Documenta 15

Eine Spirale von Vorwürfen und Gegenvorwürfen

08:11 Minuten
Besucher der documenta fifteen stehen vor dem Museum Fridericianum in Kassel.
Die Documenta zieht viele kunstinteressierte Besucher nach Kassel, die sich an den Ausstellungsorten ein eigenes Bild machen wollen. © picture alliance / dpa / Swen Pförtner
Meron Mendel im Gespräch mit Sigrid Brinkmann  · 21.07.2022
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Der Antisemitismus-Skandal der Documenta zieht immer weitere Kreise: Nun wird die jüdische Publizistin Emily Dische-Becker als Beraterin mit Vorwürfen überhäuft. Meron Mendel hält sie auch für eine falsche Besetzung, kritisiert aber die Diffamierung.
Nach dem Rücktritt der Generaldirektorin der Documenta, Sabine Schormann, bleibt dem Interims-Geschäftsführer Alexander Farenholtz nur noch wenig Zeit, um das Ansehen der internationalen Kunstausstellung zu retten. In der anhaltenden Debatte über die Antisemitismus-Vorwürfe ist es um das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa eher still geworden.
Stattdessen wird derzeit die jüdische Publizistin Emily Dische-Becker seit Tagen von Zeitungen wie der "Süddeutschen Zeitung", der "Welt" und der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" mit Vorwürfen überzogen. Die freie Journalistin war von Schormann als Beraterin der Documenta engagiert worden.

Anschuldigungen gegen Emily Dische-Becker

Die "SZ" veröffentlichte ein Video, in dem zu sehen war, wie Dische-Becker das Documenta-Personal angeblich in fragwürdiger Weise darin schulte, mit Antisemitismus-Vorwürfen umzugehen. Die FAZ behauptete, die jüdische Publizistin halte die Boykottbewegung BDS nicht für antisemitisch. Sie warf ihr außerdem vor, für die libanesische Zeitung "Al-Akhbar" gearbeitet zu haben und der islamistischen Hisbollah-Bewegung nahezustehen.
Auf Twitter setzte sich Dische-Becker gegen diese Anschuldigungen zur Wehr. Die "Welt" musste am Donnerstag bereits eine erste falsche Behauptung richtigstellen. So hat die Journalistin nach eigenen Angaben in den Anfängen der libanesischen Zeitung als Co-Autorin 2006 nur einen einzigen Artikel geschrieben, als sie damals im Libanon lebte. In der "taz" machte der Journalist Georg Dietz aufgrund der "Hetzjagd" gegen Dische-Becker bereits eine Stimmung wie in der McCarthy-Ära in den USA aus.

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Nach dem Rücktritt von Schormann werde jetzt in einer zweiten Phase die Frage gestellt, was bei der Documenta schief gegangen sei, sagt Meron Mendel, der Direktor der Gedenkstätte Anne Frank, in Berlin. Er war im Zuge des Antisemitismus-Skandals als externer Berater hinzugezogen worden, um die Werke in Kassel mit zu begutachten. Nachdem Schormann sein Angebot nicht in Anspruch nahm, trat er verärgert zurück.
Der Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, Meron Mendel, will auch unter der veränderten Documenta-Leitung nicht mehr als Berater mitwirken.
"Die Unterstellung, sie hätte eine Nähe zu der Terrororganisation Hisbollah, hat sich als falsche Behauptung erwiesen", sagt Meron Mendel über die Publizistin Emily Dische-Becker.© picture alliance /dpa / Wolfgang Kumm
Mendel sagt nun, dass zu diesem Rückblick auch die Frage gehöre, ob die richtigen Leute eingesetzt worden seien, um mit dem Antisemitismus-Vorwurf auf der Documenta umzugehen. "Da war vermutlich Emily Dische-Becker nicht die richtige Person mit ihren klaren anti-israelischen Positionen", urteilt der deutsch-israelische Historiker und Pädagoge.

Mendel kritisiert die Diffamierung

Das sei allerdings keine Berechtigung, um die Journalistin als Person zu diffamieren, so Mendel. Die Vorwürfe seien nicht nur übertrieben, sondern komplett falsch. "Die Unterstellung, sie hätte eine Nähe zu der Terrororganisation Hisbollah, hat sich als falsche Behauptung erwiesen", kritisiert er. "Gerade solche Vorwürfe müssen ganz schnell zurückgenommen werden." Insofern sei es gut, dass die "Welt" das nun getan habe.
Es gebe seit Wochen in der Debatte über die Documenta eine Spirale von Vorwürfen und Gegenvorwürfen, beklagt Mendel. "Es hat sich eine klare Zwei-Lager-Situation gebildet, wo die eine Seite ständig neue Antisemitismus-Vorwürfe findet und die andere Seite sich ständig als Opfer von Rassismus sieht." Aus dieser Lage müsse man herauskommen und habe bis zum Ende der Documenta nicht mehr viel Zeit.
Es wäre gut, wenn das Künstlerkollektiv Ruangrupa auf die Kritiker zugehe und umgekehrt, damit für den Rest der Documenta ein anderer Modus gefunden werde, um mehr miteinander zu sprechen.
Er selbst stehe als externer Berater nicht mehr zur Verfügung, sagt Mendel. Er habe am Donnerstag mit dem Interimschef Fahrenholz telefoniert und ein schönes Gespräch geführt. Es werde gerade ein Expertenkreis zusammengestellt, der Fahrenholz und den Aufsichtsrat beraten soll. Das Team werde er gerne unterstützen und seine Erfahrungen der vergangenen Wochen sowie Kontakte mitteilen.

Umgang mit BDS muss geklärt werden

Zu Forderungen des Vorsitzenden der deutsch-israelischen Gesellschaft, Volker Beck, die Documenta nach dem Skandal an einen anderen Ort zu verlegen, sagt Mendel, er verstehe die Polemik von Beck als Provokation. "Es liegt auf der Hand, dass der aktuelle Antisemitismus-Skandal nichts mit dem Standort Kassel zu tun hat."
Das Problem sei vielmehr, dass man keinen guten Umgang mit der Boykottbewegung BDS gefunden habe. Es sei ungeklärt, wie man mit Künstlerinnen und Künstlern verfahre, die früher einmal mit der BDS-Bewegung verbunden gewesen seien. "Werden sie ausgeladen? Sollen sie nicht eingeladen werden? Sollen sie kritisiert werden?" Solange diese Probleme nicht gelöst würden, sei der Dialog mehr denn je wichtig.
(gem)

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