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Interview / Archiv | Beitrag vom 31.03.2014

DigitalisierungTor zum kulturellen Erbe

Kulturmanager Paul Klimpel hält Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek für alternativlos

Moderation: Jörg Degenhardt

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Ein Buch und dessen digitale Entsprechung (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)
Zahllose digitalisierte Bücher und andere Dokumente sind in der Deutschen Digitalen Bibliothek zugänglich. (picture alliance / dpa / Bernd Settnik)

Mit wenigen Mausklicks zu Millionen von Büchern, Filmen und Skulpturen - das ermöglicht die neue Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek. Paul Klimpel hat sich für sie eingesetzt und sagt, was nicht im Netz ist, ist nicht in der Welt. Deshalb gebe es keine Alternative zur Digitalisierung unseres kulturellen Erbes.

Jörg Degenhardt: Kultur ist überall, auch in Museen, Archiven oder Bibliotheken. Alles was dort lagert, was dort zu bestaunen, was dort zu benutzen ist, muss natürlich gepflegt und erhalten werden, analog und digital. Und damit sind wir schon beim Thema. Heute wird in Berlin die Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek vorgestellt. Sie soll per Mausklick den Zugriff auf Millionen von Büchern, aber auch auf Filme oder Skulpturen aus Tausenden deutschen Museen oder Archiven ermöglichen - und zwar für Jedermann. Keine Frage: ein Jahrhundertunternehmen. Dr. Paul Klimpel ist Kulturmanager und Jurist. Er hat den Berliner Appell zum Erhalt des digitalen Kulturerbes mit formuliert und er ist jetzt bei uns im Studio. Ich grüße Sie!

Paul Klimpel: Guten Tag!

Degenhardt: Geben Sie dieser digitalen Bibliothek doch mal ein Gesicht. Wie muss ich mir das ganze als normaler Nutzer vorstellen, als einen Riesenkatalog?

Klimpel: Nein. Die Deutsche Digitale Bibliothek ist mehr als ein Riesenkatalog, auch wenn das vielleicht für den einen oder anderen, der das erste Mal damit zu tun hat, das ist, was man sieht. Was man sieht ist das Portal der Deutschen Digitalen Bibliothek, wo man Sucheingaben machen kann, wo man bestimmte Bilder sehen kann, wo man Verknüpfungen erstellen kann, wo man auch personalisiert sich seine eigenen kleinen Kollektionen zusammenstellen kann. Das ist das, was man sieht.

Aber die Deutsche Digitale Bibliothek ist viel, viel mehr als das. Sie ist mehr als die Summe von Datensätzen - das sind inzwischen acht Millionen - oder von Institutionen, die daran teilnehmen. Sie ist einfach zentral überhaupt für diesen Zugang zum kulturellen Erbe in der digitalen Welt. Zentral einerseits als Portal  -das habe ich eben gesagt -, zentral aber vor allen Dingen auch für die Institutionen. Sie ist für die Museen, für die Archive, für die Bibliotheken wie so ein Katalysator, wenn es darum geht, wie sie in dieser neuen Welt des Online-Zugangs ihre Bestände bereitstellen und vor allen Dingen dann vernetzen. Das Vernetzen ist ganz zentral.

Degenhardt: Was muss man denn ganz konkret beachten bei so einer digitalen Bibliothek, wenn es darum geht, diese Daten, diese digitalen Daten auf lange Zeit hin zu schützen?

Bündelung der digitalen Werke

Klimpel: Die Deutsche Digitale Bibliothek - das muss man an der Stelle wirklich sagen - hat nicht die Aufgabe der Langzeitarchivierung des kulturellen Erbes. Das ist sicherlich eine wichtige Aufgabe, da habe ich auch verschiedentlich drauf hingewiesen. Da hat auch die Initiative Nachhaltigkeit in der digitalen Welt mit dem Berliner Appell darauf hingewiesen. Aber das ist noch zumindest nicht die Aufgabe der Deutschen Digitalen Bibliothek, wie überhaupt die Digitalisate selbst bei den Institutionen sind und nicht bei der DDB, die darauf nur verlinkt und verweist und die das bündelt und die dann sogenannte Derivate, also kleine Vorschaubilder dieser Digitalisate dann auch tatsächlich zeigt und selbst auch auf ihren Servern vorhält.

