Diversität in der deutschsprachigen Literatur

    Gemeinsame Sprache, unterschiedliche Welten?

    Illustration vieler verschiedener Menschen.
    © Getty Images
    Immer mehr Verlage setzen auf Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Herkunft: Die literarischen Stimmen von People of Color, Migrantinnen und Nicht-Binären nehmen zu. Welche Geschichten erzählen sie und für wen? Welche Formen wählen Sie?
    Als Sharon Dodua Otoo 2020 in ihrer Klagenfurter Rede zugespitzt fragte: „Dürfen Schwarze Blumen malen?“ war klar, dass sie auch als Aktivistin einer Community sprach, die sich zunehmend Gehör verschafft. Die Bücher von Black and Indigenous People of Color (BIPoC) boomen, das Thema „Diversität“ wird kontrovers diskutiert. Literaturverlage öffnen sich verstärkt (Post-)Migranten, Migrantinnen und nicht-binären Autoren und Autorinnen, die unsere Lebenswelten literarisch erweitern.
    So schreibt etwa Antje Rávik Strubel von der Liebe zwischen Frauen. Sasha Marianna Salzmann lässt eine Migrantenfamilie mit Sowjeterfahrungen in einer ostdeutschen Stadt ankommen. Karosh Taha führt in kurdisch-deutsche Parallelwelten. Mithu Sanyal nennt ihre Heldin programmatisch „Identitti“ und stellt ihr eine falsche Inderin gegenüber und Sharon Dodua Otoo durchmisst mit ihrem Roman „Adas Raum“ Zeiten, Kontinente, Geschlechter. José F.A. Oliver dichtet in zwei Sprachen und Dialekten, Andalusisch und Badisch, und Feridun Zaimoglu machte vor Jahren schon die „Kanak Sprak“ zu Literatur.

    "Ich muss nicht mein Deutsch verbessern, ich muss das Deutsche verbessern."
    Karosh Taha

    Sie alle sind deutsche und deutschsprachige Schriftsteller und Schriftstellerinnen verschiedener Herkunft. Welche Geschichten erzählen, welche Fragen stellen sie? Welche Themen sind neu und welche ästhetischen Formen? Für wen schreiben BIPoC? Welche Türen öffnen sich fürs Publikum? Und wer darf eigentlich noch worüber schreiben? Zusammen mit dem Literaturhaus Köln haben wir der literarischen Diversität im Kölner Theater GLORIA eine öffentliche „Lange Nacht“ gewidmet.

    Sharon Dodua Otoo: "Diversität ist ein Ist-Zustand"

    Sharon Dodua Otoo
    Die Autorin Sharon Dodua Otoo macht im Projekt "Witness" schwarze Narrative hörbar.© imago images / Horst Galuschka
    Sharon Dodua Otoo, geboren in London als Tochter ghanaischer Eltern, lebt mit ihren Kindern - und deutschem Pass - in Berlin. Sie ist Schriftstellerin, Publizistin, Aktivistin, studierte Deutsch und Management in London, beschäftigt sich u.a. mit Fragen des Feminismus und des Weiß-Seins, engagiert sich heute u.a. bei der Initiative "Schwarze Menschen in Deutschland" und macht auch im Projekt "Witness" schwarze Narrative hörbar. Und sie ist eine wichtige Stimme der Community von BIPoC (Black, Indigenous, and People of Color).
    „Diversität oder Vielfalt ist ein Begriff, der einen Ist-Zustand beschreibt und auch einen Soll-Zustand. Gesellschaften sind insgesamt stärker, wenn sie vielfältig sind, und ich bin der Meinung, dass Deutschland immer schon vielfältig war. Für mich hat der Begriff Vielfältigkeit, das hat mit Sexualität zu tun, das hat mit Gender zu tun, das hat mit Behinderung zu tun, das hat mit Alter zu tun. Und immer, wenn wir versucht haben, uns auf eine einzige Geschichte oder Geschichtsschreibung zu verständigen, dann haben wir viele, viele Sachen außer Acht gelassen. Also ich bin der Meinung, dass es viele Orte in Deutschland gibt, die immer schon divers waren. Und da, wo sie gemeint haben, dass sie es nicht waren, dann hat wahrscheinlich irgend etwas von Unterdrücken stattgefunden. Ich nehme als Beispiel sexuelle Vielfalt. Wenn wir uns vor Augen führen, dass wir eine heteronormative Gesellschaft sind. Es ist möglich, dass wir uns erzählen können, ja, (...) wir sind alle heterosexuell. Aber im Grunde stimmt das nicht. Und wenn wir das denken, dann ist es wahrscheinlich so, dass Menschen, die schwul oder lesbisch leben und lieben möchten, das nicht können, weil sie unterdrückt werden. Und deswegen ist es für mich wichtig, Diversität wahrnehmbar zu machen, erfahrbar zu machen. Auch in meiner Kunst.“

