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Interview | Beitrag vom 05.01.2021

Digitalunterricht an Schulen Schnelles Internet allein reicht nicht

Marina Weisband im Gespräch mit Dieter Kassel

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Ein Schüler sitzt mit einem Mundschutz im Klassenzimmer und schreibt.  (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto)
Deutschland ist in Sachen Digitalunterricht nicht wirklich weitergekommen, beklagt Marina Weisband. (picture alliance / Eibner-Pressefoto | Fleig / Eibner-Pressefoto)

Wie es mit den Schulen im Lockdown weitergehen soll, ist noch unklar. Der Digitalunterricht in Deutschland funktioniert nicht gut. Es hilft auch nicht, nur bei den Geräten aufzurüsten, sagt Marina Weisband vom Verein Politik-Digital.

Dieter Kassel: Wann die Schulen wieder öffnen sollen, darüber wird noch debattiert - in einem Punkt sind sich viele allerdings einig: Der digitale Unterricht in Deutschland funktioniert bislang nicht besonders gut. Auch Marina Weisband findet das. Sie ist Diplom-Psychologin und Leiterin des Aula-Projekts beim Verein Politik-Digital, bei dem es um digitale Partizipation in der Schule geht.

Sind wir inzwischen schon etwas weiter als zu Beginn des ersten Lockdowns vor neun Monaten?

Marina Weisband: Ich fürchte, wir sind nicht wirklich weiter, weil die wunderbaren Dinge, die Lehrer*innen sich angeeignet haben im Unterricht und an Unterrichtskonzepten, die sie weiterentwickelt haben in Vorbereitung des weiteren Lockdowns - teilweise individuell - dürfen oft gar nicht zum Einsatz kommen. Und das Ganze wurde nicht in die Fläche getragen, das heißt, die meisten Schulen sind eben kein Stück besser vorbereitet als damals.

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Hier haben wir massiv geschlafen, so dass wir heute wieder in der Situation sind, dass wir Familien gegeneinander ausspielen – die einen, die sagen, bei diesen Infektionszahlen ist es aktiv gefährlich, Kinder in die Schule zu schicken, und die anderen, die ebenso verständlich sagen, ich kann mein Kind einfach nicht zu Hause betreuen, es hat kein eigenes Zimmer oder hat kein eigenes Gerät. Anstatt hier Kompromisslösungen zu schaffen durch Vernetzung und Kreativität und Pragmatismus, haben wir leider wieder eine unvorbereitete Situation.

Digitalunterricht bedeutet nicht zu Hause sitzen

Kassel: Das heißt aber auch, digitaler Unterricht muss nicht bedeuten, alle sitzen immer zu Hause.

Weisband: Um Gottes willen! Ich hoffe, dass digitaler Unterricht das niemals bedeuten wird. Das können die meisten Familien natürlich auch gar nicht leisten. Das, was wir mit gutem digitalem Unterricht für die Zukunft meinen, ist ja auch was ganz anderes als Corona-Notdistanzunterricht. Auch gute digitalisierte Bildung funktioniert immer noch über Präsenz.

Was wir jetzt brauchen, sind Lösungen, über die diese Distanz funktionieren kann. Das bedeutet aber, dass wir dezentrale Möglichkeiten für Lernräume, für Betreuung und für Geräte schaffen und dass wir Unterrichtskonzepte verbreiten, mit denen das funktionieren kann. Das ist niemals einfach nur: Ich halte irgendwie Unterricht und das wird per Skype übertragen. Das ist das Schlechteste aus beiden Welten.

Kombination aus Präsenz- und Digitalformaten möglich

Kassel: Und was wäre das Beste aus beiden Welten?

