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Interview | Beitrag vom 13.08.2020

Digitalisierung an SchulenLehrkräfte benötigen einen Crashkurs

Lena-Sophie Müller im Gespräch mit Julius Stucke

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Eine Lehrerin und Schüler in einem Klassenraum. (imago images / Becker&Bredel)
Corona zeige die Defizite der Digitalisierung an Schulen wie ein Brennglas auf. (imago images / Becker&Bredel)

Arbeitsblätter abfotografieren und an die Schüler per Email schicken, das sei absolut nicht mehr zeitgemäß, sagt Lena-Sophie Müller von der Initiative D21. Die Politologin nennt mehrere Schwerpunkte für ein erfolgreiches Homeschooling.

Angesicht weiter steigender Infektionszahlen – mehr als 1400 positive Test gab es am Mittwoch – wächst die Sorge, dass der Regelbetrieb an Schulen weiterhin nicht abschließend geklärt ist. Was können wir daher aus der ersten Phase des Homeschoolings und des digitalen Improvisierens lernen? Wie kann das künftig besser gelingen und wie schnell? Darüber haben wir mit Lena-Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21, gesprochen.

So seien laut einer Studie, die im Auftrag der Initiative D21 durchgeführt wurde, die Hälfte der Eltern mit dem Unterricht zu Hause zufrieden gewesen. 42 Prozent hingegen waren unzufrieden und haben eine Überforderung der Lehrer mit digitalen Anwendungen kritisiert.

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Die Studie zeige auf jeden Fall, dass Schulen in Deutschland "nicht optimal" für die Zukunft aufgestellt seien, sagt Lena-Sophie Müller. Die Infrastrukturen und die Lernroutinen seien in Deutschland auf Präsenzunterricht ausgerichtet. Während der Coronapandemie hätte man aber gesehen – und das habe auch die Studie gezeigt –, dass guter Unterricht ein stückweit vom Glück abhänge. Eltern seien davon abhängig gewesen, eine engagierte Lehrkraft zu erwischen, die auch über eine Digitalkompetenz verfüge, so Lena-Sophie Müller. "Corona zeigt die Defizite jetzt wie ein Brennglas auf."

"Es gibt keine einheitlichen Routinen"

Laut Studie haben 14 Prozent der Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihre eigene technische Ausstattung kritisch betrachtet. Die technischen Geräte selbst seien dabei aber gar nicht so sehr das Problem gewesen, sagt Lena-Sophie Müller, sondern vor allem seien eine fehlende Unterstützung von Seiten der Schulen, eine mangelnde Digitalkompetenz der Lehrkräfte und zu viele und zu unkoordinierte Kommunikationswege als problematisch angesehen worden. "Wir sehen, dass es keine einheitlichen Routinen gibt, wie Unterricht auf Distanz gestaltet werden kann."

Man müsse sich jetzt bewusst machen, dass diese falsche Ausrichtung der aktuellen Infrastruktur und der Lernroutinen zu zwei Problemen führe, sagt Lena-Sophie Müller. In der anhaltenden Pandemie könne jederzeit wieder Homeschooling erforderlich werden. Wenn die Rahmenbedingungen dann weiterhin so seien wie am Anfang der Coronapandemie, sei das "fast fahrlässiges Verhalten der Verantwortlichen", sagt Lena-Sophie Müller.

Eine junge Frau mit dunklen langen Haaren spricht in ein Mikrofon. (picture alliance/dpa/Andreas Gebert)Lena-Sophie Müller: "Es muss ganz klare Vorgaben und Regeln geben." (picture alliance/dpa/Andreas Gebert)
Zudem müssten jetzt auch mittel- und langfristig die Weichen für eine moderne Bildung gestellt werden und die müssten an die regionalen Gegebenheiten und Unterschiede in Deutschland angepasst sein. "Ein Zukunftsmodell wird eine Kombination aus Präsenz- und Digitalunterricht sein."

Dafür müssten mehrere "Stellschrauben" berücksichtig werden, sagt Lena-Sophie Müller: Ein WLan-Zugang, Dienstgeräte für Lehrkräfte und Geräte für Schülerinnen und Schüler und eine professionelle IT-Administration. Außerdem müsse es eine zeitgemäße und kontinuierliche Fort- und Ausbildung geben und die Lerninhalte und die Lernroutinen müssten angepasst werden. Man könne nicht mehr mit abfotografierten Arbeitsblättern arbeiten, die dann per Email weitergeschickt werden, sagt Lena-Sophie Müller.

"Lehrkräfte müssen jetzt einen Crashkurs bekommen, wie sie ein interaktives Unterrichtsformat auch auf Distanz gewährleisten können." Außerdem müssten Lehrkräfte eine Sicherheit haben, dass sie Inhalte aus Datenschutzgründen auch verwenden dürfen. "Es muss ganz klare Vorgaben und Regeln geben, was möglich ist, und es muss lösungsorientiert sein."

(jde)

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