    Mithu Sanyal

    Mithu Sanyal
    Mithu M. Sanyal stand mit "Identitti" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.© © Regentaucher
    Mithu Sanyal wurde 1971 als Tochter einer polnischen Mutter und eines indischen Vaters in Düsseldorf geboren und wuchs dort auf. Sie ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin, Journalistin und Kritikerin. 2009 erschien ihr Sachbuch „Vulva. Das unsichtbare Geschlecht", 2016 „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens". 2021 erschien bei Hanser ihr erster Roman "Identitti", der auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises war und mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Ernst-Bloch-Preis 2021 ausgezeichnet wurde
    "Meine Artikel und Features, Kommentare und Kritiken sind mein Versuch, zu verstehen, warum wir interagieren, wie wir interagieren, und unsere Interaktionsmöglichkeiten zu erweitern: Fragen Sie Dr. Gender. Doch nicht alles ist auf Geschlecht zurückzuführen, also beschäftige ich mich ebenso mit Identität und Politik, Kapitalismus und Alltags-Mithulogie – oh, und natürlich mit Sex(ualitäten). Sie können mich lesen, (im Radio) hören oder (im Fernsehen oder auf einer Veranstaltung in Ihrer Nähe) sehen."

    Doch für Birgit war Tatort-Schimanski nicht deutsch. „Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich ihn das erste Mal im Fernsehen gesehen habe. Das war 1979, nein, 81.“ Für Birgit war genau eine relative Angabe. „Ein polnischer Kommissar! Du kannst dir gar nicht vorstellen, welche Vorurteile es damals gegen Polen gab. Wie viele Polen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Wetten, die Glühbirne wird geklaut. Dass ein Pole Kriminalhauptkommisar sein konnte und nicht Krimineller, das war ... hach! Wir haben echten Rassismus erlebt. Es ist so toll, dass es sowas heute nicht mehr gibt.“
    Jedesmal, wenn Birgit diese Geschichte wiederholte, und sie wiederholte sie ständig, überlegte Nivedita, ob sie ihrer Mutter an die Gurgel gehen sollte.
    Alternativ sagte auch ihr Vater ihr gerne, dass er noch echten Rassismus erlebt habe, doch wenigstens leugnete er nicht, dass es heute noch Rassismus gab. Nur hielt er ihn für minderwertigen Rassismus. So wie er auf das Wort Mikroaggressionen in der Regel mit großen Aggressionen reagierte. „Was ist dein Problem mit deiner Mitbewohnerin Lotte? Lotte trägt Bindi, hä? Was soll dein Problem sein? Daran verdienen ein indischer Bindi-Hersteller und ein indischer Bindi-Exporteuer, schon mal darüber nachgedacht, hä? Wir hatten noch Angst, auf der Straße zusammengeschlagen zu werden. Damals gab es richtigen Rassismus, nicht so einen Sonnenschein-Rassismus wie heute.“
    Nivedita schaute ihn an und dachte an all die Dinge, für die er keine Sprache hatte, und hatte keine Sprache, sie ihm zu erklären.

    aus: Identitti, Hanser 2021

    Feridun Zaimoglu

    Feridun Zaimoglu in der Langen Nacht Diversity im Gloria Theater, Köln
    Feridun Zaimoglu hat einen sprachmächtigen Luther-Roman geschrieben.© Schomäcker, Simon
    Feridun Zaimoglu, geboren 1964 in der Türkei, aufgewachsen in München, zuhause in Kiel, wurde vom türkischen Gastarbeiterkind zum deutschen Dichter. Er fasste Shakespeares "Othello" in explosives Deutsch, schrieb über Frauen, donnerte einen sprachmächtigen Luther-Roman in die Tasten. Immer wortgewaltig, seit er 1995 mit seiner "Kanak-Spak" debütierte, rhythmischen "Positionsmonologen". Mit Aufnahme-Gerät und Kunstsprache gab Zaimoglu "seinesgleichen" eine Stimme - vor 26 Jahren!

