Dieter Hildebrandt: Legende von "Kir Royal" zu schweres Gepäck für Dietl-Film

Hildebrandt gab bereits in "Kir Royal" in den 80ern den Herbie Fried. © AP
Dieter Hildebrandt im Gespräch mit Andreas Müller · 02.02.2012
Der Kabarettist Dieter Hildebrandt hat die harsche Kritik der Medien an Helmut Dietls neuer Filmsatire "Zettl" relativiert: Die Kritiken seien "mit der Wut der Enttäuschung geschrieben". Hildebrandt, der im Film als Paparazzo Herbie Fried zu sehen ist, sagte, keiner habe "den Film, den er erwartet hat, bekommen."
Andreas Müller: Heute kommt "Zettl" in die Kinos, ja, und es ist eine Fortsetzung wohl dann doch von "Kir Royal", der legendären Fernsehserie der 80er-Jahre, auch wenn Regisseur Helmut Dietl stets beteuert, "Zettl" sei genau dies nicht. München wurde gegen Berlin getauscht, die Schickeria gegen die Polit-Szene, Bully Herbig spielt die Titelrolle und mit dabei ist auch wieder der inzwischen 84-jährige Dieter Hildebrandt, so etwas wie der heimliche Star des Films. Bevor wir mit ihm über Berlin, die Dreharbeiten und Politsatire sprechen, stellt Bernd Sobolla "Zettl" kurz vor.

Tja, und jetzt ist er am Telefon, Herbie Fried beziehungsweise Dieter Hildebrandt. Schönen guten Tag!

Dieter Hildebrandt: Ja, guten Tag!

Müller: Muss man in Berlin nerviger und penetranter sein als in München?

Hildebrandt: Muss man gar nicht, nein. Die Geschichte, die uns da passiert ist, beziehungsweise mir ja auch mit passiert ist, liegt wohl daran, dass die allgemeine Empörung aufgekommen ist, weil keiner den Film, den er erwartet hat, bekommen hat. Die Münchner wollten einen Münchenfilm und die Berliner einen Berlinfilm, und nun haben wir beides nicht gemacht, und jetzt ist es natürlich … jeder sagt: Das ist der Film nicht, den ich erwartet habe. Und dann kommt noch die alte Legende von "Kir Royal" als schweres Gepäck, und die ist schwer zu schultern.

Müller: Über die Kritik reden wir gleich noch. Lassen Sie uns vielleicht noch mal beim Städtevergleich bleiben, München und Berlin. Natürlich waren die 80er eine ganz andere Zeit, aber ist die Hauptstadt so komisch wie München, kann sie das sein?

Hildebrandt: Natürlich, die Hauptstadt kann nicht so komisch sein, weil München ist eine Kleinstadt damals schon gewesen und heute immer noch. Und da brachen dann natürlich alle dann - weil es die heimliche Hauptstadt war, wenn ich mich erinnere, das ist, glaube ich, vom "Spiegel" und vom "Stern" damals erfunden worden -, und da kamen natürlich alle nach München, Freizeitwert sehr hoch, und dann die Berge, und dann viel Geld konnte man verdienen. Da kam eine Gesellschaft zusammen, die war interessant, die war natürlich auch korrupt in sich und auch teilweise sehr, sehr komisch.

Und Berlin kann gar nicht so komisch sein. Berlin ist ja auch noch immer keine große Stadt. Diese 40 Jahre Trennung verlieren sich doch nicht in 20 Jahren. Und in diesem Sinn beginnt es eben nicht mit dem Brandenburger Tor und Berliner Melodien, sondern mit New York. Und das soll nur die erste ironische Pointe sein, und das ist für mich auch eine gewesen. Denn als dieser Hubschrauber da vor der nachgemachten Skyline, die wohl Manhattan sein soll, anfing, habe ich gelacht.