Weisband: Das Beste aus beiden Welten wäre zum Beispiel, wenn ich so eine Art digitale Fishbowl habe. Das heißt, ich habe ein paar Kinder in der Präsenz in meiner Klasse und die anderen sitzen zu Hause und verfolgen den Unterricht und haben aber andere Aufgaben wie etwa Recherche. Oder ich habe kleine Lerngruppen, bei denen vielleicht ein Teil in die Präsenz geht und ein Teil in Hotels oder Bibliotheken oder Universitäten dezentral von studentischen Hilfskräften betreut und begleitet wird – und die arbeiten zusammen an einem Projekt und tauschen sich aus.

Oder ich habe Lernprodukte, die ich erzeuge, zum Beispiel: Ich vollziehe den Fäulnisprozess einer Banane chemisch nach und die Aufgabe lautet, mach dazu ein Video oder eine Präsentation oder irgendeine Form von Lernprodukt und hilf deinen Mitschüler*innen, etwas darüber zu lernen. Was es dazu aber braucht, ist die Verbreitung der sehr guten Hybridunterrichtskonzepte, die es schon gibt – das könnte die Politik leisten –, und natürlich diese dezentralen Räume und Hilfskräfte, die bei der Betreuung helfen und die die Familien entlasten, die das selber gar nicht leisten können.

Kassel: Es gibt eine neue Studie, die gezeigt hat - sie bezieht sich auf den ersten Lockdown im vergangenen Jahr - dass einige gar kein Problem mit dem Lernen hatten, sondern mit dem Mangel an sozialen Kontakten. Das heißt, Sie sagen: Es gibt auch noch andere Lösungen, damit eben dieses Soziale nicht untergeht?

Weisband: Genau. Kleine Lerntandems zum Beispiel, bei denen ich immer mit einer festen Gruppe aus sechs Kindern lerne, sind ja epidemiologisch viel unproblematischer als so ein schlecht belüfteter Klassenraum mit 30 Kindern. Das heißt, hier gilt es, tatsächlich sich mit der Kommune zu vernetzen und kreativere Lösungen zu finden. Und wir haben tatsächlich sehr viele Schüler*innen, die unter diesen Umständen sehr viel besser lernen, als wenn sie in einen Klassenraum um acht Uhr morgens zur vollen Konzentration gezwungen werden.

Zu starke Fokussierung auf Geräte

Kassel: Es heißt es immer noch oft, wir brauchen in den Schulen vor allem schnelle Internetanschlüsse, gute Hardware, vernünftige Software. Nervt Sie das nicht auch manchmal, dass viele nicht darüber hinaus denken und glauben, wenn die Internetleitung schnell ist, dann ist der Lehrer auch virtuell schnell zu Hause beim Schüler und dann reicht das?

Weisband: Das nervt mich schon. Es gibt diese Fokussierung auf Geräte, was einfach daran liegt, dass die leichter zu finanzieren sind. Dann mach ich so einen Topf wie den Digitalpakt, und dann hab ich was für die Digitalisierung getan. In Wirklichkeit ist es damit natürlich nicht getan, das ist eine Personalfrage. Digitalisierung ist Beziehungsarbeit, das heißt, ich muss investieren in Personal, ich muss investieren in eine stetige Fortbildung von Lehrer*innen, und ich muss investieren in die Entwicklung neuer innovativer Unterrichtskonzepte.

Kassel: Ganz am Anfang der Pandemie haben viele Menschen gesagt, so schrecklich dieses Virus ist, es kann auch eine Chance für Entwicklungen sein, es könnte auch die Digitalisierung des Bildungswesens beschleunigen. Glauben Sie das inzwischen noch?

Weisband: Ich glaube, dass Lehrer*innen Tools kennenlernen, ist schon mal eine super Entwicklung. Aber ganz ehrlich, die Veränderung in einem Bildungssystem, das immer noch auf das Industriezeitalter ausgelegt ist, ist im Informationszeitalter längst überfällig. Die Schulen, die am besten durch die Pandemie kommen, sind die Schulen, die in dieser Veränderung schon am weitesten sind, die mehr selbstständigen, schülerzentrierten, dezentralen, vernetzten Unterricht haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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