    (23) LUTHER

    Gott ist mit Braus in meine Welt eingebrochen, ich hör heftige Schläge und grässlichen Schall, es fließt mir aller Glaube und der Saft der Milz und der Lungen in die Erde, alles im Leib bricht und knickt und fährt ab, es frisst sich ein Loch in die Brust des Mönchleins, das zum Menschlein schrumpft. Zerfahren ist mein Werk, Gottes Gutheit siegt, kraft des Wortes, das nie verwelkt, bin ich nicht totgeschunden, nur ich steh schief und krumm in der Einsiedelei, man hat nach teutschem Brauch einen Grund von guten Steinen angelegt, und ich deck den Himmel darüber. Ich ward vor viele Herren gerufen, jetzt bin ich gescholten und versteckt, bin ins Rattennest gestoßen, ich wollt meine ganze Fertigkeit anwenden, dass ich bleib, was ich bin: Luther, Gottes Amtsmann, meines Herrgotts Mistvieh, sollen sie auf mich schlagen. Der böse Geist möcht, dass ich Gott hinausschleuder wie den schweren Stein, tät ich’s, würd ich zermalmt und zu Stücken zerhackt unterm Stein, es lägen Teufel und all seine verruchten Kinder darunter.

    aus: Evangelio, Kiwi 2017

    Karosh Taha

    Karosh Taha
    Karosh Tahas Wenderoman „Im Bauch der Königin“ kann man von vorne und von hinten lesen.© Schomäcker, Simon
    Karosh Taha wurde 1987 in Zaxo, Irak, geboren. Seit 1997 lebt sie im Ruhrgebiet. 2019 bekam sie das Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium. Durch Corona hat sich der Veröffentlichungstermin ihres zweiten Romans „Im Bauch der Königin“ mehrfach verschoben. Mittlerweile ist das Buch im DuMont Buchverlag erschienen. „Im Bauch der Königin“ ist ein Wenderoman – man kann das Buch von vorne und von hinten lesen. So erzählt der Roman die Lebensrealitäten von Amal, die mit ihren Eltern nach Deutschland auswanderte, und Shahira, die ein freies und selbstbestimmtes Leben führt. Die beiden Figuren verbindet nicht nur Younes, Shahiras Sohn und spätere Freund von Amal, sondern auch der Umstand, dass sie gesellschaftlichen Bewertungen ausgesetzt sind.

    Im Laden sehe ich Younes’ Mutter Gemüse kaufen. Der Libanese vollführt einen Balztanz um sie, sagt ihren Namen in jedem Satz, Shahira, als würde er alle drei Sekunden den Klang ihres Namens vermissen, und der Name fließt an seinen Gliedern hinab, Shahira lächelt und redet ihn mit Akhouya an, Bruder, und der Libanese freut sich, dass Shahira Arabisch spricht, und Shahira sieht mich, grüßt mich, zeigt sich dankbar für meine Anwesenheit: Ich diene ihr als Attrappe, und meine Klamotten alleine reichen, um den Libanesen abzukühlen. Er nennt mich Junge, weil er nicht versteht, wie ein Mädchen sich gegen langes Haar entscheiden kann, für weite T-Shirts und sich ungeschminkt aus dem Haus traut. Der freche Junge, sagt er, obwohl ich nicht frech bin, vielleicht gefällt ihm der Klang des Wortes »frech« oder die Kombination »frecher Junge«, ich weiß es nicht und erlaube dem Libanesen seine Worte.