Müller: Das ist interessant, dass nämlich viele dieser Dinge - Sie haben es ja eben gesagt - die enttäuschten Erwartungen sind. Und ich kann mich gut dran erinnern, als vor 20 Jahren es hieß, Berlin könne gar nichts anderes werden als das New York der nächsten Jahre beziehungsweise das New York Europas. Hat nicht ganz geklappt, weil ein Regierender Bürgermeister schließlich mal feststellen musste: Wir sind zwar arm, aber dafür sexy. Also wir sind nicht sonderlich schick und auch nicht reich. Das ist dann immer noch München, vermute ich.

Hildebrandt: Ja, Moment, Berlin ist immer noch im Wachsen, Berlin ist immer noch in der Entwicklung. Es ist durchaus nicht unmöglich, dass Berlin eine richtige große Hauptstadt und eine Riesen-City wird. Das fängt ja an, also irgendwo braucht das eben Zeit, weil es gibt ja immer noch von allem zwei. Man sagt ja immer noch in Berlin, man geht rüber, man fährt rüber. Es gibt zwei Mitten, Kudamm, KaDeWe, Charlottenburg, und das sogenannte Mitte-Berlin, Gendarmenmarkt, Unter den Linden, Friedrichstraße, Deutsches Theater. Zwei Problemzonen gibt es auch: Neukölln, Kreuzberg auf der einen Seite und auf der anderen wieder Lichtenberg und so weiter. Es gibt drei Opern, es gibt alles zweimal. Und es gibt auch zwei verschiedene Arten, diese Stadt zu lieben oder zu entwickeln.

Müller: Dietl hat sich ja Hilfe geholt mit Benjamin von Stuckrad-Barre, der seit Jahren ja eigentlich Berliner Mitte lebt, dann auch da wieder rausgeht und mal drauf guckt. Dietl selbst sagt, dass er Berlin nicht so richtig mag, also zwei verschiedene Blicke auf diese Stadt - trübt das oder schärft das den Blick, also wenn man sagt, nach drei Wochen geht mir das hier auf die Nerven, so wie Dietl das tut?

Hildebrandt: Ich weiß nicht, was ihm da geschehen ist, weil ich Berlin auch sehr nahe, und wohne auch hier sehr lange und habe 23 Jahre dort gearbeitet. Mir liegt Berlin nahe, und ich weiß gar nicht, woher seine Ablehnung kommt. Ich habe ihn auch mal gefragt, aber er konnte mir auch keine überzeugende Antwort geben. Es ist halt die Ablehnung eines eingefleischten Münchners, und da kann man nichts machen.

Müller: Heute läuft "Zettl" an, der neue Film von Helmut Dietl, mit dabei in der Rolle des Paparazzo Herbie Fried ist Dieter Hildebrandt. Sie waren am Dienstag, Herr Hildebrandt, in – bezeichnenderweise – München bei der Weltpremiere. Gestern war dann große Galapremiere in Berlin. Wie kam der Film in München an?

Hildebrandt: Na ja, die Schilderung der Zeitungen ist ja nicht ganz falsch, so eine richtig jubelnde Premiere war es natürlich nicht. Es war wohl etwas Enttäuschung, sie hatten wohl irgendwie die Fortsetzung doch erwartet. Obwohl wir immer alle gesagt haben, nein, nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, war mir klar, man kann auch eine sechsteilige Fernsehserie nicht mit einem Film ersetzen, das kann man nicht. Wenn 80 Minuten Zeit sind, kann man nicht eine solche Geschichte wie "Kir Royal" entwickeln. Und das wussten wir doch alle, und wir haben es schon befürchtet, dass dieser Ballast … der ist nicht zu schleppen von einem Film.

Müller: Aber es ist ja wirklich so harsch. Die Kritik hat den Film weitgehend regelrecht vernichtet. Die "FAZ" lässt kein gutes Wort am Drehbuch, das Dietl wie gesagt mit Stuckrad-Barre zusammen geschrieben hat, lässt kein gutes Haar an den Schauspielern, ich zitiere mal: "Götz George als Bundeskanzler eine Totgeburt, Hanns Zischler als Vizekanzler teddybärenböse, Gert Voss als Promi-Arzt verzettelt." "Die Zeit" hat immerhin eine "brillante, aber trotzdem seelenlose Satire" gesehen, und das sind noch relativ harmlose Kritikeräußerungen. Es wurde draufgeschlagen mit einer - ich habe es eben gesagt - noch nie gelesenen Brutalität. Wie kommt das? Das muss mehr sein als enttäuschte Erwartung.

