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Fazit | Beitrag vom 10.06.2018

Diskussion über Documenta 14"Das ist ein Armutszeugnis"

Von Ludger Fittkau

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Eines der markantesten Ausstellungsstücke der Documenta 14: Der Parthenon der Bücher. (imago/Stefan Boness/Ipon)
Eines der markantesten Ausstellungsstücke der Documenta 14: Der Parthenon der Bücher. (imago/Stefan Boness/Ipon)

Das Kuratoren-Team der vergangenen Documenta musste viel Kritik einstecken. Auf der Tagung "Die Documenta 14 – Ein Blick zurück nach vorn" sollte jetzt alles aufgearbeitet werden. Doch von den Verantwortlichen war niemand erschienen.

Kerstin Vogt, Studienleiterin der Evangelischen Akademie Hofgeismar, hatte sich als Veranstalterin der Tagung sehr bemüht, sowohl aus Athen und Kassel Kuratoren der Documenta 14 für die Debatte über die zurückliegende Weltkunstausstellung und den Ausblick auf die nächste Documenta 2022 zu bekommen. Letztlich vergeblich.

"Es ist schwer zu erklären, warum es den Verantwortlichen, den Kuratorinnen und Kuratoren schwerfällt, jetzt im Nachhinein über die Documenta zu sprechen. Ein Grund ist natürlich, weil sie in alle Welt wieder verstreut sind und hätten anreisen müssen für eine kurze Tagung hier."

Erfahrung muss erst verarbeitet werden

"Das andere ist, dass es eine sehr komplexe Erfahrung war, so hat es eine der Teilnehmerinnen geschildert, die erst verarbeitet werden will. Man kann noch nicht sofort über das, was man in die Welt gesetzt hat, dieses Baby Documenta, jetzt ist es beendet und gerade auch bei einer kontroversen Diskussion, bei viel Kritik in den Medien, das fällt scheinbar sehr, sehr schwer. Da liegen die Wunden offen und die müssen vielleicht zuheilen, bis man vielleicht von einem Abstand heraus wieder reden kann."

Ralf Beil, der Direktor des Kunstmuseums Wolfsburg ist nicht nur ein besonders kreativer Ausstellungsmacher, sondern auch ein eminent politischer Kopf. Er bedauerte es deshalb besonders, dass sich weder Adam Szymczyk noch ein anderer der 32 Kuratorinnen und Kuratoren der Documenta 14 bereitfanden, mit ihm und rund 60 Kunstexperten und Documenta-Besucherinnen noch einmal über letztjährige Weltkunstausstellung in Athen und Kassel zu diskutieren.

"Armutszeugnis": Kein Documenta-Macher war erschienen

"Ja, ich finde es ist schon ein Armutszeugnis. Denn wenn man eine so wichtige Ausstellung realisiert hat, wie die Documenta 14, dann kann man zumindest einen individuellen Bericht abliefern. Man muss da nicht sagen: Ich stehe für das Ganze."

"Szymczyk und 32 Kuratorinnen und Kuratoren. Wenn dann eine Person kommt, die könnte doch wenigstens von sich erzählen, wie sie das empfunden hat. Und würde doch sicher auch nicht zum Prügelknaben, wir sind doch hier immerhin ein Kolloquium, das sind alles ehrenwerte Damen und Herren, die fressen die Beteiligten dann nicht gleich auf. Sondern man würde sich argumentativ auseinandersetzen, Und das fehlt natürlich bei dieser Tagung jetzt empfindlich."

Ralf Beil warf Adam Szymczyk vor, seine durchaus berechtigte Kritik am neoliberalen Kapitalismus auf der Documenta 14 so gewendet zu haben, dass er gerade bei der Kunstausstellung jenes ungebremste Wachstum eingeführt habe, das er in der Weltgesellschaft kritisiere. Er habe die Ausstellung verdoppelt und all die "logistischen, finanziellen und ästhetischen Risiken und Nebenwirkungen", die sich daraus ergeben hätten, ignoriert.

"Und da sage ich natürlich, statt dieses Wachstums darf es jetzt durchaus mal wieder Konzentration sein, das heißt Konzentration auf Kunst. Konzentration durchaus auch auf Themen."

Nicht nach Toronto, Jakarta oder Lagos verschieben

Und die Konzentration auf einen Ort – nämlich Kassel.

"Wenn man jetzt diese Ausstellung noch nach Toronto, Jakarta, Lagos oder sonst wohin verschieben würde, dann wäre sie nach ein, zwei Ausgaben wirklich tot. Und es gibt genügend Dinge, die man hier vor Ort noch tun kann in diesem Kassel mit all den Verwerfungen, die wir ja wieder gesehen haben, als wir über Adam Szymczyks Documenta 14 gelaufen sind."

"Also: Da ist viel zu holen und viel noch drin und jenseits von Absturz-Phantasien medialer Art oder politischer Verwerfungen sehe ich dann doch wieder großes Licht am Horizont, sofern der oder die Richtige gewählt wird."

Die richtige Wahl der neuen Kuratorin oder des neuen Kurators, die ist auch für Sabine Schormann jetzt entscheidend. Diese soll bis Anfang 2019 über die Bühne gehen. Die neue Documenta-Generaldirektorin saß im Publikum der Tagung in der schönen Evangelischen Akademie nordwestlich von Kassel und nahm vor allem viele praktische Anregungen mit.

Neue Generaldirektorin saß im Publikum

Von besserem Informationsmaterial und gehaltvollerer Kontextualisierung der Kunstwerke über mehr Spielraum für Führungen externer Reiseleiter und Kunstvermittler bis hin zu Hinweisen auf die große Bedeutung kostenlos zugänglicher Außeninstallationen für das Heranführen kunstfernerer Schichten an die Documenta reichten die Anregungen der Vortragenden und des Publikums.

Sabine Schormann nahm auch mit großem Interesse zur Kenntnis, dass die Zahl der Besucher aus Asien bei der D14 enorm gestiegen ist und will deshalb beim nächsten Mal in China oder Japan noch mehr werben. Aber auch im öffentlichen Raum in der Stadt Kassel, auch wenn dies teuer ist und keine Eintrittsgelder einspielt.

"Das gehört einfach dazu. Denn zu einer Documenta muss es auch eine gewisse Atmosphäre oder ein Flair geben, dass sie sich auch im Stadtbild wiederfindet. Und ich bin ganz fest davon überzeugt, dass wenn diese Außenkunstwerke so spannend sind, dass sie auch Menschen anregen, dann in die eigentlichen Ausstellungen zu gehen und auch einfach zu Diskussionen anregen. Und insofern bin ich eher dafür, möglichst viele spannende davon zu haben als sie nur als finanziellen Gründen einzudämmen."

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