    aus: Im Bauch der Königin, Dumont 2021

    José F.A. Oliver

    José F.A. Oliver
    Zeigt, was mit der deutschen Sprache möglich ist: José F.A. Oliver.© Schomäcker, Simon
    José Francisco Aguera Oliver, der spanisch-deutsche, andalusisch-badische Dichter aus dem Schwarzwald, zeigt uns, was mit der deutschen Sprache möglich ist, wenn er sich "kopfunter in die Sprache stürzt". Hausach ist sein Zuhause, Deutschland seine politische Landschaft, Andalusien seine poetische Existenz. Spanische Wiegenlieder, Cante Jondo, Lorca, Neruda, Hölderlin sind Quellen für den Dialog, spanische Vokabeln, Redewendungen, Verse durchziehen seine deutschsprachigen Poeme.
    "Ich höre Bilder, ich höre das Grün, ich höre die Augen", sagt er, immer im Zwiegespräch von Wort und Klang, Sprache und Musik, Auge und Ohr. Ein "gastling", wie er sich mal nannte, "fremdlings" gehörte zu seinem Wortschatz. Der Sohn spanischer Gastarbeiter ist in der Hausacher Fasnacht genauso zu Haus wie beim "Vaterunser in Lima", das er für die Straßenkinder in Peru buchstabierte. Ein Welten- und Sprachwanderer, ein poeta ludens, aber zum Sprachspiel kommt die humane Ästhetik, weshalb er, der Aufklärer, genau der richtige diesjährige Böll-Preisträger der Stadt Köln ist, so Cornelia Zetzsche in ihrer Vorstellung.

    schwarzmilan
    mein vater ist gewandert, auf dem Gotthard,
    nicht & doch
    verlog er sich die arbeitshände
    unterm fremden schnee. Er sagte
    es ist kalt die lügen kälter & jahre später
    verlor er auch die sprache
    ans gemachte eis der migration
    einander schauend (neineinander)
    er & seine hände & stummpoliert die frage
    wohin bleiben wir? Danach
    war tod & d:ort
    wirst du ihn finden. Hier

    aus: wundgewähr, Matthes & Seitz 2018

    Sasha Marianna Salzmann

    Sasha Marianna Salzmann
    Sasha Marianna Salzmann schrieb mit "Außer sich" ihren Debütroman.© Schomäcker, Simon
    Diversity ist Programm, ist auch (post)migrantisch wie Sasha Marianna Salzmann, jüdisch wie sie, queer, nicht binär, nicht hetereo und weiß, BIPoC meint viele Schattierungen. Sasha Marianna Salzmann aus Berlin, Dramatikerin, Hausautorin am Gorki-Theater und rief zusammen mit Max Czollek "Desintegriert Euch!" aus.
    "Außer sich", der erste Roman, erzählt eine Familiengeschichte über vier Generationen zwischen Odessa, Moskau, Istanbul; erzählte das als hoch verdichtete, flirrende Erinnerung, in einem neuen atemberaubenden Ton, vielstimmig, anarchisch, wild, bildhaft, rauschhaft. 1985 in Wolgograd geboren, kam sie als Kind mit Familie nach Ostdeutschland, und das ist das Milieu des zweiten Romans: "Im Menschen muß alles herrlich sein", eine doppelte Mutter-Tochter-Geschichte. Zwei starke Mütter, ihre Erfahrungen in der Sowjetunion, ihre Ankunft, ihr Leben in Deutschland, und zwei rebellische Töchter, zwischen jüdischer Gemeinde, dominanten Müttern und vereinnahmender jüdischer Gemeinde, die ihnen die Luft abschnürt. Beide Töchter möchten sich lösen, sind Außenseiterinnen überall.

    Ich habe einen wiederkehrenden Traum, in dem steht eine unendliche Menge von Menschen in einer Schlange aufgereiht. (...) Ich weiß nichts über sie, kenne niemanden, der hier steht. Das Einzige, was ich weiß, ist, dass es Mütter und Töchter sind. Eine Frau steht hinter der anderen, und die Mutter der einen ist die Tochter der nächsten, das erkenne ich nicht an den Baumringen ihrer Haut, sie haben kein Alter, es wechselt, je nachdem, von welcher Seite aus man schaut – als hätten sie ihre Gesichter in diese FaceApp geladen, die errechnet, wie man irgendwann als Greis aussehen wird: mal taucht dasselbe Gesicht als Großmutter auf, mal als Kind. Dass es Mütter und Töchter sind, verstehe ich an der Art, wie sie aneinander vorbeischauen. Aber sie suchen sich. Sie suchen sich mit ihren Blicken. Sie stoßen die Vordere an, versuchen, auf sich aufmerksam zu machen.

    aus: Im Menschen muss alles Herrlich sein, Suhrkamp 2021

    Antje Rávik Strubel

    Antje Rávik Strubel
    Die Autorin Antje Rávik Strubel erhielt den Deutschen Buchpreis 2021.© Schomäcker, Simon
    Auf mehr als 420 Seiten entfaltet die 47-jährige in Potsdam geborene Autorin Antje Rávik Strubel in "Blaue Frau" nicht nur die MeToo-Geschichte einer Frau, die nach einem Weg sucht, wie sie nach einer Vergewaltigung weiterleben kann. Das Buch handelt darüber hinaus von Machtstrukturen in Beziehungen, Institutionen und Staaten. Es geht um das Macht- und Mentalitätsgefälle zwischen Ost und West, um den Zusammenhang von Geld und Autorität, um Ausbeutung von Menschen im angeblich vereinten Europa des Jahres 2004.
    Aus der Jury-Begründung für den Deutschen Buchpreis 2021: "Mit existenzieller Wucht und poetischer Präzision schildert Antje Rávik Strubel die Flucht einer jungen Frau vor ihren Erinnerungen an eine Vergewaltigung. Schicht um Schicht legt der aufwühlende Roman das Geschehene frei. Die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung weitet sich zu einer Reflexion über rivalisierende Erinnerungskulturen in Ost- und Westeuropa und Machtgefälle zwischen den Geschlechtern", heißt es in der Begründung der Jury. "In einer tastenden Erzählbewegung gelingt es Antje Rávik Strubel, das eigentlich Unaussprechliche einer traumatischen Erfahrung zur Sprache zu bringen. Im Dialog mit der mythischen Figur der Blauen Frau verdichtet die Erzählerin ihre eingreifende Poetik: Literatur als fragile Gegenmacht, die sich Unrecht und Gewalt aller Verzweiflung zum Trotz entgegenstellt."

    Das Foto auf dem Bildschirm war stark vergrößert. Und nach all der Aufregung, nach dem plötzlichen Auftauchen der Eisfrauen und dem Gefühl, nicht eingeweiht worden zu sein, ausgeschlossen zu werden, wurde Adina ruhig. In aller Ruhe betrachtete sie das Bild. Es ging nicht darum, angeschaut zu werden, auch nicht darum, fotografiert zu werden. Sondern es ging darum, gesehen zu werden. Sie wusste, um wen es sich bei dem Foto auf dem Bildschirm handelte. Das war ganz deutlich. Rickie war in der Lage, hinter der Aufhängung ihres Gesichts, hinter Haut, Knochen und Schädel den letzten Mohikaner zum Vorschein zu bringen.
    »Hör mal«, sagte Rickie. »Erotik funktioniert nicht über Ähnlichkeit.«
    Und wenn das stimmte, wenn es wirklich so war, wenn Rickie den letzten Mohikaner tatsächlich hervorholen konnte, wenn sie ihn aus der Kindheit hinüberretten konnte, ihn hierher nach Berlin holte und zum ersten Mal überhaupt sichtbar machte und so bewies, dass er mehr als eine Vorstellung war, dann war das ein Wunder. Das war Hexerei, die man nicht mit Salbei vertreiben konnte. Dann war Rickie der wichtigste Mensch, der ihr je begegnet war.

    aus: Blaue Frau, S.Fischer 2021

    Cornelia Zetzsche und Senthuran Varatharajah, Moderatoren der Lange Nacht Diversity im Gloria Theater, Köln
    Cornelia Zetzsche und Senthuran Varatharajah, Moderatoren der Langen Nacht.© Schomäcker, Simon
    Les Enfants des Fleurs, DLF, Djamel Laroussi (Algerien) - Gitarre, Gesang, Anna Lindblom (Schweden) - Gesang, Klarinette, Tsimafei Birukou (Weißrussland) - Vibrafon, Perkussion
    Les Enfants des Fleurs - die musikalische Begleitung zur Langen Nacht.© Schomäcker, Simon

    "Gemeinsame Sprache, unterschiedliche Welten?" ist der Beitrag der Langen Nacht zur Denkfabrik 2021 "Auf der Suche nach dem Wir".