Seit 14:05 Uhr Kompressor

Dienstag, 20.11.2018
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Lesart | Beitrag vom 20.10.2018

"Die Welt des Xi Jinping" und "China verstehen"Parteiendiktatur plus Kapitalismus gleich Wohlstand?

Von Klaus-Rüdiger Mai

Beitrag hören Podcast abonnieren
Zwei neue Sachbücher setzen sich mit dem vielleicht mächtigsten Politiker der Welt, dem chinesischen Staatschef auf Lebenszeit, Xi Jingping, auseinander. (S.Fischer; picture alliance/imageBROKER)
Zwei neue Sachbücher setzen sich mit dem vielleicht mächtigsten Politiker der Welt, dem chinesischen Staatschef auf Lebenszeit, Xi Jingping, auseinander. (S.Fischer; picture alliance/imageBROKER)

Der britische Sinologe Kerry Brown und der österreichische Unternehmensberater Robert Fitzthum erklären in "Die Welt des Xi Jinping" und "China verstehen" den Aufstieg Chinas zur Weltmacht. Einseitig, aber durchaus lehrreich sind beide Bücher.

Vielleicht ist Chinas Staatschef Xi Jingping der mächtigste Mann der Welt, vielleicht teilt er sich das oberste Treppchen mit Donald Trump. Das hängt von der Definition von Macht ab. Viele Wege führen zum Verständnis Chinas, bedenkt man jedoch die Machtfülle Xi Jinpings, der 2017 zum Staatschef auf Lebenszeit ernannt wurde, dann begreift man im Spiegel seines Denkens und Handelns das moderne China. Es war Xi, der den großen Plan mit den zwei strategischen Zielen verkündet hat, dass China 2021 eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand und 2049 ein modernes sozialistisches Land sein soll.

Die Faszination, die für linke und linksliberale Intellektuelle von China ausgeht, besteht darin, dass es im Gegensatz zum europäischen Sozialismus im Reich der Mitte scheinbar gelungen ist, die Diktatur einer Partei, die Verweigerung grundlegender demokratischer Rechte in Kombination mit einer kapitalistischen Marktwirtschaft durchzusetzen. Die Grundlage hierfür bildet das chinesische Ideal der perfekten Einordnung des Einzelnen in das gesellschaftliche Gefüge.

Für eine echte Biografie Xi Jinpings fehlt es an Material

Der Sinologie-Professor Kerry Brown will in seiner knappen Darstellung alles, was man über das neue China wissen muss, dem Leser vermitteln. Seine Grundthese lautet: "China einzubinden ist längst nicht mehr die Frage; China bindet inzwischen uns ein. Sein Scheitern wäre unser Scheitern."

Allerdings vermeidet Brown, eine Biographie Xi Jingpings abzuliefern. Ausgehend von gesicherten biographischen Angaben gewährt der Sinologe Einblicke anhand von Themen wie: Xi als Parteimann, Xis Werte, Xi und das globale China. Er zeigt, dass Xis Denken von vier mächtigen Strömungen geprägt wurde: vom Maoismus, vom chinesischen Nationalismus, vom Pragmatismus und vom Konfuzianismus. Während Mao, das Verdienst zukäme, China geeint zu haben, hätte Deng Xiaoping die große Erkenntnis gehabt: "Ohne materiellen Wohlstand würde der große nationale Traum Chinas niemals von der Stelle kommen."

Einerseits hält Xi in maoistischer Tradition am Primat der Partei als einziger politischer Kraft Chinas fest, anderseits begreift er in der Nachfolge Dengs, dass sich Chinas Aufstieg an die Spitze der Welt nur durch wirtschaftlichen Erfolg in kapitalistischer Weise vollziehen kann. Die Wirtschaftsstrategie Dengs forderte einen hohen Preis. Die Umwelt litt, Armut und Elend nahmen zu und die Korruption zerstörte die Partei.

Armutsbekämpfung und Nationalismus gehen Hand in Hand

Xi erkannte, dass Chinas nationaler Aufstieg nur verstetigt werden konnte, wenn er ein Bündnis mit der Mittelschicht eingeht. Demzufolge führte er eine harte Antikorruptionskampagne durch und verpflichtete die Parteikader, sich nicht wirtschaftlich, sondern nur auf politischem Gebiet zu betätigen. Das Eigentum wird geschützt und auf die Einhaltung der Gesetze geachtet. Das Wirtschaftswachstum verlangsamt sich zwar, doch wurde nun die Mittelschicht in den großen chinesischen Traum, eine führende Nation zu sein, mitgenommen.

An dieser Stelle verliert Brown allerdings die Distanz zu seinem Gegenstand und wird zum Agitator, wenn er schreibt: "Niemand außerhalb von China hat irgendein moralisches oder sonst wie geartetes Recht die Nation, die Xi führt, ihren Augenblick der Erfüllung zu versagen."

