umgehen. Wenn sich historische Ereignisse überstürzen, scheint das fast natürlich zu sein, dass wir erst mal drüber lachen wollen. Das ist ein interessantes Phänomen. So konnte ich das irgendwie in Echtzeit fassen und versuchen zu interpretieren.

Humor als Reaktion auf Kontrollverlust

Wellinski: Schon der Titel stellt die große Leitfrage: Was erzählen Corona-Witze über uns. Was erzählen sie denn über uns?

Herzog: Erst mal, dass man kollektivem Trauma mit Witzen begegnet. Das heißt, es findet ein Sturz ins Ungewisse statt. Man wusste nicht, was auf uns zukommt. Jetzt sind wir mit der Situation vertraut, aber siehe, der Humor ist auch ein bisschen verschwunden. Das wird als kollektiver Kontrollverlust empfunden - so interpretiere ich das, aber auch Traumaforscher interpretieren das so. Man hört das auch im Film. Humor ist ein Weg, das zu packen und zu sagen, okay, ich habe wieder ein bisschen Kontrolle, ich stehe da drüber, ich kann darüber Witze machen. Am Anfang war das auch ein Weg, das wegzuschieben. Als das noch in China war, gab es Witze, wo man dann gesehen hat, wie die auf einem Markt ein Gürteltier essen, also fast rassistische Witze. Eigentlich so: Das könnte ja hier nicht passieren.

Wellinski: Es ist spannend, dass das Internet eine sehr große Rolle spielt. Das zeigen Sie auch, weil wahrscheinlich auch die Geschwindigkeit dazu führt, dass man, wenn man sich humoristisch mit dieser Extremlage auseinandersetzt, das Internet eine Bühne bietet, die ich gar nicht im ersten Moment brauche, also Publikum brauche ich nicht, ich mache einfach diesen Witz.

Herzog: Ich denke, dass die Witze während Corona Mediengeschichte geschrieben haben. So etwas wie zum Beispiel der Home-Urlaub mit dem Skifahrer, der vor der Fototapete steht. Dann sieht man erst, dass er eigentlich auf der Couch ist und sich überschlägt. Dass ein kollektives internationales Problem sich global über viralen Humor ausdrückt, der sich wie eine Bugwelle vor der eigentlichen Pandemie herschob, dass man das so praktisch rezipiert und sich auch Leute dauernd neue Witze ausdenken, das ist wirklich einzigartig. Ich habe das noch nie so gesehen. Und dass es auch so Witze-Superspreader gibt, die einfach Hunderte von Witzen geschickt haben, und andere nur einen.

Pandemiewitze schon bei der Spanischen Grippe

Wellinski: Sie ziehen eine sehr interessante Parallele zu einer Art Pandemiehumor vor 100 Jahren während der Spanischen Grippe. Da sieht man auch, dass man sich - es gab noch kein Internet - zum Beispiel in Karikaturen über die Maske lustig gemacht hat. Ist es damals ein ähnlicher Reflex gewesen oder war das Humorpotenzial ein anderes als heute?

Herzog: Ja und nein. Natürlich, die Masken sind erst mal etwas Fremdes, was auch als sehr bedrohlich empfunden wurde, gerade bei der Spanischen Grippe, weil man aus dem Ersten Weltkrieg kam und die Leute Masken eigentlich mit Gasmasken verbunden haben. Wenn jemand rumlief, dann dachte man erst mal, das ist ja wie im Schützengraben. Darüber wurden dann Witze gemacht, wofür die sich vorbereiten. 

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Bei uns ist das eher etwas gewesen, was völlig ungewohnt war, womit man sich erst mal vertraut machen musste. Das ging dann über den Witz. Zum Beispiel der Italienwitz dann, als die Pandemie in Italien ankam: Hansi und Resi waren im Italienurlaub, dann gibt es so ein Meme, ein Bild von denen, wie die so grinsen. Die sind total sonnengebräunt, aber da, wo die Maske war, ist weiß. Das fand man noch im März total lustig. Man sieht so auch, wie Humor altert.

