Samstag, 28.11.2020
 

Musikfeuilleton | Beitrag vom 30.10.2020

Die Wiederkehr des politischen Liedes in den USASongs of Love and Protest

Von Michael Groth

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Großaufnahme eines historisch anmutenden Mikrofons, hinter dem eine Frau steht und singt. (imago images / ZUMA Wire / Karen Focht)
Am 23. Januar 2020 fand in New Orleans die Folk Alliance International statt, bei der auch The Rainbow Girls of Valley Ford auftraten. (imago images / ZUMA Wire / Karen Focht)

Die Zahl der Musikerinnen und Musiker in den USA, die sich das politische Lied auf die Fahne schreiben, wächst. Michael Groth hat das Festival "Folk Alliance 2020" in New Orleans besucht.

Die "Black Lives Matter" Bewegung ist lange über ihre ursprüngliche musikalische Grundierung im Rap und Hip-Hop hinausgewachsen. Weiße wie afro-amerikanischen Singer/Songwriter greifen zunehmend politische Themen auf.

Gründervater des politischen Liedes - Woody Guthrie

Woody Guthrie ist der "Gründervater" des politischen Liedes in den USA. Er spielte für die Migranten, die in den 1930er-Jahren den Mittleren Westen des Landes verließen und nach Kalifornien zogen, weil sie zu Hause verhungert wären. Er kämpfte mit seinen Songs gegen Unrecht und Not.

Ein Mann mit Mütze sitzt vor einer Tür und spielt auf einer Gitarre, die die Aufschrift "THIS MACHINE KILLS FASCISTS" zu sehen ist. (imago images / UIG)Woodrow Wilson Woody Guthrie - so lautete der vollständige Name der Musikerlegende. (imago images / UIG)

Die "Folkies" der Ostküste nahmen seine Worte und Lieder in den 1950-er und 1960-er Jahren auf und entwickelten sie weiter. Anlässe gab es genug: den Krieg in Vietnam, Bürgerrechtsverletzungen nicht nur in den Südstaaten und Richard Nixon im Weißen Haus, ein Präsident, der dem Amtsenthebungsverfahren nach dem Watergate-Skandal nur durch seinen Rücktritt zuvorkam.

In den Augen der Singer/Songwriter, um die es in dieser Sendung geht, wurde die Welt in den späten 1960-er und 1970-er Jahren zwar nicht überall gut, aber besser. Es folgte ein Rückzug ins Private. Ein Rückzug, der sich musikalisch darin zeigte, dass viele ehemalige Folksänger ihre akustischen Gitarren gegen elektrisch verstärkte Instrumente austauschten.

Das Private ist wieder politisch

Doch seit einigen Jahren schon werden sich die "Folkies" und Singer/Songwriter ihrer Verantwortung zunehmend bewusst. Sie schreiben politische Texte und sprechen ihre Hörer mit denkwürdigen Geschichten an, die klare Botschaften vermitteln. 

Starke Statements

Diana Jones aus New York:

"Ich glaube, 2016 wussten viele Künstler einfach nicht so recht, was sie sagen sollten. Alles, was wir sagen konnten, erschien klein angesichts dieser Katastrophe. Ich dachte, die kommenden Jahre werden tragisch. Deshalb war es wichtig, über die besonderen Geschichten dieser Zeit zu schreiben. Ich fuhr an die mexikanische Grenze, und besuchte ein Lager für Flüchtlingskinder. Diese Kinder saßen in Käfigen, es war ein Gefangenenlager. So entstehen Traumata, die lebenslang andauern und dann vielleicht sogar an andere Generationen weitergegeben werden."

Weg von der bloßen Unterhaltung

Eliza Gilkyson, seit Jahrzehnten eine der bekanntesten Singer/Songschreiberinnen der USA, meint: "Die Musiker verspüren das Bedürfnis, sich zu wehren. Das war lange nicht so. Musik soll vor allem unterhalten, aber jetzt scheint es, dass wir uns gegenseitig unterstützen müssen und versuchen, eine Gemeinschaft aufzubauen. Heute will jeder über politische Themen schreiben – unsere Gesellschaft ist gespalten, das betrifft auch die Kunst.