Auch nicht, wenn das zur Ausbeutung und Unterdrückung Dritter führt? Brown kritisiert Trump für dessen Nationalismus, übersieht aber, dass die chinesische Art der Globalisierung nationalistisch basiert ist. An dem Patentklau, dem fehlenden Schutz geistigen Eigentums schaut der Autor verschämt vorbei. Dass die Chinesen durch die brutale Ausbeutung der Rohstoffe Afrikas einen Teil der Fluchtursachen schaffen, die die Bundeskanzlerin beständig bekämpfen will, spielt bei ihm keine Rolle.

Kerry Brown preist fast auf jeder Seite, dass Chinas Aufstieg zur mächtigsten Nation ein Segen für die Welt sei, doch kann er nicht erklären, worin der Segen bestehen. Liest man das Buch mit kritischem Blick, stellt es eine gute Einführung in das gegenwärtige China dar.

Ungefilterte Peking-Propaganda beim Unternehmensberater

Auch in Robert Fitzthums Buch "China verstehen" spielt Xi Jingping die zentrale Rolle. Wenn Kerry Brown noch eine gewisse Distanz wahrt, erfährt man aus Fitzthums Buch ungefiltert die offizielle chinesische Doktrin und Argumentation. Ein mit den Werten der Aufklärung lebendes Publikum sucht der Autor über Xis diktatorische Machtfülle zu beruhigen: "Bei der Hervorhebung der besonderen Rolle Xi Jingpings geht es also nicht um 'Personenkult' und 'Machtezementierung', sondern um die Steigerung des Vertrauens in die zentrale Führung sowie um Disziplin, Effizienz und Verantwortung bei der Umsetzung von Beschlüssen."

Robert Fitzthum: "China verstehen" (Promedia Verlag)Robert Fitzthum: "China verstehen" (Promedia Verlag)In dem Projekt der Neuen Seidenstraße sieht der Autor eine die ganze Menschheit beglückende Unternehmung und blendet die machtpolitischen und hegemonialen Ziele aus. Geistiger Diebstahl und Patentklau - was euphemistisch "know-how"-Transfer genannt wird - werden zu einer Art Geschäft erklärt, denn im Gegenzug "gestattet China ausländischen Unternehmen, in China zu investieren, den chinesischen Markt zu beliefern und den Profit, den sie durch die Arbeit chinesischer Arbeiter machen, ins Ausland zu transferieren".

Man stelle sich diese Grundregel für den Welthandel, für eine globalisierte Welt vor, dann würde weder Welthandel, noch eine globalisierte Welt existieren. In diesem Satz führt Robert Fitzthum alles, was er über Chinas positive Rolle, über das Prinzip des gegenseitigen Nutzens sagt, ad absurdum.

Sich mit der chinesischen Perspektive vertraut machen

Das Buch des österreichischen China-Experten ist dennoch nützlich, zumal der Blick auf die Wirtschaft wesentlich konkreter als bei Brown ist. Wirtschaftsdaten und statistische Werte stimmen zumeist, nur folgt die Interpretation der Daten der chinesischen Propaganda. Das Buch wurde aus der Perspektive geschrieben, dass die USA unter Trump einen Wirtschaftskrieg gegen ein unschuldiges und nur seine legitimen Rechte wahrnehmendes China führt.

Um  China zu verstehen, muss man den großen Schritt in das vollkommen andere Koordinatensystem des Geistes wagen. Das gelang beiden Autoren hervorragend. Weit schwieriger scheint es jedoch zu sein, mit dem erworbenen Wissen und den gemachten Einsichten den Schritt wieder zurück in die eigene Denktradition zu machen.

Kerry Brown: "Die Welt des Xi Jinping"
Alles, was man über das neue China wissen muss
Aus dem Englischen von Brigitte Höhenrieder
S.Fischer, 160 Seiten, 16 Euro

Robert Fitzthum: "China verstehen"
Vom Aufstieg der Wirtschaftsmacht und der Eindämmungspolitik der USA
Promedia Verlag, 224 Seiten, 17,90 Euro

Mehr zum Thema

Religionen in China - Angst vor Gott?
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 19.10.2018)

Asien-Gipfel in Brüssel - Chinas Traum ist, eine Weltmacht zu werden
(Deutschlandfunk Kultur, Interview, 19.10.2018)

China - Staatsfernsehen trommelt für Xi Jinping
(Deutschlandfunk, @mediasres, 18.10.2018)

Lesart

Juan Gabriel Vásquez Auf den Spuren der Gewalt
Juan Gabriel Vásquez (Tobias Wenzel)

50 Jahre Gewalt und Leid – in seinem neuem Roman "Die Gestalt der Ruinen" erzählt Juan Gabriel Vásquez von der Ermordung des kolumbianischen Präsidentschaftskandidaten Gaitán 1948. Ein Mord mit verheerenden Folgen für ein ganzes Land.Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur