Vorwürfe gegen Kassler Kunstschau

Hat die Documenta ein Antisemitismusproblem?

07:50 Minuten
Das Logo der Documenta 15 ist vor einem Ausstellungsgebäude angebracht. Es ist ein lila Plakat mit schwarzer Schrift.
Diskussion um Documenta: In manchem Feuilleton wird bereits über das Ende der internationalen Kunstschau in Kassel geunkt. © picture alliance / dpa / Swen Pförtner
13.01.2022
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Nach der Einladung eines palästinensischen Künstlerkollektivs hagelt es Kritik an der Documenta. Die Künstler vertreten antisemitische Positionen, heißt es. Meron Mendel hält den Vorwurf für nicht begründet. Kunstkritiker Carsten Probst fordet Aufklärung.
Ein anonymer Eintrag auf dem Blog des Kassler Bündnis gegen Antisemitismus erhebt schwere Vorwürfe gegen die Documenta 15. Ruangrupa, das indonesische Kuratorenteam der Kunstschau, soll mit „The Question of Funding“ ein palästinensisches Künstlerkollektiv eingeladen haben, das antisemitische und antizionistische Positionen vertritt.
Die Documenta-Informationen über das Kollektiv könnten so verstanden werden, dass es sich gegen politischen Einfluss Israels in Palästina richtet, meint Kulturjournalist Carsten Probst. Das Kollektiv soll aber auch Bezug zu einem palästinensischen Kulturzentrum haben, das nach einem arabischen Aktivisten benannt ist, der als Hitler-Verehrer bekannt gewesen sein soll und den Staat Israel abgelehnt habe.
Das Thema hat inzwischen auch das Feuilleton erreicht. Die Documenta hat angekündigt, sich intensiv mit der Kritik auseinanderzusetzen.

Ein konkreter Vorwurf und viel Geschwurbel

Probst hat sich die Einlassungen der Documenta und auch den Blogeintrag angesehen. Er sagt, rund um den konkreten Vorwurf gebe es viele Geschwurbel in dem Blog-Eintrag. So werde auf die antisemitische Tradition der Documenta verwiesen, unter anderem mit der Mitgliedschaft von Joseph Beuys in der Hitlerjugend. Doch: „Je allgemeiner diese Vorwürfe werden, desto schwammiger werden sie auch.“
Das Künsterlkollektiv ruangrupa: Ajeng Nurul Aini, Farid Rakun, Iswanto Hartono, Mirwan Andan, Indra Ameng, Ade Darmawan, Daniella Fitria Praptono, Julia Sarisetiati, Reza Afisina
Das Künstlerkolletiv ruangrupa leitet die Documenta 2022.© Gudskul / Jin Panji
Aber in diesem einen konkreten Punkt sollte die Documenta sicherlich noch mal genau nachforschen, meint Probst. „Denn offen israelfeindliche Positionen kann sich die Documenta als Kunstausstellung in Deutschland natürlich nicht erlauben.“
Die Überprüfung sollte schnell gehen und auch gründlich sein, sagt Probst. Wenn dieses Kollektiv offen zur Vernichtung Israels ausrufe, könne es dafür sicherlich keinen Platz auf der Documenta geben.

Problematische Bundestagsresolution

Aber wenn es sich für die Unabhängigkeit Palästinas oder seiner Kulturschaffenden einsetze, dann sei das noch kein expliziter Antisemitismus. „Das wäre dann kein Grund, so ein Kollektiv auszuschließen.“
Elke Buhr, Chefredakteurin des Kunstmagazins „Monopol“, hält die Vorwürfe für übertrieben : „Ein medial aufgeblasenes Phänomen, was man eigentlich hoffentlich bald wieder vergessen hat.“ Viele Künstlerinnen und Künstler und andere Menschen, die bei der Documenta mitmachten, seien „in Zusammenhängen“, die der israelkritischen BDS-Kampagne naheständen oder zumindest dem BDS nicht widersprechen würden.
Es gehe darum, wie man mit dieser Tatsache umgehe, so Buhr. Zudem kritisiert sie die Problematik der Resolution des Bundestages gegen den BDS von 2020, gegen den auch viele namhafte Kulturschaffende protestiert hatten. Die Bundestagsresolution erschwere den Dialog mit Menschen aus dem globalen Süden, die aus islamischen Ländern und der arabischen Welt kommen:

"Sie haben im Zweifelsfall eine Haltung, die auch kritisch dem Staat Israel gegenüber ist. Wenn das ausgeschlossen wird, dann kann man solche internationalen Ausstellungen gar nicht machen.“

Vorwurf ist nicht begründet

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main, sieht den Vorwurf des Antisemitismus gegen das Kollektiv nicht begründet. Klaren Antisemitismus würde er der NGO „auf keinen Fall“ vorwerfen, sagt er.
Es gebe sicherlich Grauzonen, wo sich der legitime Widerstand der Palästinenser gegen die israelische Besatzung mit antisemitischen Narrativen vermische, so Mendel. Doch habe sich die Organisation nicht besonders durch Antisemitismus hervorgetan.
Der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, bei einem Porträtermin: Er blickt in die Kamea und hat die Arme vor seinem Körper verschränkt. Er trägt ein blaues Sakko.
Palästinenser müsse erlaubt sein, ihren Protest gegen die israelische Besatzung auch durch Boykott auszudrücken, findet Meron Mendel.© picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm
Palästinenser hätten sehr wohl das Recht, die Forderung zu stellen, dass Israel boykottiert werde, unterstreicht der Bildungsstättendirektor. „Diese Forderung würde ich nicht per se als antisemitisch sehen.“
Die Documenta habe wie alle großen internationalen Festivals das Problem, dass es nahezu unmöglich sei, die politische Gesinnung aller internationalen Gäste zu scannen. Er sehe keinen Beleg dafür, dass die Documenta ein Problem mit dem Antisemitismus habe.

Wie schwer ist die Documenta beschädigt?

Das Feuilleton glaubt zum Teil bereits, die Documenta sei durch den Vorfall so schwer beschädigt, dass die 15. Auflage die letzte sein könnte. Probst meint dagegen: Das Ende der Documenta sei schon öfter prophezeit worden, zum Beispiel vor mehr als 20 Jahren, als zum ersten Mal eine Frau die Documenta geleitet hatte.
Es täte der Debatte gut, wenn sie entschärft würde, so Probst. Der Kunstbetrieb und die intellektuelle Debatte bräuchten ein Experimentierfeld. Warum solle die Documenta kein Experimentierfeld sein für Debatten wie den Antisemitismus von links? „Warum soll man das nicht noch mal auf der Documenta aufgreifen?“
(tmk)

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