Hildebrandt: Man muss immer die richtigen Zeitungen lesen. Ich habe mir zum Beispiel die "FAS" gelesen, und da hat Claudia Seidel geschrieben. Diese Kritik natürlich hebt sich von allen anderen ab, sie geht der Sache genau auf den Grund und hatte auch lobend und es nicht mit dieser Wut geschrieben, mit der die anderen Kritiken geschrieben wurden. Das ist die Wut der Enttäuschung und vielleicht auch haben sie an den Schauspielern sich falsch gerächt. Weil wegen dieser Schauspieler, da war ich ganz stolz, mitspielen zu dürfen. Ich habe sie auch bewundert, also ich sah keinen schlechten Schauspieler dort, in diesem Ensemble.

Müller: War es das, was Sie gereizt hat, wieder mitzumachen?

Hildebrandt: Ja, selbstverständlich. Also wenn Sie diese Garde - vor allen Dingen Gert Voss, für mich einer der größten Theaterschauspieler, den es in Deutschland gegeben hat, mit dem eine Szene zu haben, da schmeiße ich alles andere weg.

Müller: Dieser Film ist ja dann aber auch sehr aktuell, denn Medien und Politik, da erleben wir gerade einen Machtkampf zwischen einigen Zeitungen und dem Bundespräsidenten. Wie nehmen Sie die Berliner Republik, diese Mitte, an diesem Punkt wahr?

Hildebrandt: Na, ich bin ein bisschen verwundert, weil ich hatte schon mit den Auswirkungen der legitimierten Korruption über viele, viele Jahre gelebt. Ich meine, ich lebe ja in Bayern, und ich weiß ja, dort ist sie legitim, und ich habe die Strauß-Erfolge alle erlebt, und ich weiß, man soll sich nicht allzu sehr aufregen. Aber nun ist es bei einem Bundespräsidenten ein bisschen anders noch, wenn er ungeschickt ist.

Und ich mag keinen ungeschickten Bundespräsidenten, weil wir haben doch so viele Angebote. Warum müssen wir den nun haben, der nun also auch noch alles Mögliche mitschleppt aus seiner Vergangenheit, was jetzt langsam rauskommt. Der kann auch gar nicht zurücktreten, weil die Kanzlerin steht hinter ihm. Also ich bin ein wenig - weiß Gott, ich kann noch immer ein bisschen lachen, das geht schon. Aber ein bisschen verkniffen ist es schon, das Lachen.

Müller: Was würde Herbie Fried für ein Foto mit dieser Geschichte machen, tatsächlich die Kanzlerin, die hinter dem Bundespräsidenten steht. Man sieht sie dann wahrscheinlich gar nicht.

Hildebrandt: Herbie Fried - wenn ich als Herbie Fried jetzt dieses Drama fotografieren würde, würde ich ohne eine Figur auskommen, ich würde nur dieses Haus fotografieren.

Müller: Das Haus in Wulffs Heimat?

Hildebrandt: Ja. Ich meine, der Anlass für die ganze Tragödie ist dieses furchtbare Haus, in dem doch tatsächlich diese Leute wohnen wollten, das verstehe ich gar nicht.

Müller: Tja, vielleicht müssen wir in Sachen Skandalen tatsächlich noch ein bisschen nachholen, mit dem internationalen, mit dem Weltniveau.

Hildebrandt: Wer zahlt denn so ein Haus mit so viel Geld und von wem kommt das Geld? Das ist ja immer noch nicht ganz klar.

Müller: Das war dann Dieter Hildebrand und nicht Herbie Fried. Er ist mit vielen anderen Schauspielern, großen deutschen Schauspielern ab heute in Helmut Dietls neuem Film "Zettl" zu sehen. Herr Hildebrandt, haben Sie vielen Dank!

Hildebrandt: Danke auch!

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