Kommentar zum Weltkindertag

Spielplätze grenzen Kinder aus

04:51 Minuten
Ein Klettergerüst auf einem Spielplatz (Symbolbild)
Spielplätze sind sichere Orte, aber sie symbolisieren auch die Ausgrenzung von Kindern, meint Birgit Weidt (Symbolbild) © picture alliance / SZ Photo / Johannes Simon
Meinungsbeitrag von Birgit Weidt |
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Eine kinderfreundliche Stadt zeichnet sich nicht durch viele Spielplätze aus. Denn Spielplätze sind nur der abgesteckte Raum, der für Kinder übrig geblieben ist. Kinder brauchen stattdessen eine Stadt, in der sie sich möglichst frei bewegen können.
Als ich sieben Jahre alt war, begann hinter unserem Haus das Abenteuer. Zumindest für uns Kinder. Genau genommen war es ein struppiges Stück Brachland:  Sand, Gras, Gebüsch. Wir nannten es "Tanke", weil dort irgendwann einmal zwei kleine Tanksäulen standen, nun war alles verwildert. Es gab einen kleinen Hügel, hinter dem wir uns verschanzten, ein Gebüsch zum Verkriechen und eine Wiese, die in unserer Köpfen zur endlosen Prärie wurde. Kein Erwachsener hatte diesen Ort für uns geplant. Und genau deshalb gehörte er uns.
Heute wäre die "Tanke" ein Fall für die Behörden. Zu unübersichtlich. Zu viele Stolperstellen. Kein Fallschutz, kein Schild, das erklärt, was hier vorgesehen ist. Wahrscheinlich würde man das Gelände einzäunen, eine Schaukel aufstellen, daneben eine Rutsche und ein Wipptier – und es anschließend Spielplatz nennen.

Wir bauen immer perfektere Orte für Kinder und nehmen ihnen zugleich den Raum

Und damit sind wir beim Punkt: ein Spielplatz sagt ziemlich genau, wie diese Gesellschaft heute Kindheit sieht. Wir wollen Kinder fördern, schützen, begleiten und möglichst vor jedem vermeidbaren Risiko bewahren. Also bauen wir ihnen eigene Räume. Aber wer Kindern einen Platz zuweist, erklärt damit den Rest der Welt zum Erwachsenengebiet.
Man sieht das in jedem Bebauungsplan. Erst kommen Häuser, Straßen, Stellplätze. Und irgendwo dazwischen bleibt eine Restfläche, auf der Kinder spielen dürfen. Übersichtlich, kontrollierbar, DIN-gerecht. Das ist der Widerspruch: wir bauen immer perfektere Orte für Kinder und nehmen ihnen zugleich den Raum. Denn Kinder brauchen keine Geräte. Sie brauchen Möglichkeiten. Einen Hügel, hinter dem etwas sein könnte. Büsche, in denen man verschwindet. Einen Baum, bei dem man selbst herausfinden muss, wie hoch man sich traut. Und Orte, an denen nicht dauernd ein Erwachsener zuguckt.
Wir haben uns angewöhnt, Sicherheit mit Kontrolle zu verwechseln. Ein gutes Kinderleben, das scheint eines zu sein, in dem möglichst wenig passiert. Nur besteht Kindheit genau darin, dass etwas passiert. Dass man sich etwas zutraut und sich manchmal überschätzt. Dass man hinfällt, sich streitet, Angst bekommt – und merkt: Ich komme damit klar.
Das ist kein Plädoyer für rostige Klettergerüste oder vielbefahrene Straßen als pädagogische Freiheit zu verklären. Die Frage ist eine andere: Haben wir beim Beseitigen der Gefahren nicht auch das Unvorhergesehene mit weggeräumt?
Erwachsene dürfen fast überall sein. Kinder finden sich immer öfter auf Inseln wieder, die extra für sie eingerichtet wurden: Hier darfst du laut sein. Hier darfst du rennen. Hier darfst du klettern. Aber bitte nur innerhalb des Zauns.

Wem gehört eigentlich die Stadt?

Je dichter die Städte werden, desto härter wird der Kampf um jeden Quadratmeter. Wohnungen, Autos, Gewerbe, Außengastronomie – alle wollen Fläche. Kinder haben dabei einen strukturellen Nachteil: Sie besitzen kein Grundstück, sie zahlen keine Miete und wählen dürfen sie erst, wenn die Orte zum Spielen sie nicht mehr interessieren.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage gar nicht, wie der perfekte Spielplatz aussieht. Sondern warum Kinder überhaupt einen Sonderort brauchen, um selbstverständlich dazuzugehören.
Eine kinderfreundliche Stadt wäre dann keine Stadt mit besonders vielen Spielplätzen. Sondern eine, in der auch der Hof etwas hergibt, die Wiese, der Platz vor dem Haus, das Gebüsch am Rand. Eine Stadt, in der nicht jede Fläche schon vergeben und nicht jedes Risiko schon ausgeschlossen ist.
"Lasst euch die Kindheit nicht austreiben", sagte Erich Kästner Kindern zum Schulbeginn. Heute müsste man diesen Satz wohl eher uns Erwachsenen sagen.
Trauen wir Kindern etwas zu: Neugier, Vorsicht, Übermut. Und auch kleine Fehlentscheidungen. Denn Freiheit fängt nicht erst mit 18 an. Manchmal beginnt sie hinterm Haus, auf einem struppigen Stück Brachland, das Erwachsene für wertlos halten – und das für ein Kind die ganze Welt ist.
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