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Studio 9 | Beitrag vom 04.12.2015

Dirigent Masaaki SuzukiWarum Japaner Bachs Musik wie Reis konsumieren

Von Jürgen Hanefeld

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Der Dirigent Masaaki Suzuki in Prag beim Prager Internationalem Musik-Festival 2015  (picture alliance / dpa / Katerina Sulova)
Der Dirigent Masaaki Suzuki (picture alliance / dpa / Katerina Sulova)

Vor 25 Jahren gründete der japanische Dirigent Masaaki Suzuki das "Bach Collegium Japan". Zu Suzukis Ruf als Bach-Besessener gehörte das gewaltige Projekt, sämtliche Kirchenkantaten des Meisters einzuspielen.

Masaaki Suzuki ist ein Verrückter. Oder besser: ein Besessener, einer, der sich sein Leben lang mit Johann Sebastian Bach beschäftigt, ohne jede Spur von Ermüdung.

"So wie eine große Kathedrale kann man von Ferne schon [die] schöne Form genießen. Deswegen kann man [sie] zum Beispiel als Background-Music genießen und für die Musikwissenschaftler auch. Das ist wirklich [eine] wunderbare Welt, eigentlich."

1954 im japanischen Kobe geboren, saß Masaaki Suzuki schon mit zwölf Jahren im Gottesdienst an der Kirchenorgel. Seine Familie gehört zur winzigen Minderheit von evangelischen Christen in Japan, und wie häufig bei Gläubigen in der Diaspora, ist die Bindung an ihre Religion besonders eng.

"Ich habe nie gedacht, dass man nur mit Glauben diese Musik verstehen kann. Aber in meinem Fall wäre es überhaupt nicht möglich, ohne diesen Glauben und das Leben in der Kirche zu begreifen."

Dass Suzukis Deutsch einen unverkennbar holländischen Einschlag hat, ist kein Wunder. Er hat sein Handwerk als Organist, Cembalist und Komponist in Tokio und in Amsterdam gelernt.

"Diese Sprache ist so wunderbar"

[lacht] "Also ich habe nie in Deutschland gewohnt. Aber diese Sprache ist so wunderbar, und ohne ein bisschen Verständnis vor deutscher Sprache kann man nie Bachsche Musik begreifen."

Sein vor 25 Jahren gegründetes "Bach Collegium Japan" besteht heute aus 40 Profi-Musikern, je zur Hälfte Sänger und Instrumentalisten. Das Ensemble war von Anfang an der historischen Aufführungspraxis verpflichtet:

Das Vorurteil, Japaner könnten europäische Musik, zumal Barockmusik, nicht erfassen, hat Masaaki Suzuki längst widerlegt. Zu seinem Ruf, ein Bach-Besessener zu sein, gehört das gewaltige Projekt, sämtliche Kirchenkantaten des Meisters einzuspielen: 200 große geistliche Werke mit Solisten, Chor und Orchester. Es liegt inzwischen vor - auf 55 CDs.

Aber das Bach Collegium spielt auch andere Musik: Monteverdi und Schütz, Buxtehude und Händel zum Beispiel, und viel Moderneres wie Stravinsky. In diesen Tagen nimmt Suzuki in Tokio Mozart auf.

"Back zu Bach"

Im Frühjahr tourt das Ensemble zum wiederholten Mal durch Europa, auch in den USA ist es nicht unbekannt. Masaaki Suzuki schon gar nicht. Der 61-Jährige dirigiert regelmäßig weltberühmte Orchester von den New Yorker Philharmonikern bis zum Gewandhausorchester in Leipzig. Doch auf dem Handzettel des Opernhauses in Tokio steht für die Saison 2016/17 in deutscher Fraktur geschrieben "Back zu Bach".

"Bachs Musik ist, als ob das ein Reis ist, für uns, für Japaner. Also das man jeden Tag essen muss. Und selbst wenn man sehr guten Reis heute isst, muss man doch morgen auch wieder Reis haben. Für meine Begriffe ist es nie möglich, etwas komplett zu haben. Also unser Kantaten-Projekt ist komplett jetzt. Das bedeutet [aber] nicht, dass wir mit dieser Musik aufhören, sondern wir gehen einfach weiter damit."

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