Die Welt der Spießer

Am liebsten alles überwachen? Der Kleinbürger ist manchmal übertrieben sicherheitsbedürftig. © AP
Rezensiert von Sylke Tempel · 06.07.2008
Er ist piefig, ordnungsliebend, neidisch und auf Sicherheit bedacht: Der Kleinbürger. Joska Pintschovius' "Diktatur des Kleinbürgers" ist aber keine hämische Anklage, sondern ein grandios erzähltes, quellenreiches und überraschendes Werk der Gelehrsamkeit. Fast könnte man Sympathie für diese Spezies entwickeln.
Auf der Autobahn des Lebens ist er der Fahrer eines praktischen Mittelklassewagens. Artig hält er sich ans Tempolimit; Linksfahrer bremst er schon mal aus. Wer zu schnell fährt und das bequem in einer dicken Limousine, muss in seine Schranken gewiesen werden. Denn das Leben ist kein Abenteuer, sondern ein langer, träger Fluss, dessen Lauf nicht durch abweichendes Verhalten gestört werden darf.

"Die Normen, das sind die Tugenden der Kleinbürger: Ordnung, Sauberkeit, sowie jenes Streben nach materieller Sicherheit, mit der ihr zuweilen qualvoller Ehrgeiz motiviert ist. Doch die Strebsamkeit führt sehr bald an Grenzen, denn das kleinbürgerliche Gemeinwesen wird von der Missgunst geleitet und wehe dem, der die Verhaltensnormen nicht einhält und gegen die Gebote der neidverhindernden Anpassung verstößt."

Es wäre ein Leichtes gewesen, dieses pieselige Kerlchen in einem spitzzüngigen Essay abzuhandeln. Ihn als Parvenü zu geißeln, der sich darin aufreibt, die Verhaltensweisen und Affektiertheiten der beneideten höheren Klassen nachzuäffen. Der mit Fleiß nach oben strebt, und dem immer etwas Verbissenes anhaftet. Denn selbst wer ausbricht aus dieser ungeliebten Welt, dem klebt der Hass auf den alten Stand an der Seele wie schwarzes Pech. Und das ist ebenfalls kleinbürgerlich.

Pintschovius aber nimmt seinen Kleinbürger zu ernst, um ihn der Lächerlichkeit preiszugeben. Er folgt ihm durch den Lauf der deutschen Geschichte, in der er geistert wie Virginia Woolfs "Orlando": In immer neuen Gewändern, geschlechts- und geschichtslos, sich selbst aber durchweg treu. Seine Geburt erleben wir außerhalb der Burggefilde des späten Mittelalters, zu deren Verteidigung er nur mit dem Spieß anrücken durfte - daher die Bezeichnung Spießbürger.

Er trägt das samtene Wams des Zunftmeisters, in dem er seine dauerhaften Eigenschaften entwickelt und den Samen unserer heutigen Neidgesellschaft pflanzt: Fürsorglich schützt er seine Zunftgenossen vor den Zumutungen des Konkurrenzkampfs und der Billigproduzenten, denen man buchstäblich das Handwerk legen muss. Er sorgt für strenge Selbstkontrolle und fürchtet zu viel Kreativität und Unangepasstheit.

Wir treffen ihn wieder als Befürworter der französischen Revolution, die ja Volksherrschaft, also seine eigene verspricht. Erschrocken über seine nur zauderliche Courage, zieht er sich alsbald in den heimischen Salon und eine subalterne Beamtenlaufbahn zurück. Aus eigenem Drang steigt er ohnehin nicht für die Freiheit auf die Barrikaden. Lieber folgt er Ideologen. Natürlich begegnen wir ihm als wilhelminischen Untertan, der seine Machtfantasien mit dem Erwerb von ein paar Kolonien in Übersee gestillt wissen will.

