Die viereckige Sonne von Greiz

Bei den Demonstrationen gegen das DDR-Regime war auch Günter Ullmann dabei - er war jahrelang von der Stasi verfolgt worden. © AP Archiv
Von Bernd Wagner · 13.05.2012
Der Dichter Günter Ullmann begegnet uns in dieser Biografie als Verfasser einer Lyrik von außergewöhnlicher Dichte und Zartheit, als langhaariger Rebell, als heimlicher Maler und Zeichner und als sich öffentlich bekennender Gegner des Stasi-Regimes, dem die staatliche Verfolgung schwer zugesetzt hat.
Aus dem vier Meter großen Verschlag, in dem Günter Ullmann sein Leben lang schrieb, ging der Blick in einen Hinterhof, den der Dichter folgendermaßen charakterisierte:

der winter
bleibt klein

die sonne hat
vier ecken


Es war die Sonne von Greiz, die Sonne der vogtländischen Provinz. Einer Provinz, die, wie es der Autor unseres Buches ausdrückt, die "dichteste Dichte dissidentischer Dichter" in der DDR hervorbrachte.

Aus dem nur zehn Kilometer entfernten Reichenbach stammen Hans Joachim Schädlich, Jürgen Fuchs und Utz Rachowski, in Greiz selbst lebte lange Zeit Reiner Kunze und eben Günter Ullmann, dem Udo Scheer seine Biographie gewidmet hat. Sie ist nicht nur deshalb von Bedeutung, weil sie einen zu Unrecht wenig bekannten Dichter dem Vergessen entreißt, sondern auch, weil sich in seiner Lebensgeschichte mehrere für seine Generation exemplarische Biographien zu vereinen scheinen, die ein sehr komplexes Bild vom Leben in der großen Provinz namens DDR ermöglichen.

Neben dem Verfasser einer Lyrik von außergewöhnlicher Dichte und Zartheit begegnet uns in Günter Ullmann sowohl ein langhaariger Rebell am Schlagzeug einer gefeierten Rock- und Jazzband als auch ein Vertreter der Arbeiterklasse, der jahrzehntelang auf dem Bau schuftet; sowohl ein heimlicher Maler und Zeichner, dem man die Aufnahme an eine Kunsthochschule verwehrt hat als auch ein sich öffentlich bekennender Dissident, von der Stasi überwacht und durch Zersetzungsmaßnahmen in die Psychose getrieben.

Seinen ersten vehementen Zusammenprall mit der Staatsmacht erlebte er 1968, als durch das Vogtland die Panzer von fünf Warschauer-Pakt-Armeen rollten, um die Tschechoslowakei zu besetzen. Ullmann und seine Freunde von der Gruppe "media nox" hatten sich von Manfred Böhme, später unter dem Namen Ibrahim Böhme als Ministerpräsidentschaftskandidat und Stasispitzel bekannt geworden, bereden lassen, ihren Protest auf das Tragen von Abzeichen mit den tschechischen Nationalfarben zu beschränken.

Böhme, der gewissermaßen die Schattenbiographie zu der von Ullmann liefert, war zu jener Zeit in verschiedenen Funktionen im Greizer Kulturbetrieb tätig, vor allem aber mit der Überwachung von Reiner Kunze beauftragt. Er hatte die Fähigkeit, seine schizoide Disposition auszuleben, indem er sich gleichzeitig als Mitarbeiter der Staatssicherheit und als Teil der Opposition begriff. Günter Ullmann war dies nicht gegeben; einen frühen Anwerbeversuch hatte er zurückgewiesen und wurde seitdem in verschiedenen operativen Vorgängen von den Tschekisten bearbeitet.

Es ist das Verdienst des Biographen, die folgenden historischen Ereignisse und ihre Auswirkungen auf Ullmann und seine Gefährten in all ihrer bedrängenden Fülle darzulegen, ohne dabei die innere Entwicklung seines Protagonisten aus dem Auge zu verlieren. Udo Scheer kommt dabei zugute, selbst Teil der Protestbewegung im nahen Jena gewesen zu sein; seine persönlichen Bindungen ermöglichen ihm ein lebensnahes Bild jener Zeit, in dem sich Erinnerungen der Familienmitglieder und Freunde mit den Berichten der Staatsorgane ergänzen und die schriftlichen und mündlichen Äußerungen des Lyrikers das Zentrum bilden.

HERBST-
FALL

der goldrand gesichtsloser
blätter

mein langsames sterben
am zweig


Das Gedicht zeugt davon, dass aus dem durchaus hoffnungsfrohen jugendlichen Protest die Isolation einsamen und scheinbar aussichtslosen Widerstandes geworden war. Die Mitte der siebziger Jahre hatte auch im Vogtland den Tod der letzten Illusionen gebracht. Reiner Kunze war aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen worden und verließ das Land. Jürgen Fuchs wurde kurz nach der Ausbürgerung Biermanns in Grünheide verhaftet, wo er im Hause Havemanns Zuflucht gefunden hatte.

Günter Ullmann, wie die meisten seiner Freunde, protestiert in einem Schreiben an das ZK der SED und fährt nach Grünheide, um Lilo, der Ehefrau von Jürgen Fuchs, beizustehen. Nachdem er dort festgenommen und verhört wird, forciert die Staatssicherheit ihre Überwachungs- und Zersetzungsarbeit, die nicht ohne Erfolg bleiben sollte. Nach einem weiteren Verhör in Berlin, wohin sich Ullmann als Montagearbeiter hatte versetzen lassen, wird er orientierungslos in den Straßen der Hauptstadt aufgegriffen und in ein Krankenhaus eingeliefert.

Die Frage, ob seine später geäußerte Vermutung zutrifft, man habe ein "Wahrheitsserum" in seinen Kaffee getan, das die Psychose auslöste, ist nicht zu beantworten. Tatsache ist, dass sein Leben in den folgenden anderthalb Jahrzehnten zu einem Martyrium wird, das sich abwechselnd in psychiatrischen Kliniken, in seiner überwachten Wohnung und auf den Baustellen vollzieht, auf denen er nach wie vor schwere körperliche Arbeit leisten muss. Seine Wahnvorstellungen und Ängste gehen so weit, dass er enge Freunde und Familienmitglieder zu verdächtigen beginnt und zwei Selbstmordversuche unternimmt.

Umso bewundernswerter ist die Kraft, mit der er sein innerstes, sein schreibendes Ich bewahrt. Wenn er spürt, dass es sich zwischen den manischen und depressiven Phasen rührt, setzt er die dämpfenden Medikamente ab und gelangt in seinen Formulierungen zu einer konzentrierten Luzidität, die die Krankheit eher geschärft als getrübt hat. Sie, die Gedichte sind es, die von Ullmann bleiben werden. Und die tröstende Gewissheit, dass es ihm vergönnt war, wenn nicht seine Peiniger, so doch ihre staatliche Organisationsform überlebt zu haben. Als sich am 28. Oktober 1989 zehntausend Greizer zu ihrer ersten großen Demonstration formierten, stand Günter Ullmann in der ersten Reihe.

Udo Scheer: Die Sonne hat vier Ecken. Günter Ullmann - Eine Biographie
Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale) 2012
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© Mitteldeutscher Verlag
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