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Fazit / Archiv | Beitrag vom 30.05.2016

Digitales Pergamon-MuseumEintauchen in alte Welten

Von Christiane Habermalz

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Das sogenannte Aleppo-Zimmer im Museum für Islamische Kunst des Pergamonmuseums Berlin. (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)
Das sogenannte Aleppo-Zimmer im Museum für Islamische Kunst des Pergamonmuseums Berlin. (picture-alliance/ ZB / Soeren Stache)

Auf der Museumsinsel in Berlin gibt es einen Vorgeschmack auf das Museum der Zukunft: Im Pergamonmuseum werden die Ausstellungsstücke digitalisiert und so als 3D-Objekte erfahrbar gemacht. Die "Augmented Reality" ermöglicht den Besuchern so einen anderen Blick.

Wie wird das Museum der Zukunft aussehen? Werden sich künftige Generationen noch für historische Artefakte interessieren, die nicht animiert sind, sich nicht über Bildschirme bewegen und dreidimensionale Räume bevölkern? Ein Besuch im Digitalisierungsprojekt ZEDIKUM auf der Berliner Museumsinsel ist wie ein Blick hinter die Kulissen der Museen der Zukunft. "Augmented Reality" heißt das Stichwort.

Ein 3000 Jahre altes Rollsiegel in einer Vitrine ist ein 3000 Jahre altes Rollsiegel. Betrachtet man es jedoch durch den Bildschirm seines Smartphones, Tablets oder wie auch immer die digitalen Endgeräte der Zukunft sein werden, dann ploppt eine Karte des alten Sumererreiches auf, erscheinen Jahreszahlen und bunte Landschaften.

Bereits bei der Neueröffnung des Pergamonmuseums im Jahr 2025 könnten viele dieser schönen neuen Vermittlungsformen schon umgesetzt sein, hofft Markus Hilgert, Direktor des Vorderasiatischen Museums und ZEDIKUM-Projektleiter.

"Museum ist immer ein körperliches Erleben, das ist gleichzeitig ein emotionales und ein intellektuelles Erleben, und ich glaube, dass wir jetzt Erlebnis-Möglichkeiten schaffen können, die wir bislang in dieser Form nicht nicht schaffen konnten. Ohne auf das andere verzichten zu müssen. Niemand zwingt Sie, mit diesen Hilfen oder mit diesen Zusatzangeboten durchs Museum zu gehen. Aber Sie können es."

Beispiel Ischtartor. Jetzt läuft der Besucher einfach durch die eindrucksvolle blaugekachelte Prozessionsstraße des antiken Babylons. Künftig, erläutert Hilgert, wird er das Bauwerk gleichzeitig zu verschiedenen Zeiten seiner Geschichte erleben können. Im Irak sind heute noch frühere Bauphasen der Prozessionsstraße erhalten.

Ungeahnte Möglichkeiten für die Wissenschaft

"Diese Baustufe, die heute noch zu sehen ist in Babylon, die ist von Cy-Arch digitalisiert worden mit 3-D-Technologie, und jetzt haben wir auch unser Ischtar-Tor und unsere Prozessionsstraße 3-D-digitalisiert, und die Idee ist schon, diese verschiedenen Digitalisate zusammenzuführen, auch gegebenenfalls mit Objekten, die in diesem Kontext gefunden wurden, damit sich der Besucher eben auch digital, virtuell durch die verschiedenen Bauphasen des Ischtartors bewegen kann. Und damit eben auch einen Eindruck von der Technologieentwicklung und der Architekturgeschichte im alten Orient hat."

Auch für die Wissenschaft eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten. Eine in 1000 Scherben zerborstene Keramikvase kann eingescannt und am Rechner zusammengepuzzelt werden. Fehlende Stellen werden einfach am Computer berechnet und im 3-D-Plotter ausgedruckt.

Oder Keilschrifttafeln: Die Keilschrift ist eine dreidimensionale Schrift, ihre Zeichen wurden mit einem Griffel in weichen Ton gedrückt. Auf einem einfachen Foto sind sie kaum zu lesen. Im dreidimensionalen Scan eines Streiflichtscanner tritt die Schrift wunderbar plastisch hervor.

Statt die kostbaren Originale an die Forscher herauszugeben, wie das bislang zumeist noch getan wird, können die Tafeln künftig wie in einer Art E-Bibliothek digital gelesen werden.

Für Herrmann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ist die 3-D-Digitalisierung sämtlicher archäologischer Objekte die größte Herausforderung für die Zukunft. Seine Vision: Das Museum der Zukunft ist offen für alle.

Hermann Parzinger: "Alles zu haben, wird letztlich nur von der Wissenschaft genutzt, nicht vom Besucher der Museen, aber klar ist, dass die Dinge, die digital zur Verfügung stehen, dann unentgeltlich für jedermann zur Verfügung stehen sollen. Für den Forscher, für den Studierenden, für den Schüler, für jeden an Kunst und Kultur Interessierten."

Triumphbogen von Palmyra in London 

Das Projekt, verkündet Parzinger froh, ist bis Ende des Jahres finanziert mit 400.000 Euro aus dem Etat der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, doch langfristig soll weiter digitalisiert werden. Vier Mitarbeiter arbeiten hier ständig, sie entwickelten u.a. auch eine Scan-Technologie für Kriegs- und Krisenländer, die kostengünstig und transportabel ist. Denn 3-D-Digitalisierung ist auch Kulturgutschutz, sagt Parzinger.

Erst vor kurzem stand in London auf dem Trafalgar Square die Replik des Triumphbogens von Palmyra, den der IS vergangenes Jahr in die Luft gesprengt hatte. Etwas kleiner als das Original, aber äußerst detailgetreu, ausgedruckt in 3D. Ein kurzer Stinkefingerzeig in Richtung IS – nach drei Tagen wanderte das Portal weiter nach Dubai und nach New York.

Doch welche Rolle spielt bei so viel Virtual Reality am Ende noch das Original - das ohnehin angesichts der vielen Besuchergruppen, die mit Audioguides und Smartphone durch die Museen laufen, immer mehr in den Hintergrund zu treten scheint? Warum soll ein Besucher sich noch ins Museum bemühen, wenn er auf dem Bildschirm zuhause alles viel schöner und detaillierter anschauen kann?

Hermann Parzinger macht sich deswegen keine Sorgen. Ohne die Aura des Originals geht es nicht, betont er.

"Kein noch so phantastisches 3-D-Digitalisat kann diesen Raumeindruck einfach ersetzen. Die Stufen hochzugehen, vor dem Pergamonaltar zu stehen, vor die Friese zu treten."

Obwohl…

"Andererseits wenn Sie es dreidimensional haben, dann können Sie natürlich das Fries auch drehen wie wir es hier gesehen haben, hinter die einzelnen Skulpturen gucken, von der Seite betrachten…"

Da ist sie wieder, die Faszination der 1000 digitalen Möglichkeiten. Parzinger lebt sie schon. Jedenfalls virtuell.

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