Er ist ein widersprüchliches Wesen, dieser Kleingeist. Nichts ist ihm heiliger als Ordnung, Sauberkeit und ein geregelt Auskommen. Und nichts treibt ihn zu größerer Unrast, als das ständige Bestreben, mit Hilfe von Fleiß und vor allem Bildung den Kindern ein besseres Leben an höherer Stelle zu verschaffen.
"Das Kleinbürgertum stand an der Spitze großer historischer Umbrüche, die städtischen Aufstände im Mittelalter, der Bildungsaufbruch im 16. und 17. Jahrhundert, die demokratischen Revolten des 19. und schließlich die Massenbewegungen des 20. Jahrhunderts bezeugen alles andere als Muckertum und Obrigkeitsdenken. Mit Einschränkungen: Missglückte Volksherrschaft verpflichtet nicht zu Konsequenzen. Für die Übernahme historischer Verantwortung finden sich Sündenböcke, da ist man wieder der von der Obrigkeit verführte 'kleine Mann'."

Der verführte kleine Mann. Das war er vor allem, nachdem er im Dritten Reich den Höhepunkt seiner Macht erleben durfte. Im Führer hatte er seinen neuen Messias gefunden. Einen Mann, der es wie kein anderer verstand, den Ehrgeiz des Kleinbürgers zu bündeln und ihm freie Hand im Austoben seiner niedrigsten Eigenschaften zuzubilligen.

"Der nationalsozialistische Staat wusste, die kleinbürgerliche Mitte für ihre Treue zu belohnen, doch der weitaus größere Lohn war es, dass die Führung die miese kleinbürgerliche Lebenswelt zur gesellschaftlichen Norm erhob, Neid und Missgunst beförderte, Außenseitertum dem gesunden Volksempfinden preisgab, das Denunziantentum forcierte, Fremdenhass gestattete und die nachbarschaftliche Kontrolle zur staatsbürgerlichen Pflicht erklärte."

Nichts war mehr, wie es einmal war: nach der Katastrophe. Nun sind wir, so scheint es, in der Republik der Mitte angelangt, es herrscht die Diktatur der Kleinbürger. Die höheren Klassen, an denen er sich über Jahrhunderte zu orientieren trachtete, sind verschwunden oder desavouiert. Das Bürgertum wurde im Dritten Reich fast vollständig zerrieben, dessen klägliche Reste in der Kleinbürgerrepublik DDR vertrieben und in der braven Bundesrepublik mochten sie auch nicht wieder zum Vorschein kommen.

Erwischt, könnte man an dieser Stelle einwenden. Auch Pintschovius will eine direkte Linie von Luther zu Hitler zeichnen und ein Lamento über den unglücklichen deutschen Sonderweg anstimmen. Ist das nicht auch ein wenig althergebracht, einfallslos, gar spießig?

Mitnichten. Pintschovius ist Volkskundler und war bis zu seiner Pension Leiter des Freilichtmuseums Kiekeberg unweit Hamburgs. Er gehört im besten Sinne keiner Zunft an und wagt es vielleicht deshalb, die feinen Salons im Haus der Geschichte links liegen zu lassen um dafür die Hinterzimmer ausgiebig zu erforschen. Man folgt ihm mit Vergnügen. Seine "Diktatur des Kleinbürgers" ist keine hämische Anklage, sondern ein grandios erzähltes, quellenreiches und immer wieder überraschendes Werk der Gelehrsamkeit.

Fast könnte man Sympathie für den Kleinbürger empfinden, der in vielen von uns steckt und dessen Tugenden wie Ordnung und das Streben nach Höherem so schlecht nicht sein müssten. Gäbe es nicht jenen Mangel, der ihn von den Standesgenossen anderer Länder unterscheidet: Ihm fehlt es an Klassenselbstbewusstsein. Der britische Spießer weiß, dass er in einer bescheidenen, aber liebevoll gepflegten Behausung lebt - und erklärt sie augenzwinkernd zum Schloss.

Der Deutsche schielt auf des Nachbarn edlere Hütte und nimmt übel. Er zieht sich beleidigt in die eigenen vier Wände zurück und nennt den Zustand des Schmollens in einer verkitschten Variante echter Tiefe: "Innerlichkeit". Auf seinem Weg durch die Geschichte gingen ihm wesentliche Überlebenselixiere verloren: Humor, Selbstironie, die Fähigkeit auch mal gönnen zu können.

Wie aber befreit man sich aus der Diktatur der Kleinbürger? Man entwickle bitte die Gelassenheit, dickere Schlitten auch einmal neidlos vorbei ziehen zu lassen.

Joska Pintschovius: Die Diktatur des Kleinbürgers
Osburg Verlag, Berlin 2008