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Vollbild | Beitrag vom 31.10.2020

Die Zukunft der Kinos"Der Kampf gegen Streamingdienste wäre der falsche Weg"

Lars Henrik Gass im Gespräch mit Susanne Burg

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Ein Sofa, davor eine Leinwand und ein Videoprojektor. (Getty Images / Guy Bouchet)
Die Zukunft des Kinos war schon vor der Coronakrise eine vieldiskutierte Frage (Getty Images / Guy Bouchet)

Wieder müssen die Kinos coronabedingt schließen. Doch auch so spielten sie als klassische Verwertungsstätten für Filmproduktionen eine immer geringere Rolle, sagt Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.

Susanne Burg: Es herrscht Untergangsstimmung in der deutschen Filmbranche. Die Umsätze im Kino waren in den letzten Monaten schon katastrophal, und nun machen die Kinos wieder zu. Ein Hilfsfonds des Staates soll das Schlimmste abwenden, aber müssen Kinos vielleicht auch grundsätzlicher umdenken? Darüber spreche ich nun mit jemandem, der sich schon seit Jahren darüber Gedanken macht, mit dem Autor und Kurator Lars Henrik Gass, Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen.

Sie haben im April gesagt, ich zitiere: "Die Krise wird eine Menge Verlierer haben. Die Kinos gehören dazu, weil es die Politik versäumt hat, diesen eine wirklich zukunftsfähige Perspektive zu geben." Hat sich seitdem etwas getan?

Gass: Ich finde es völlig legitim, in der Not zu helfen. Das ist richtig und wichtig, aber es wurde versäumt, dem Kino eine Zukunftsperspektive zu geben, und zwar von beiden Seiten – von der Kulturpolitik, aber auch von den Kinobetreibern und den Verbänden selbst, die im Grunde an veralteten Geschäftsmodellen festhalten und eigentlich einer nicht mehr zeitgemäßen Kinovorstellung anhängen.

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Den Kampf gegen die Mediatheken, gegen die Streamingdienste halte ich wirklich für den absolut falschen Weg. Man kann nicht anderen vorwerfen, dass sie erkennbar etwas Richtiges machen und auf eine Nachfrage treffen. Denn diese Nachfrage ist ja dadurch bedingt, dass wir ein komplett verändertes Freizeitverhalten schon vor Corona hatten – bedingt durch deregulierte Arbeitsverhältnisse, bedingt durch die Möglichkeiten des Internets und vieles andere mehr.

Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten

Burg: Das heißt, Sie plädieren dafür, dass die Kinos sich auch Onlineangeboten mehr öffnen?

Gass: Das ist das eine. Aber ich denke, dass sich Kulturpolitik die Frage stellen muss, wie sie künftig mit der kulturellen Praxis Kino verfahren möchte. Immerhin sprechen wir hier von einer Hervorbringung des 20. Jahrhunderts, die einigermaßen einzigartig ist in ihrer Beschaffenheit und in ihren mediengeschichtlichen Besonderheiten, in einem dunklen Raum dazu gezwungen zu sein, über ein, zwei Stunden sich etwas anzuschauen.

Wir erkennen jetzt, dass die gewerbliche Auswertung von Filmen im Kino keine Perspektive mehr hat und sich zunehmend in andere Bereiche bewegt, natürlich insbesondere in den Bereich der Mediatheken. Ich denke, dieser Prozess ist durch keine Maßnahme wirklich aufzuhalten. Aber man kann dieses Moment der natürlichen Musealisierung, des Historisch Werdens von Kino eigentlich nutzen, um diesen Prozess zu strukturieren und in vernünftige Bahnen zu bringen. Die Kulturpolitik steht möglicherweise vor der Entscheidung, das dem Markt auch wirklich zu überlassen, was behauptet, ein Angebot für den Markt zu sein, also auf eine Nachfrage zu treffen.

Dann muss man auch damit leben, dass eine Vielzahl der Kinos über kurz oder lang verschwinden wird und auf der anderen Seite die kulturelle Praxis in Form von Kinematheken und besonderen Orten, auch im ländlichen Raum, zu erhalten, so wie man das für die bildenden Künste, für die darstellenden Künste und für vieles andere über viele Jahre schon getan hat und tut.

Burg: Wie will man diese Trennung herstellen, die Sie aufmachen zwischen erhaltenswertem Kulturort, der auch gefördert wird, der Kunst und auf der anderen Seite der kommerziellen Auswertung, dem Kommerz?

Gass: Das ist etwas, das zum Kern der Sache führt, nämlich dieser hybride Status des Films. Wenn man es sich genau betrachtet, haben wir in der Kunst auch, insbesondere der zeitgenössischen Kunst. Nehmen Sie einen Gerhard Richter: Kein Mensch würde auf die Idee kommen, eine Kunstmesse öffentlich zu fördern, sondern das ist ein Bereich, den wir dezidiert als ein Marktgeschehen ansehen und es auch entsprechend behandeln, wohingegen es ein ganz natürlicher Vorgang ist, einen Gerhard Richter oder ähnlichen Künstlern in großen Museen Retrospektiven zu widmen und diese öffentlich zu fördern und in geschützten Räumen des Museums entsprechend auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das sind Doppelstrategien, die wir aus anderen Bereichen auch kennen und die ich einfach reklamiere für das Kino. Sie müssen sich mal die Verhältnisse anschauen: Wir haben in diesem Land in jeder Stadt ein Theater.  Die Filmmuseen können Sie an einer Hand in diesem Land abzählen – das sind die Verhältnisse, vor denen wir stehen. Das hat nichts damit zu tun, beides gegeneinander aufzurechnen, sondern es zeigt etwas über Verhältnisse und wie wir mit unserer eigenen Mediengeschichte umgehen.

Kino neu erfahren

Burg: Ist dabei nicht auch ein Bedeutungsverlust des Kinos ein Problem? Wie könnte man dem entgegenwirken?

Gass: Ich denke, dass man dies nur in einem Prozess der Vermittlung tun kann. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat über Jahrzehnte massiv zum Bewusstsein über Filmgeschichte beigetragen, sei es dadurch, dass Filmgeschichte im Fernsehen zu sehen war, oder dadurch, dass Filmgeschichte überhaut entstehen konnte. Der neue deutsche Film ist ohne das öffentlich-rechtliche Fernsehen eigentlich gar nicht vorstellbar. Das ist mittlerweile schon gar nicht mehr der Fall. Wichtig ist jetzt, diese Schwellenerfahrung von Kino neu zu ermöglichen und im öffentlichen Raum zu halten. Da kommt den Kulturbauten, insbesondere einer progressiven Vorstellung von Kulturbauten, eine ganz neue Rolle zu. 

Was versäumt wurde, ist, den Anschluss zu suchen an progressive Kulturbauten, die wir für Museen insbesondere, aber auch durchaus für Opernhäuser immer wieder geschafft haben – denken Sie an Sydney, denken Sie selbst an die Elbphilharmonie. Dass man Leute für eine bestimmte Kunstsparte interessiert dadurch, dass man ihnen Schwellenräume, auch faszinierende Räume, Räume mit Aufenthaltsqualität, mit einer gewissen sozialen Dynamik und so weiter ermöglicht. Das muss man für das Kino neu leisten. Das ist ein Prozess, für mich ist das kein Angstbegriff der geregelten Musealisierung, in dessen Verlauf man für Kino und Film einfach eine ganz neue Aufmerksamkeit gewinnen kann. Zum Beispiel ein Bau wie das "Eye" in Amsterdam, das Filmmuseum, ist durchaus auf dieser Linie gedacht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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