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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.08.2010

"Die Situation ist immer noch ziemlich prekär"

UNHCR-Sprecherin in Pakistan: Bedarf an Spenden höher als bisher gedacht

Billi Bierling im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Opfer der Flutopfer in Pakistan (AP)
Opfer der Flutopfer in Pakistan (AP)

Nach Einschätzung von Billi Bierling, UNHCR-Sprecherin in Pakistan ist ein Ende der Flutwarnungen in Pakistan noch nicht abzusehen. Von geschätzten sechs Millionen Menschen, die von der Flutkatastrophe seien, habe man bisher nur 350.000 Menschen erreicht, sagte Bierling.

Jan-Christoph Kitzler: Noch immer ist kein Land in Sicht in weiten Teilen Pakistans, viele Opfer der Flutkatastrophe erreicht die Hilfe nur langsam, und oft reicht es nicht: 15 Millionen Menschen sind direkt von der Flut betroffen, und viele von ihnen stehen vor dem Nichts, wenn die Wassermassen denn abgezogen sind. Teilweise hat die Flut ein Gebiet überschwemmt so groß wie Italien.

Wie ist die Situation vor Ort und was muss getan werden, um weitere schlimme Folgen der Katastrophe zu verhindern? Darüber spreche ich jetzt mit Billi Bierling, der Sprecherin des Hilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, vor Ort in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad. Bei Ihnen ist es fast elf Uhr, also guten Tag!

Billi Bierling: Guten Morgen nach Deutschland!

Kitzler: Wie ist denn zurzeit die Situation in den Krisengebieten – erreicht die Menschen inzwischen die Hilfe?

Bierling: Die Situation ist immer noch ziemlich prekär, also ich … es gibt ja immer noch Flutwarnungen im Süden, im Zentrum von (…), wo die Flüsse. Der Indus-Fluss, der ist wahnsinnig angeschwollen, also wenn man das sich auf der Karte anschaut: Es ist - der hat sich, ich weiß nicht, bestimmt drei Mal die Breite, die er normalerweise hat, und da gehen die Leute, verlassen immer noch ihre Städte. Also es ist eine Katastrophe, ich meine, das hat vor drei Wochen begonnen, und es ist immer noch, ja, es ist noch nicht vorbei. Man kann jetzt noch nicht sagen, wir von UNHCR, wir können jetzt irgendwie hier wieder das, den Aufbau beginnen des Landes. Nein, wir sind immer noch in einer Notstandsituation. Wir müssen immer noch schauen, dass wir Hilfsgüter an die Menschen bringen, Zelte und so weiter und so fort.

Aber natürlich, wie Sie gerade gesagt haben: Es ist nicht leicht, an alle Menschen zu kommen. Und ich meine, wir von UNHCR; wir sagen, es sind sechs Millionen Menschen direkt betroffen, das heißt, sechs Millionen Menschen, denen ihre Häuser sind entweder total zerstört worden oder teilweise beschädigt. Die brauchen Hilfe, die brauchen Unterkünfte, und gut – soweit haben wir 350.000 Menschen erreicht, was natürlich jetzt im Vergleich zu sechs Millionen sich anhört wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber ich sage immer, das ist zehn Mal meine Heimatstadt Garmisch Patenkirchen, und wir versuchen, dass wir an so viele Menschen kommen wie möglich.

Kitzler: In einigen Regionen steht das Wasser jetzt schon ziemlich lange, und bis mindestens August, Ende August soll das noch so bleiben. Wie groß ist denn die Gefahr von Seuchen?

Bierling: Ja natürlich, das ist das Nächste, ich meine, das Wasser steht, es ist heiß. Also wir haben hier momentan 35 Grad, auch wenn es regnet, es ist trotzdem heiß, es ist wahnsinnig feucht. Natürlich – die Weltgesundheitsorganisation ist hier vor Ort, es werden, ja, ständig Assessments gemacht, also dass eben gesehen wird: Gibt es Seuchen? Und die muss man natürlich schauen, dass man die so gut wie möglich im Zaum hält. Aber es ist eine Riesengefahr da, es wurde von einem Cholerafall mal gesprochen. Es - die Gefahr besteht, und es ist eine der großen Herausforderungen, die die UNO, die Weltgesundheitsorganisation hat, um das halt irgendwo im Zaume zu halten. Aber es ist eine Wahnsinnsaufgabe.

Kitzler: Viele unterschiedliche Hilfsorganisationen versuchen zu helfen, dazu auch noch das pakistanische Militär und ausländisches Militär. Haben Sie den Eindruck, dass das alles gut koordiniert ist?