Eine Frau mit kurzen grauen Haaren steht auf einer Bühne mit Mikrofon und spielt Gitarre. (imago images / ZUMA Wire)Eliza Gilkyson 2011 in Memphis. (imago images / ZUMA Wire)

Wenn Du das Publikum zunächst nur sensibilisieren willst für Dein Anliegen, wenn Du den weitverbreiteten Zynismus bekämpfen willst, dann musst Du Dich mit Geschichten oder persönlichen Erzählungen beschäftigen, die bewegend und berührend sind. Das ist oft besser als jede gehämmerte Botschaft."

Impuls fürs Mitsingen

Doug und Telisha Williams aus Nashville, die sich "Wild Ponies" nennen, haben schon lange politische Lieder im Repertoire. Nun, so die beiden, werden diese Songs wieder wichtiger:

"Die Songs erfüllen verschiedene Funktionen. Da ist das Mitsingelement. Es ist eine kraftvolle Sache, viele Stimmen zusammenzubringen. Das kann eine bewegende Erfahrung sein. Ein anderes Mal besteht die Rolle des Liedes einfach darin, eine einzelne Person dazu zu bringen, ein wenig nachzudenken, eine Sekunde innezuhalten und eine andere Perspektive einzunehmen... Nur bitte keine Liedchen ohne Sinn. Dies ist nicht die Zeit für Harmlosigkeiten. Das ist eine Zeit, in der Lieder etwas bedeuten sollten."

Bittere Erinnerungen

In der Sendung ist ebenfalls Grant Peeples, Singer/Songwriter aus Florida, zu hören, und die Erinnerungen der 81-jährigen Mavis Staples, die bis zu deren Auflösung Mitglied in der Familienband der "Staple Singers" war. Ihr Vater hatte die Gewalt gegen seinesgleichen in den 60-er Jahren miterleben müssen.

Mit Musik die Jugend feiern und die Alten verehren

Die afroamerikanische Sängerin und Banjo-Virtuosin Rhiannon Giddens hielt im Januar – kurz bevor der Virus zuschlug - eine Rede auf dem Jahrestreffen der "Folk Alliance" – einer weltweiten Organisation von Musikern. Ihre Worte gaben Hunderten von Gleichgesinnten Hoffnung für den Endspurt in einem Rennen, das sich in wenigen Tagen entscheiden wird.  

Eine junge Frau mit rot gefärbten Haarspitzen singt und spielt ein Zupfinstrument auf einer Freilichtbühne. (imago images / ZUMA Press / Daniel DeSlover)Rhiannon Giddens am 28.04.2017 beim Music Festival in Indio California. (imago images / ZUMA Press / Daniel DeSlover)

"Ist das nicht der Sinn der Volksmusik, die unzähligen kleinen Geschichten, die wir ansonsten nicht erfahren würden? ... Diesmal sind wir nicht nur die Stimme der Unterdrückten. Diesmal geht es um den Kampf gegen eine Lebensweise, die wenigen auf Kosten von vielen nützt. Dazu brauchen wir Lieder. Musik ist eine mächtige Sache. Wir sind Beobachter, und wir sind auch Macher. Wir müssen unseren Mut behalten. Feiern wir die Jugend und verehren wir die Alten. Lasst uns von der Wahrheit singen. Das soll unser letzter Klang sein."

Eine junge Frau mit rot gefärbten Haarspitzen steht auf einer Bühne am Rednerpult, hinter dem das Logo der Veranstaltung zu sehen ist. (Deutschlandradio / Michael Groth)Die afro-amerikanische Sängerin und Banjo-Virtuosin Rhiannon Giddens hält die Key Note bei der Folk Alliance 2020. (Deutschlandradio / Michael Groth)

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