Degenhardt: Wo stehen wir eigentlich international mit dieser Deutschen Digitalen Bibliothek? Sind andere uns da voraus, die Amerikaner beispielsweise, andere Westeuropäer?

Klimpel: In Europa stehen wir gar nicht so schlecht da. Das will ich an der Stelle schon sagen. Es sind eine Menge Daten, die gerade aus Deutschland auch an die Europeana geliefert werden. Die Deutsche Digitale Bibliothek ist ja der nationale Aggregator für die Europeana. Im internationalen Vergleich - auch das muss man klar sagen - sind die Amerikaner, was insgesamt diesen Prozess der Digitalisierung von kulturellem Erbe angeht, schon auch ein Stück weiter. Da werden ganz andere Summen investiert und da sind auch andere Player. Es ist in diesem Jahr zehn Jahre her, dass mit Google Books ein Großprojekt gestartet ist, wo ganze Bibliotheken digitalisiert wurden. Die Europeana und dann auch die DDB war ja auch ein Stück weit eine Reaktion auf diesen Ansatz, dass da plötzlich ein Konzern riesige Bibliotheksbestände digitalisiert hat.

Digitalisierung des kulturellen Erbes alternativlos

Degenhardt: Wir haben noch gar nicht über das Geld gesprochen. Die Bibliothek wird finanziert vom Bund, von den Ländern und von den Kommunen. Jetzt mal ganz trivial gefragt: Lohnt sich das Ganze?

Klimpel: Es lohnt sich auf jeden Fall, denn zu der Digitalisierung kulturellen Erbes gibt es keine Alternative, wenn wir wollen, dass das, was wir an reichem Erbe haben, auch tatsächlich im öffentlichen Bewusstsein bleibt. Denn der Zugang zu dem, was unsere Alltagskultur ausmacht, passiert heute übers Netz, und was nicht im Netz ist, das ist nicht in der Welt. Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, da sich dieser Herausforderung zu stellen. Das kann im Grunde auch jedes Museum für sich machen, was da Sondermittel bekommt. Es muss auch jedes Museum für sich diesem stellen.

Aber mit der DDB gibt es einen Punkt, wo sehr viele Synergien verwirklicht werden, indem bestimmte Vorgaben, bestimmte Regeln klar gemacht werden, an denen sich dann die einzelnen Institutionen orientieren können, und das spart natürlich eine Menge Geld. Ich glaube schlicht, dass wir uns nicht leisten können, die DDB nicht zu haben, weil dann die Kosten sehr viel höher wären.

Degenhardt: Spüren Sie denn die Bereitschaft bei den politischen Parteien, bei den Entscheidungsträgern, diese Mittel für diese Institution zur Verfügung zu stellen, oder ist jetzt erst mal der Topf leer mit der Installierung dieser Bibliothek?

Digitalisierung bedeutet nicht Langzeitarchivierung

Klimpel: Ich denke, das Bewusstsein, dass wir auch als Kulturnation hier nicht zurückstehen können und darin auch investieren müssen, dieses Bewusstsein ist schon da. Es ist gelegentlich etwas mühsam zu erklären, dass Digitalisierung und Zugang noch mal etwas anderes ist als Langzeitarchivierung und dass man, wenn man etwas digitalisiert, natürlich die analogen Objekte trotzdem noch weiter fördern muss und dass dadurch erst mal in einem ersten Schritt sehr viel höhere Kosten auch auf die Institutionen zukommen, aber ich bin da sehr zuversichtlich, dass uns das als Gesellschaft gelingen wird, diesen Zugang zu unserem kulturellen Erbe durch Digitalisierung auch in diesem Informationszeitalter sicherzustellen.

Degenhardt: Kulturgüter als digitales Angebot - heute geht die Vollversion der Deutschen Digitalen Bibliothek in Betrieb. Über dieses Projekt habe ich gesprochen mit dem Kulturmanager und Juristen Dr. Paul Klimpel. Vielen Dank für Ihren Besuch im Studio.

Klimpel: Vielen Dank!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk/Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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