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Breitband | Beitrag vom 07.11.2020

Diskriminierungsfreie SpracheArgumente gegen das Gendern - und was man ihnen entgegenhalten kann

Moderation: Vera Linß und Marcus Richter

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Illustration: viele bunte Spechblasen, die übereinander und nebeneinander stehen. (Getty / Science Photo Library RF)
Diskriminierungsfreie Sprache: Es ist wichtig, Deutungshoheiten aufzubrechen und eine größere Vielfalt sichtbar zu machen (Getty / Science Photo Library RF)

Gendersternchen, Unterstriche, große "I's" - geschlechtergerechte Sprache ist zum heftig diskutierten Thema geworden. Kritiker argumentieren beispielsweise, dadurch würden Menschen auf ihr Geschlecht reduziert. Ist da etwas dran?

Diskriminierungsfreie Sprache, vor allem mit Blick auf Geschlechtergerechtigkeit – wir bei Breitband bemühen uns darum bereits seit Längerem, ohne dass es dafür konkrete Vorschriften gibt. Allerdings gibt es für das Gendern immer wieder Kritik von Hörer*innen. Auch in der  gesellschaftlichen Debatte werden kritische Stimmen laut. Etwa die der Schriftstellerin Nele Pollatschek. Sie fühlt sich durch das Gendern diskriminiert, weil sie sich auf ihr Geschlecht reduziert sieht. Das habe einen ähnlichen Effekt, als würde man jedes Mal "Vagina!" rufen, wenn man sie Schriftstellerin nenne, so Pollatschek.

"Ihr geht immer davon aus, dass es ein Interesse in marginalisierten Gruppen gibt", so Pollatschek in einer TV-Sendung. "Dass die Marginalisierten alle dasselbe wollen. Aber das ist natürlich nicht so. Also wenn jetzt verpflichtendes Gendern eingeführt wird: Ich will nicht gegendert werden! Was machste dann?"

Keine Frage von Befindlichkeiten

Die Sprachwissenschaftlerin Seyda Kurt hält dem entgegen, dass es hier nicht um Befindlichkeiten gehe: Sie habe ein Problem damit, wenn das Thema diskriminierungsfreies Sprechen so behandelt wird, als ginge es um individuelle Vorzüge oder persönliche Verletzlichkeiten. 

"Als wäre es ein Freifahrtschein, wenn ich sage, ich fühle mich von dem und dem Wort nicht verletzt, dass es ein Freifahrtschein für mein Gegenüber ist, das auch benutzen zu können. Ich bin eben nicht der Maßstab aller Dinge. Und zweitens individualisiert das eine politische Angelegenheit." 

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Denn es gehe um gesellschaftliche Verantwortung: "Und ich denke nicht, dass ich mich von dieser freimachen kann, in keinem Kontext. Auch nicht, wenn ich von Betroffenen das Okay dafür bekomme, bin ich immer noch anderen Menschen gegenüber verantwortlich."

Letztlich stünden dahinter Auseinandersetzungen um Deutungshoheiten, um Interpretation und um hegemoniale Diskurse, meint Kurt: "Also im Grunde, welche Erzählungen setzen sich durch? Warum? Wem nützen sie, was hat das mit Macht zu tun, warum profitiert eine gewisse Mehrheit von gewissen Erzählungen mehr als von anderen?"

Sprache schafft Realitäten

Aber ließen sich diese alten Deutungshoheiten nicht auch aufbrechen, ohne eine Menge Sonderzeichen in den alltäglichen Sprachgebrauch einzuführen? So gibt es zum Beispiel auch Menschen, die zwar sagen: Ja, es ist wichtig, Deutungshoheiten aufzubrechen und eine größere Vielfalt sichtbar zu machen. Dies solle sich aber nicht so in der Sprache widerspiegeln, wie das jetzt mit Gendersternchen geschieht oder indem ich die weibliche und männliche Form nutze. Weil, so das Argument, man auch das generische Maskulinum für alle nehmen könne, denn jeder wisse, dass alle damit gemeint seien.

Das hält Horst Simon, Professor für Historische Sprachwissenschaft, für einen Trugschluss:  

"Leute glauben, dass sie irgendetwas denken, aber vielleicht stimmt das gar nicht. Es gibt ne Menge Studien im Bereich der Psycholinguistik, die gezeigt haben, dass es doch subtil Unterschiede gibt, ob jemand sagt: Da sitzen zwei Lehrer*innen oder das sitzen zwei Lehrer. In der Art, was dabei konzeptualisiert wird. Und ich glaube, das kann man mittlerweile nach 35 Jahre empirischer Forschung in dem Bereich auch nicht mehr abstreiten, dass es Konzeptualisierungsunterschiede gibt."

"Unsere Sprache ist ja immer normiert"

Seyda Kurt meint vor diesem Hintergrund, es wäre gut, wenn sich Institutionen wie etwa auch die Medien klare Regeln geben, dass und wie gegendert wird. Sprachnormen seien doch auch in anderen Bereichen etwas völlig Übliches.

"Unsere Sprache ist ja immer normiert", betont sie. "Wenn ich an die Universität gehe, weiß ich auch, dass gewisse Dinge von mir erwartet werden. Aber ich finde es doch bezeichnend, dass gerade der Bereich des Genderns oder gendersensibler Sprache so aufgefasst wird, als sei das der einzige Bereich, wo Sprache normiert wird. Das stimmt einfach nicht." 

Eine andere Möglichkeit wäre es, gendergerechtes Sprechen einfach über Vorbildwirkung attraktiver zu machen. Denn, so Horst Simon:

"So funktioniert das bei Sprachwandel häufig, dass wir Wörter aufgreifen, verwenden, weil sie irgendeinen Vorteil haben auf der Ebene der Bezeichnungen und auf der Ebene des sozialen Erfolgs. Und manchmal klappt's und manchmal klappt's nicht."

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