Bierling: Ja, also wie gesagt, wir sind jetzt in der dritten Woche. Ich meine, natürlich, am Anfang war es chaotisch, da kam jeder und es werden Zelte hier geliefert und Nothilfsgüter da. Es gibt natürlich hier in Pakistan - natürlich, dass die Vereinten Nationen schon seit Jahren in Pakistan sind - gibt es einen Koordinationsmechanismus. Das heißt, dass ist OCHA, ein UNO-Büro, die koordinieren das, und wir arbeiten zusammen mit anderen UNO-Agenturen, mit Nichtregierungsorganisationen, ja, und auch mit der Regierung. Und das funktioniert schon. lso es sind ständig irgendwelche Meetings, wo die Leute sagen, wir liefern das, wir liefern das. UNHCR gibt zum Beispiel Zelte an eine andere Organisation, die liefern die aus. Wir, andererseits, überwachen das natürlich, dass die Güter an die richtigen Menschen gehen, dass es an die Menschen geht, die wirklich am meisten brauchen. Aber wie gesagt, wie alles andere hier: Es ist eine Riesenherausforderung, eine Wahnsinnsaufgabe, und mit so einer Katastrophe hat natürlich niemand gerechnet.

Kitzler: Das Ganze kostet ziemlich viel Geld. Es gibt eine Berechnung, nach der für die Betroffenen des Erdbebens von Haiti durchschnittlich 489 Dollar pro Kopf gespendet wurden, für die Opfer der Flut in Pakistan bislang nur 10 Dollar. Spüren Sie, dass so wenig Geld ankommt?

Bierling: Also es war am Anfang sehr langsam. Also die Spendenbereitschaft, man merkt es schon, ist ein bisschen größer geworden. Ich glaube, jetzt ja, es gab wahrscheinlich auch eine gewisse Spendenmüdigkeit nach Haiti. Und dann ist natürlich Pakistan, ja, ist jetzt vielleicht noch ein bisschen negativ behaftet. Und ich sage aber immer: Es geht hier wirklich um das Schicksal der Menschen. Und ich glaube, dass jetzt die Menschen in Deutschland oder in Europa oder in der westlichen Welt sehen, wie groß diese Katastrophe ist. Und es ist was, was, es ist noch nie da gewesen vorher, es ist immer noch kein Ende abzusehen.

Und die Menschen in Pakistan zum Beispiel, ich sage immer, im Swat-Tal: Das Swat-Tal ist uns allen ein Begriff. Da waren die Militärinterventionen, da mussten die Menschen fliehen. Die sind geflohen, die lebten ein Jahr, anderthalb Jahre in einem Auffanglager. Da sind die jetzt vor drei, vier Monaten erst zurück ins Swat-Tal, um ihr Leben wieder aufzubauen. Und jetzt sind die dorthin zurückgekommen, und jetzt ist ihnen alles weggewaschen worden. Also das Swat-Tal ist eines der betroffensten Gebiete. Also das sind schon tragische Vorfälle. Und da sage ich mir, da muss man wirklich an die Menschen denken, und ich hoffe, dass Deutschland und die anderen Länder noch weiterhin spenden und uns bei unserer Arbeit helfen.

Kitzler: Sie haben gesagt, am Anfang hat man gemerkt, dass die Gelder langsam geflossen sind. Woran haben Sie das gemerkt?

Bierling: Es war einfach, wir haben natürlich einen Appell lanciert, und das hat, also ich meine. Haiti, glaube ich, ging viel schneller, da wurde zack, zack, da wurde das Geld da ziemlich schnell bereitgestellt. Und bei uns hat es einfach, ja, ich glaube schon, so eine Woche gedauert, bis die Spenden gerollt sind. Und ich meine, gut, wir haben unser Appell, das für 460 Millionen Dollar, der ist momentan zu 55 Prozent gedeckt. Es gibt sogenannte Pledges, also Regierungen sagen: Okay, wir geben euch noch so und so viel. Das Geld ist noch nicht in der Bank, aber 55 Prozent sind in der Bank, und es kommt immer mehr Geld rein. Und natürlich müssen wir auch diesen Appell wahrscheinlich noch mal revidieren, weil die Forderungen, der Bedarf ist einfach viel höher, als wir vor zwei, drei Wochen noch gedacht haben.

Kitzler: Billi Bierling war das, die Sprecherin des Hilfswerks der Vereinten Nationen UNHCR, live aus Islamabad über die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan. Vielen Dank für das Gespräch und einen schönen Tag!

Bierling: Danke schön! Wiederhören!

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