Aber Sie haben recht, das ist nichts Neues, dass über Pandemien gelacht wird. Das gab es schon bei der Choleraepidemie und bei der Spanischen Grippe. Auch über die Überreaktionen: Es gab ein Meme über diese Social-Distancing-Scheibe, das ist so eine umgeschnallte, 1,5 Meter lange Scheibe. Auch solche Sachen gab es bei der Spanischen Grippe, mit einer Räuchermaschine, so ein Ding im Zugabteil, was gequalmt hat wie blöd. Auf eine Art ist es nichts Neues, andererseits ist auch keine Situation wie die andere. Deswegen glaube ich, dass gerade durch das Internet diese virale Verbreitung des Humors eine völlig neue Dimension hat.

Demokratisierung des Mediums Film

Wellinski: In Ihrem Film kommen Berufshumoristen zu Wort, Komiker, Comedians, Stand-up-Comedians, aber die Masse des, sagen wir mal, Corona-Humors kommt eigentlich von nicht professionellen Humoristen, sondern von Youtubern, von TikTokern, die einfach diesen Witz haben, weil sie spüren, ich muss etwas machen. Ist das vielleicht auch ein Effekt dieser Pandemie, dass die klassischen Humoristen eher den Humor kommentieren und nicht selbst produzieren?

Herzog: Absolut! Es gibt sicherlich auch eine Art Darwinismus des selbst gestrickten Humors, dass wirklich die besten Witze viral rumgehen – und die Mutanten, die weniger erfolgreich sind, verschwinden wieder. Sehr geschmacklose Witze oder Witze, in denen es wirklich um Sterben und Tod ging, hat man kaum gesehen. Das heißt vielleicht nicht, dass es die nicht gab, sondern dass die einfach nicht weiterverbreitet werden.

Aber das ist irre, was für Fantasie die Leute hatten. Ich erinnere mich an solche Sachen, wo einer Urlaub macht, dann guckt er durch das Flugzeugfenster und man sieht die Tragfläche und er hat ein Weißweinglas – und dann fährt das zurück und ist nur seine Waschmaschine, da steht sein Laptop drin mit einem Bild. Es ist wahnsinnig clever, wie Leute das Medium Film auf einmal verwendet haben, dass sie einfach, da sie ihre Handys haben, immer mehr lernen, wie das Medium Film funktioniert. Das demokratisiert sich dadurch auch.

Der schwarze Humor der Franzosen

Wellinski: Sie zeigen in Ihrem Film auch eine gewisse Art Länderverschiebung, es geht um die deutschen Reaktionen, natürlich nicht nur, aber es geht auch um französischen Humor. Wie würden Sie das denn beschreiben, was sind die Unterschiede zwischen französischen Humorreaktionen auf diese Krise und den deutschen?

Herzog: Der französische Humor war zum Teil viel härter, was wahrscheinlich dem geschuldet ist, dass der Lockdown gleich im März auch viel härter war. Das ging bis 11. Mai, das war viel ärger als bei uns. Man kennt vielleicht diesen Tweet oder dieses Meme mit den Müllsäcken, die da rumspringen auf der Straße: Da haben sich Leute als Müllsäcke verkleidet, weil sonst dürfen sie nicht raus. Manches war sehr viel schwärzer. Zum Beispiel, wo so ein Grab im Garten ausgehoben ist und einer sagt, na ja, Tag x mit der Schwiegermutter und ich entspanne mich, indem ich Gartenarbeit mache, und man sieht das Grab. Das ist ein bisschen schwer, das zu erklären, aber in dem Bild erklärt sich das sofort. Das ist typisch französisch.

Anderswo war es wieder völlig anders. In den USA zum Beispiel sind es die professionellen Witzemacher. Der Humor fand vor allem in den Late-Night-Shows statt. Einfach, weil es da etablierte Kanäle für den Humor gibt. Da geht es dann gleich um Trump, der dann alles weiß, dann sagen sie, nee, das ist keine Geschlechtskrankheit, das ist Corona. Also, deswegen kennt er sich halt damit aus. Das sind so typische Late-Night-Witze, da fand das in einer anderen Form statt als bei uns.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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